Das vielleicht suggestivste Bild von Annelise Kretschmer ist von 1930 und zeigt eine blonde Frau, deren Gesicht der Fotografin abgewandt ist. Man sieht ihren Kopf von hinten, den streng zusammengebundenen Zopf, etwas Wange, einen Hut. Im Hintergrund ist ein Renaissance-Gemälde zu sehen, das ausschnitthaft ein Frauenprofil zeigt. Vielleicht betrachtet die unbekannte Museumsbesucherin gerade die Bildinformationen des Kunstwerks. Die Renaissance, die den individuellen Ausdruck feierte und die Persönlichkeit von ständischen Zuschreibungen befreite, wird hier mit der Abstraktheit der Moderne kontrastiert. Der Blick bleibt auf die Struktur der Haare, des Hutes, des Kleides der Besucherin fixiert, und man sehnt sich nach ihrem Antlitz, das einem vorenthalten wird. Es offenbart sich einem aber nur das Gesicht historischer Ferne.

Den Vorwurf, dass die Fotografie nur die schnöde Realität kopiere, suchten frühe Fotografen mit ausgesucht malerischen Sujets zu umgehen: mit der Aufnahme von italienischen Landschaften, klassischen Akten, mit Requisiten, ausstaffierten Porträts oder der Imitation von symbolisch belegten Figurenensembles. Die neue Sachlichkeit, von der Annelise Kretschmer inspiriert wurde, befreite sich in den zwanziger Jahren vom Muff der Kunstfotografie. Man setzte auf Struktur und Form und bannte sowohl die Serialität der modernen Warenwelt als auch die Geometrie der Industriebauten ins Bild. Dieses Verfahren der Kälte hatte, bei aller Avanciertheit, den Preis der Gesichtslosigkeit. Der Bubikopf wurde austauschbar, die Mode prägte in Abertausenden Reproduktionen die Massen.

Annelise Kretschmer hat nicht nur mit der Fotografie der Unbekannten die neue Sachlichkeit mit neuer Sachlichkeit überwunden. Die Individualität ist in ihren Bildern, und sei es als eine abwesende, immerzu präsent. So oft ist das Nichtgezeigte das heimliche Zentrum des Bildes, die Beseeltheit etwas Verborgenes. Anrührend etwa das Bild des alten, weltbekannten Fotografen Albert Renger-Patzsch aus dem Jahr 1962. Im Profil sein stolzer, vogelartiger Kopf – nicht viel mehr als eine Landschaft, die jedes Innenleben verschluckt. Eine Frau, die sich mit geschlossenen Augen und einer wegwerfenden Handbewegung vor den Sonnenstrahlen schützt. Und immer wieder Kinder, die mit entschlossener Ernsthaftigkeit an der Kamera vorbeiblicken.

Dann doch, fast überraschend in der Zusammenschau, auch der direkte, auffordernde Blick in die Linse: etwa von François Mathey, dem Chefkurator des Louvre, der Ende der fünfziger Jahre mit gespielter Arroganz posiert, oder von ihrem früh verstorbenen Mann, dem Bildhauer Sigmund Kretschmer, der auf dem Rücken liegt und sich James-Dean-haft cool gibt. Die Landschaft als Struktur: der Hafen von Cancale in der Bretagne, wo sich 1928 Segelschiffe und Automobile wie Insekten in der Weite verlieren. Die Stadt als Form: Paris, das sich durch die Schraffur des Regens am Fenster zeigt oder nur durch das Schattenspiel von Bäumen. Manchmal blitzt das Mondäne auf wie aus dem Nichts: etwa im Porträt der Opernsängerin Ellice Illiard von 1930, die mit dem klein geschminkten Mund von Stummfilmstars lasziv liegend in die Kamera blickt.

Es ist, man muss es so pathetisch sagen, ein Segen, dass das Käthe Kollwitz Museum in Köln dieser fast vergessenen Fotografin nun eine Ausstellung widmet (bis zum 27. 11.) – die meisten der ausgestellten Werke wurden bislang noch nie gezeigt. Annelise Kretschmer, 1903 in Dortmund geboren, Tochter einer liberalen, kunstaffinen Familie – die Eltern betrieben ein Modehaus –, machte in der Weimarer Republik als Meisterschülerin des Dresdner Fotografen Franz Fiedler rasch Karriere, auch als Fotografin für Modezeitschriften. 1933 wurde sie wegen ihres jüdischen Vaters von der Fotografie-Akademie Gesellschaft Deutscher Lichtbildner ausgeschlossen und konnte ihre Arbeit nur in bescheidenem Ausmaß in Dortmund und im entlegenen Worpswede fortsetzen. Eine internationale Karriere blieb ihr versagt. Sie starb 1987 in Dortmund nach regional begrenztem Ruhm. Erst in ihren letzten Lebensjahren wurden ihre Werke auch in Kiew und Amerika gezeigt.

Annelise Kretschmers allererste Fotos stammen aus den frühen zwanziger Jahren: Bromöldrucke von einer Nordafrikareise, unscharfe, geheimnisvolle Moscheen, Kamele, Beduinen. Es waren da, wer konnte es wissen, nur noch wenige Jahre, bevor sich ihr die weite Welt verschloss.