Es gibt noch keine Normalität im Umgang mit der AfD, das haben die Reaktionen auf den Wahlerfolg der Partei in Mecklenburg-Vorpommern bewiesen: Viele Bürger sind ratlos, viele Politiker unsicher – und auch viele Journalisten fragen sich, wie sie über die Partei berichten sollen. Wir plädieren für einen selbstbewussteren Umgang mit der AfD.

1. Nicht immer dazusagen, wie schlimm die AfD ist

Viele Journalisten haben offenbar das Bedürfnis, ihren Lesern so oft wie möglich einzutrichtern, für wie böse sie die AfD halten. Deshalb arbeiten sie, gewiss häufig unbeabsichtigt, mit suggestiver Sprache. "Die rechtspopulistische AfD" werde "zweitgrößte Fraktion", schreibt die Süddeutsche . Ob die "demokratischen Parteien" nicht zusammenstehen müssten im Kampf gegen die AfD, fragt der stern . Beides kommt einer Vorverurteilung gleich: Wer die anderen als die "demokratischen" Parteien etikettiert, schließt die AfD aus. Wer einen Satz mit der "rechtspopulistischen AfD" einleitet, vermittelt, dass eh egal sei, was jetzt folge. Die Entgegnung der AfD-Leute, die man verlässlich zu hören bekommt, lautet: Schreibt ihr denn auch von "sozialistischen Linken" und "öko-aktivistischen Grünen"? Stimmt: Das tun wir nicht. Wir sollten es auch bei der AfD unterlassen. Und lieber Argumente bieten.

2. Die AfD nicht mit Rechtsextremen und Neonazis gleichsetzen

Wenn AfD-Leute eine Interviewanfrage ablehnen, begründen sie das gerne so: "Ihr schreibt doch sowieso wieder, dass wir alle Nazis sind." Das stimmt natürlich nicht, die meisten Journalisten können sehr wohl differenzieren zwischen der Mehrzahl der AfD-Mitglieder und Rechtsextremen. Aber hin und wieder verrutschen die Maßstäbe: Nach der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern fingen etliche Zeitungen an, AfD- und NPD-Ergebnisse zu addieren: "Zwei Drittel aller Stimmen für AfD und NPD – in keinem Ort haben Bürger so extrem rechts gewählt wie in Blesewitz", schreibt der Spiegel. Die NPD müsse gar nicht mehr verboten werden, "da sie in der AfD aufgeht", stand neulich auch in der ZEIT. Nur: Wer die AfD dämonisiert, indem er sie mit Neonazis gleichsetzt, macht es nicht nur der AfD zu leicht, sondern auch sich selbst. Er drückt sich davor, im Konkreten nachzuweisen, wo die AfD Grenzen überschreitet. Und die AfD-Leute freuen sich über den pauschalen Vorwurf, weil er sie in ihrer Paria-Rolle bestärkt. Dabei wäre es wichtig, genau zu unterscheiden: Tatsächlich erklärt sich der breite Appeal der AfD ja gerade auch daraus, dass sie keine NPD-Positionen vertritt. Die meisten AfD-Leute fordern eben nicht die Ausweisung aller Ausländer, sondern etwa die Ausweisung illegal eingereister Migranten. Auch das mag viele empören, ist aber keine per se illegitime Forderung.

3. Nicht auf jede Provokation einsteigen

Journalisten neigen mitunter dazu, sich über jede Parole der AfD zu echauffieren. Das freut die AfD. Die Masche ist oft dieselbe: Ein AfD-Politiker provoziert, alle empören sich, dann rudert die Partei zurück. Man könnte diesen Kreislauf durchbrechen: Zu einer gelungenen Provokation gehört immer einer, der provoziert – und einer, der sich provozieren lässt. Zu einer Normalisierung der Debatte würde gehören, nicht mehr über jedes Stöckchen zu springen, das die AfD uns Journalisten hinhält. AfD-Politiker kalkulieren mit dem enormen emotionalen Aufruhr, den ihre Äußerungen provozieren. Sie machen Politik über den Kampf um Begriffe. Gerade deshalb wäre es besser, inhaltlich, analytisch, faktenreich zu entgegnen. Das ist gar nicht so einfach, denn natürlich sind auch Journalisten bloß Menschen, und auch auf AfD-Demos wurden schon Reporter angepöbelt, die AfD schimpft Journalisten Lügner und unterstellt ihnen Ehrlosigkeit. Dennoch ist es wichtig, sich stets in Erinnerung zu rufen: Es ist nicht Aufgabe der Medien, die AfD zu bekämpfen. Es ist ihre Aufgabe, sie zu hinterfragen.

4. Raus aus der Spirale der Beleidigungen

Dass die Debatte um die AfD häufig verkorkst ist, hat viel mit Beleidigtsein zu tun. Manche Journalisten sind beleidigt, weil die Wütenden permanent ihre Verachtung zeigen. Dann wird manchmal verbal zurückgeschossen. AfD-Politiker werden zum Beispiel als "Rattenfänger" (NDR) bezeichnet – womit man nicht nur die Politiker, sondern auch deren Anhänger beschimpft. Dabei fällt unter den Tisch, dass es einen Unterschied gibt zwischen AfD-Funktionären und AfD-Wählern: Wenn Politiker pöbeln, sollte man nicht deren Wähler bestrafen oder sich über diese erheben.