Am Anfang von etwas Großem steht ja oft: keine Idee. In unserem Fall war es die hartnäckige Ratlosigkeit, wie wir das zwanzigste Jubiläum von ZEIT ONLINE begehen sollten. Am vergangenen Wochenende haben wir es gefeiert und, ohne es zu wollen, womöglich bei der Geburt einer neuen Bewegung junger Erwachsener geholfen.

Und das kam so.

Lange Zeit wussten wir nur, wie wir nicht feiern wollten: mit einer Konferenz zur Zukunft des Journalismus. "Warum laden wir zum 20. nicht andere 20-Jährige ein?", fragten wir uns, als das Datum schon nahe war. Der einfache Gedanke verfing, schnell war auch der Rahmen abgesteckt. Ein zweitägiges Sommerfestival in Berlin sollte es werden, die Gäste sollten im Alter "2X" sein, also zwischen 20 und 29, das Programm von den Eingeladenen selbst gestaltet werden, die sich mit einer Idee bewerben sollten – "zur Verbesserung der Welt".

Unser Plan erschien uns selbst verkopft: 2X-Jährige sind dem Klischee nach vor allem mit sich selbst beschäftigt und schwer zu mobilisieren, zumal für politische Themen.

Zum Geburtstag am 6. März stellten wir ein Schild ins Netz: "Z2X – Das Festival der neuen Visionäre. Du hast eine Idee, um das Leben besser zu machen? ZEIT ONLINE hat das Festival. Zwei Tage und eine Nacht zusammen denken, planen, streiten, abheben." Darunter ein Eingabeschlitz für die E-Mail-Adresse.

24 Stunden später hatten sich mehr als 1.000 Interessierte im Alter von 20 bis 29 Jahren registriert. Nach einigen Tagen waren es viele Tausend.

Nur für den Fall, dass nicht nur wir Z2X ernst nahmen, entwarfen wir ein vages Programm: Neben klassischen Workshops sollte es das Format "Frag mich alles" geben, in dem inspirierende Menschen in kleiner Runde befragt werden können. Und fünfminütige "Blitzvorträge" vor dem Plenum. Am Schluss wollten wir gemeinsam über jene Z2X-Projekte abstimmen, die wir mit ZEIT ONLINE weiter begleiten und bei Bedarf per Crowdfunding auch finanziell unterstützen wollten.

Um die Ernsthaftigkeit der Interessierten zu testen, stellten wir ein Bewerbungsformular ins Netz, in dem man sich nicht nur mit einer ausführlichen Ideenskizze bewerben, sondern zur Vorstellung auch durch kryptische Multiple-Choice-Formulare quälen musste: "Tagsüber beschäftige ich mich meistens mit ___ und nachts mit ___ . Kein Tag vergeht ohne ___ . Aufstehen geht nur mit ___ . Grüner Tee ( ) oder Cappuccino ( )? Violoncello ( ) oder Ukulele ( )? GoT ( ) oder GNTM ( )?"

Wieder bewarben sich Tausende. Mit einem ganzen Universum konkreter Ideen: Es ging um das bedingungslose Grundeinkommen, darum, wie wir in Zukunft arbeiten wollen, wie unsere anonymen Städte wieder lebenswert werden, um Generationengerechtigkeit, um politische Teilhabe, um Nachhaltigkeit, um "geldfreies Leben", um die Hilfe für Geflüchtete und besonders oft um Elektromobilität. Zu unserer Verwunderung kaum vertreten: Digitales. Und keine Parteipolitik, nirgends.

560 von 5.000 Interessierten lud unsere Jury ein, 80 davon mit der Bitte, einen Programmpunkt zu gestalten. Check-in: Samstag, 3. September, 8.30 Uhr.

Alle hielten ihre Verabredung ein. So pünktlich, dass WLAN und Registrierung zusammenbrachen und 600 Z2X-Taschen schon am Morgen vergriffen waren. Entspannt plaudernd und mit dem Smartphone in der Hand, standen die Teilnehmer in der wachsenden Warteschlange, die sich aus dem Veranstaltungsgelände heraus um die Ecke wand, im Schnitt 24,9 Jahre alt, 50 Prozent männlich, 42 Prozent weiblich sowie 8 Prozent mit einem individuellen Geschlecht, das sich in einem vorsorglich eingerichteten Freifeld eingeben ließ. 80 Prozent von ihnen sehen lieber GoT (Game of Thrones) als GNTM (Germany’s Next Topmodel). 42 Prozent ziehen grünen Tee einem Cappuccino vor.

Gekommen waren sie nicht nur direkt aus Berlin (25 Prozent) und ganz Deutschland, sondern aus halb Europa, auch aus Russland und Rumänien. Ihre Anreise konnten wir live verfolgen, denn während wir noch über eine digitale Infrastruktur nachgedacht hatten, mit der sich alle Teilnehmenden vor Ort vernetzen könnten, hatten die das längst selbst in die Hand genommen: In Facebook- und WhatsApp-Gruppen organisierten sie nicht nur ihre Workshops, sondern planten bereits jene umfassende Dokumentation des weitverzweigten und im Grunde undokumentierbaren Z2X, die unserer Redaktion solche Kopfschmerzen machte. Während wir uns sorgten, ob sie angesichts der bevorstehenden Ifa in Berlin überhaupt unterkämen, fanden sie füreinander Übernachtungs- und Mitfahrgelegenheiten, Coworking Spaces und Kneipen.