In der CDU gibt es eine neue Grußformel. Etliche Bundestagsabgeordnete und Mitarbeiter sagen inzwischen nicht mehr "Hallo" oder "Guten Tag", wenn sie sich treffen. Sie sagen "MMW". Das heißt: "Merkel muss weg." Andere sprechen von einem Ultimatum, das mit der Wahl in Berlin am kommenden Wochenende verbunden sei: Wenn Merkel nicht spätestens am Dienstag danach öffentlich Fehler in ihrer Flüchtlingspolitik einräume, werde eine offene Diskussion über ihre Ablösung losbrechen – ohne Rücksicht darauf, wie plausibel die Alternativen sind.

An das Nörgeln aus der CDU hat man sich in den vergangenen Jahren gewöhnt, an Briefe, die geschrieben und nicht abgeschickt (oder beantwortet) werden, an Ultimaten, die folgenlos verstreichen. Doch was sich derzeit an politischer Energie zwischen Berlin, München und Brüssel zusammenballt, reicht über das Bekannte weit hinaus. Längst geht es nicht mehr um einzelne Sätze oder Maßnahmen, sondern um die Frage: Vertrauen Sie, vertrauen wir noch dieser Frau?

Auch diejenigen, die fest an Merkels Seite stehen, räumen ein, dass etwas ins Rutschen geraten ist. Das Grundvertrauen sei "ein Stück weit weg".

Beinahe täglich zieht die CSU die Daumenschrauben weiter an und verlagert den Konflikt ins Grundsätzliche. Ministerpräsident Seehofer erklärt, das Problem gehe längst über die Flüchtlingspolitik hinaus, die Menschen wollten "diese Berliner Politik nicht" – die Politik, die Seehofer als Parteivorsitzender mit verantwortet. Er sagte eine Reise nach Russland ebenso ab wie die Eröffnung des Oktoberfestes in der Berliner Dependance Bayerns und schürt damit den Eindruck: In Deutschland herrscht der Ausnahmezustand.

Für Merkel gilt hingegen: Alles, was Sie sagen oder tun, kann und wird ab sofort gegen Sie verwendet werden. Ihre Auslandsreisen, die Treffen mit den Großen dieser Welt, all das, was ihr Ansehen in der Vergangenheit gemehrt hat, wird nun zum Beleg dafür, dass Merkel sich den Problemen des Landes entfremdet habe.

Nun ist es nichts Neues, dass Kanzler im Lauf ihrer Amtszeiten mit sinkenden Umfragewerten zu tun haben. Und 34 Prozent Zustimmung sind, gemessen an den Ereignissen, sogar erstaunlich viel. Auch Vertrauenskrisen hat es immer wieder gegeben. Und doch ist etwas grundlegend anders: Mit der Flüchtlingskrise ist Merkel selbst in den Augen vieler zum Problem geworden und zum Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen. Sie, die immer alles zusammengeführt hat, spaltet ihre Partei und die politischen Lager, über die Landesgrenzen hinaus.

Die Vertrauenskrise trifft die Kanzlerin doppelt: Immer stärker war Merkels Denken und Handeln in den vergangenen Jahren außenpolitisch geprägt. Das hat ihr Ansehen über die Parteigrenzen hinaus gebracht und sie möglicherweise zugleich für Fehler anfällig gemacht. Denn ihre Stärke in der Weltpolitik konnte sie deshalb entfalten, weil sie im eigenen Land unangefochten war. Nun addieren sich in der Flüchtlingskrise Vertrauenskrise und Machterosion.

Wenn Merkel Ende dieser Woche nach Bratislava reist, um mit ihren EU-Kollegen über eine europäische Sicherheitspolitik zu verhandeln, trifft sie auch dort auf eine grundlegend andere Ausgangssituation als noch vor wenigen Jahren. Die Zeit der deutschen Hegemonie in der EU geht zu Ende. Merkels innenpolitische Schwäche schlägt europäisch durch, ihre Macht schwindet. Und sie schwindet zu einem Zeitpunkt, da es zum ersten Mal seit langer Zeit im eigenen Land eine Machtoption jenseits von Merkel geben könnte.

Bei der Landtagswahl in Berlin könnte es nicht mal mehr für eine große Koalition reichen. Sollte dort aber ein rot-rot-grünes Bündnis entstehen, wofür vieles spricht, wird es eine Debatte darüber geben, ob das auch eine Alternative zu Merkel wäre. Das ist das Gefährliche aus ihrer Sicht: Zum ersten Mal verbindet sich mit dem Vertrauensverlust der Zweifel am Machterhalt.