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Vergangenes Jahr erschien Jürgen Gottschlichs Buch Beihilfe zum Völkermord. Deutschlands Rolle bei der Vernichtung der Armenier (Christoph Links Verlag). In einem Interview brachte der Autor den Inhalt auf den Punkt: "Die Deutschen wussten, dass die Armenier massakriert wurden, aber sie blieben tatenlos."

Dafür gab es viele Gründe: Das von Kaiser Wilhelm II. und Sultan Abdülhamid II. begründete Zweckbündnis galt auch 1915. Die Osmanen fürchteten die Zerschlagung ihres Reiches und flüchteten sich vor Russland unter Deutschlands Fittiche. Deutschland seinerseits strebte mittels der Osmanen die Vorherrschaft im Nahen Osten an. Es unterstützte die Modernisierung der osmanischen Armee, lieferte Waffen und nahm den Bau einer Bahnlinie nach Bagdad in Angriff. Deutschland "beteiligte sich an der Planung der Deportationen", als die Annäherung einiger Armenier an Russland ruchbar wurde.

Der deutsche Botschafter bat Reichskanzler Bethmann Hollweg, den türkischen Kriegsminister Enver Pascha zu drängen: Wenn die Massaker nicht abgestellt würden, entziehe man den Türken alle Sympathien. Die Antwort lautete: "Nein, wir brauchen die Türken." Bald darauf wurde der Botschafter abberufen.

Die jüngsten Spannungen zwischen Ankara und Berlin wegen des Militärstützpunktes in Incirlik erinnern an diese Geschichte. Deutschland hat Tornado-Kampfflugzeuge und 250 Soldaten in Incirlik stationiert. Berlin will dort den Bau militärischer Anlagen mit 58 Millionen Euro in Angriff nehmen. Mit Ausbildungsprogrammen und gemeinsamen Manövern unterstützt Deutschland die Modernisierung der türkischen Armee. Und Deutschland strebt danach, im Nahen Osten mitzureden.

Doch im Juni verabschiedete der Bundestag die Armenien-Resolution. Prompt setzte Ankara das Abkommen aus und verweigerte deutschen Abgeordneten die Besuchserlaubnis für Incirlik. Die Spannungen stiegen so weit, dass Außenminister Steinmeier drohte, falls die Einreise nicht erlaubt werde, werde man die deutschen Einheiten aus Incirlik abziehen und die Aufklärungsflüge der Nato verhindern. Sein türkischer Amtskollege Çavuşoğlu erwiderte: "Wenn Deutschland die notwendigen Schritte unternimmt, werden wir den Besuch ermöglichen."

Kanzlerin Merkel steckte in der Zwickmühle: auf der einen Seite die Öffentlichkeit im eigenen Land, auf der anderen das "Zweckbündnis zwischen Deutschland und der Türkei". Sie entschied sich für Letzteres. Unmittelbar vor ihrer Abreise zum G20-Gipfel in China erklärte sie im Fernsehen, der Entschluss des Bundestags habe keine rechtlich bindende Wirkung. Regierungssprecher Seibert bekräftigte, das sensible Thema obliege nicht der Beurteilung durch den Bundestag. Was als Genozid zu bezeichnen sei, hätten Gerichte zu entscheiden. Das ist auch die Position der Türkei. Der türkische Außenminister Çavuşoğlu verkündete denn auch die frohe Botschaft: "Deutschland hat unsere Bedingungen erfüllt."

Die Krise ist gelöst. Nächsten Monat reist eine deutsche Delegation nach Incirlik. Unterdessen wird der Türkei vorgeworfen, ihre Syrien-Operation richte sich nicht gegen den IS, sondern gegen die Kurden. Ankara hält dagegen, die Kurden verfügten über deutsche Panzerabwehrraketen.

Ich kann mir vorstellen, was der deutsche Botschafter in der von Ausnahmezustand und Syrien-Einsatz erschütterten Türkei ans Auswärtige Amt schreibt, ebenso die Antwort aus Berlin: "Wir brauchen die Türken."

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe