Natürlich hoffen immer alle, dass es Kokain ist. Nur, meistens ist es nichts. Müll, leere Leinen- oder Plastiksäcke, manchmal mit Kaffee drin. Wenn es gut läuft, Zigaretten oder Alkohol. Hasch und Marihuana. Selten Waffen.

Es ist das Kokain, das sie hier antreibt: auf haushohe Frachter, über wackelige Leitern, durch Rohre und Schächte. Denise Steiner, die ein wenig aussieht wie die Videospielheldin Lara Croft und in Wirklichkeit anders heißt, aber aus Sicherheitsgründen wie auch ihre Kollegen anonym bleiben soll, sagt: "Kokain ist die Motivation."

Seit Monaten sorgen große Funde des weißen Pulvers im Hamburger Hafen für Aufregung. Entdeckt haben den Stoff vor allem die Mitglieder der sogenannten schwarzen Gang, zu der auch Denise Steiner gehört. Es ist eine Art Spezialeinheit des Zolls, die einlaufende Schiffe auf Drogen und andere Schmuggelware durchsucht. Einst war das eine im Wortsinn schmutzige Arbeit: Kohlenstaub, Ruß, Schmieröl. Daher der Name, schwarze Gang. Er hat sich bis heute gehalten, vielleicht weil er mehr nach Actionserie klingt als "Sachgebiet C, Kontrollraum Wasser".

Erst vor wenigen Tagen ging die jüngste Ladung hoch: zehn Kilo hochreines Kokain. Nach dem Strecken sind das 30 Kilo verkaufsfertiges Produkt. Allein diese Lieferung hätte in Hamburger Clubs und auf der Straße mehr als zwei Millionen Euro gebracht. Einer von Steiners Kollegen sagt: "Ab ’nem halben Kilo freuste dich schon echt so richtig. Aber bei zehn Kilo, da geht dir die Pumpe, das glaubste nich’."

Der Trick ist immer der gleiche: verschweißte Kilopäckchen, eingeklemmt zwischen Motorkolben und -kabeln von Baumaschinen aus Brasilien. Im März tauchten im Hafen erst 20, dann 26 Kilo auf diese Weise verstecktes Kokain auf, im Juli an zwei Tagen insgesamt 57 Kilo, verschifft im Hafen von Santos. Rechnet man die Funde der kooperierenden norddeutschen Zollämter hinzu, wurden seit Jahresbeginn bereits rund 320 Kilo "Bagger-Koks" gefunden. Zum Vergleich: Im gesamten vergangenen Jahr hat das Hauptzollamt Hamburg-Hafen knapp 55 Kilo Kokain sichergestellt.

"Bagger-Koks": Kiloweise Stoff in Baufahrzeugen aus Brasilien © dpa

Die derzeitigen Erfolge können sie sich beim Zoll kaum erklären. Warum ändern die Kartelle ihre Route nicht? Ein Ablenkungsmanöver? Vielleicht sucht man in Baggern nach Kilos, während anderswo ganze Zentner unentdeckt bleiben? Sind die Mengen so riesig, dass 320 Kilo für die Drogenbosse gar nicht ins Gewicht fallen?

Zollstation, Überseebrücke, 6.57 Uhr

Jens Möller steht in einem Flachbau auf dem Ponton an der Überseebrücke, hinter ihm wartet die Cap San Diego auf die ersten Touristen. Draußen hängt ein Schild, "Zutritt für Unbefugte nicht gestattet", drinnen Bilder von Schiffen und nackten Frauen. Mehr als 40 seiner 64 Jahre hat Möller beim Zoll verbracht. Er hat mal Schiffbau gelernt und ist zur See gefahren, nächstes Jahr geht er in Pension. Es sind seine letzten Einsätze bei der KE 25. KE steht für Kontrolleinheit. Im Hafen sind die Zollbeamten von der KE 25 auch als "die Blauen" bekannt, wegen ihrer Uniformfarbe und weil sie über das Wasser kommen, mit dem Boot. Denise Steiner hingegen gehört zur KE 26, den "Grünen". Sie tragen grüne Uniformen und kommen mit dem Auto über die Terminals.

Zusammen sind sie die schwarze Gang. Treffpunkt sind die ankommenden Frachter. 8.700 Schiffe legen jedes Jahr im Hamburger Hafen an, bringen knapp neun Millionen Container. Das Hafengebiet ist 164-mal so groß wie der Vatikan. Hier Schmuggelware zu finden – eine fast unmögliche Mission.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 38 vom 8.9. 2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Zollboot "Ericus", 7.31 Uhr

Als Schiffbauer, sagt Möller, während er sein Boot unter der Köhlbrandbrücke hindurch zu den Terminals steuert, kenne man die verborgenen Ecken, die geheimen Zwischenräume hinter Stahlwänden oder unter Bodenplanken. Das sei wichtig, obwohl die Schmuggelware heute längst nicht mehr so aufwendig versteckt sei wie einst. Sie finde sich meist in Reisetaschen oder dicken Mülltüten in einem gezinkten Container, griffbereit für die Drogenkuriere. Rip-off-Verfahren nennen sie das beim Zoll. Einfach, aber effizient. Dagegen sind die Bagger-Verstecke schon fast raffiniert.

Containerterminal Altenwerder, 7.41 Uhr

Zwei Schiffe haben an der Kaimauer festgemacht, knapp 400 Meter lang, schwimmende Kleinstädte. "Boah, so ’ne Riesendinger", sagt einer. Möller legt am Heck an, zwei Mann klettern auf einer schmalen, in die Kaimauer eingelassenen Leiter nach oben auf das Terminal, wo Denise Steiner und die anderen "Grünen" warten.

Sie, die KE 26, sind eine Hamburger Besonderheit und einer der Gründe, warum der Hamburger Hafen im Vergleich zu Rotterdam und Antwerpen bei Drogenschmugglern wenig beliebt ist. Entstanden ist diese Kontrolleinheit aber eher aus Zufall: Als im Jahr 2013 die Freihafenzone in Hamburg endgültig aufgelöst wurde, waren mit einem Mal Dutzende Zöllner beschäftigungslos. Viele von ihnen wollten ohnehin weg von der Bordsteinkante, rauf auf die Schiffe, zur schwarzen Gang.

Eine Personalaufstockung, mit der keine der Schmugglerbanden gerechnet hatte und die zu messbaren Erfolgen führte: Mehr als zwei Zentner Kokain fanden die Hafenzöllner in jenem Jahr. Bis heute erzählen sie vom "weißen Frühling".