Diese Geschichte handelt von einer Stadt voller Möglichkeiten. Einer Stadt, von der Menschen in aller Welt schwärmen, vom Hauch der Geschichte, von ihrer grandiosen Unfertigkeit oder den Clubs an der Spree. Einer Stadt, die Kreative anzieht und die innovative Elite. Einer Stadt, die sich an New York misst und an London – und die doch ihre Chancen verspielt. Weil sie den Menschen immer häufiger zur Last fällt und immer öfter versagt, auch da, wo es wirklich wichtig ist. Berlin: Diese Geschichte sucht nach der Formel, die den Erfolg dieser Stadt erklärt, immer öfter nun aber das Scheitern. Und dabei spielt ein Phänomen eine große Rolle. Das Verantwortungspingpong.

Genau zehn Jahre ist es her, dass der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit stolz einen Spaten in die Erde stach. Damit begann der Bau des neuen Flughafens in Schönefeld, der schon bald nur noch wegen Pfusch, Mauscheleien und Betrug in den Schlagzeilen war. Die ganze Republik staunte über den Irrsinn. Trotzdem ist kein Berliner Politiker zurückgetreten, wird weiter Geld ausgegeben: jeden Tag mehr als eine Million Euro. Jeden Monat 40 Millionen. Insgesamt soll der BER über sieben Milliarden Euro kosten. Wenn er denn fertig wird.

Viele Berliner begegnen dem Skandal erstaunlich gelassen, so als ob er nur eine Art Hauptstadtfolklore sei. Als ob es nicht um echtes Geld ginge, mit dem man die Lehrer bezahlen könnte, die fehlen. Sie meckern, das ja, hören dann aber mit Begeisterung dem YouTube-Star Kazim Akboga zu: "Is’ mir egal", rappte der in einem Werbespot für die Berliner Verkehrsbetriebe. Alles geht, solange man ein Ticket für die U-Bahn hat, so die Botschaft. Bleib easy. Genieß die Berliner Luft, auch wenn sie komisch riecht. Guck nicht genau hin, amüsier dich drüber! Der Song wurde zur inoffiziellen Hymne der Großstadt, in der Lässigkeit als höchste Tugend gilt. Und als der Preis, den man zahlen muss, für die vielen kleinen Paradiese und die großen Freiräume. Weil das Berlin so wunderbar macht. Was sind da ein paar Milliarden?

Doch immer öfter kippt da jetzt was. Bei Karola Vogel war es der Morgen, an dem die Luft vor der Haustür zu sehr nach Urin stank und sich mal wieder keiner zuständig fühlte. Sie hatte eine dieser Nächte erlebt, in der Betrunkene grölend vorbeigezogen waren an dem Altbau, in dem sie wohnt. Der liegt in Friedrichshain, an jener Kreuzung, an der die Kneipenmeile auf das RAW, das größte Partygelände der Hauptstadt, trifft. Sie habe, erzählt Karola Vogel, zum ersten Mal die Stadtverwaltung um Hilfe gebeten. Heute weiß sie, dass einige der Clubs vom Umweltamt überwacht werden sollten, andere vom Ordnungsamt. Dass die grüne Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann die rot-schwarze Landesregierung des Nichtstuns beschuldigt und Innensenator Frank Henkel von der CDU wiederum die grüne Bürgermeisterin. Immer wieder aber hat Karola Vogel die eine Antwort gehört: "Entschuldigung, ich bin nicht zuständig. Da müssen Sie sich woandershin wenden."

Anderen Berlinern geht es so, wenn sie eine Baugenehmigung brauchen. Ein Führungszeugnis für einen neuen Job. Wenn das Amtsgericht zur Verhandlung lädt für den 19. 1. 2018 – und schreibt: "Dieser Termin ist kein Schreibfehler." Wenn die Schulen verkommen, so sehr, dass sich die Kinder nicht mehr auf die verdreckten, kaputten Toiletten trauen. Wenn Klassenräume nach den Ferien geschlossen bleiben. Wenn im Görlitzer Park die Spritzen der Junkies liegen und am Kottbusser Tor gestohlen, geprügelt und sogar geschossen wird und die Polizei fatalistisch vor dem "gefährlichen Ort" warnt.

"Berlin? In diese Stadt kriegen Sie jeden", sagt Florian Heinemann. Der Mann ist Venture Capitalist, in diesem Fall kann man das mal englisch stehen lassen. Heinemann arbeitet für Project A Ventures, das Unternehmen residiert ein paar Schritte vom Mauerpark entfernt, Berlin-Mitte, im Erdgeschoss die unvermeidliche Kaffeebar, nebenan ein Yoga-Studio. Heinemann empfängt im sechsten Stock, sein Büro hat er unterm Arm: Laptop, Handy, Schlüssel. Der Mann hat bei Rocket Internet gelernt, einer Firma, die mit Investitionen in Start-ups viele Milliarden Euro gemacht hat. Heute gilt der Laden von Heinemann als heißer Tipp unter Internet-Gründern, die Geld und Hilfe beim Erwachsenwerden brauchen.

Warum Berlin, warum nicht San Francisco? Florian Heinemann lacht, sagt was von "unvergleichlichem Sex-Appeal" und "Lebensgefühl", wird dann aber ernst: "Hierher ziehen die Leute gern, und das bei vergleichsweise niedrigen Gehältern." Weil man gut wohnen könne, und das vergleichsweise billig. Allein die Privatschule für sein Kind würde in London das Vielfache kosten. Und die Probleme, die unfähigen Behörden? "Mit denen haben wir nichts zu tun, bestenfalls mal mit der Ausländerbehörde, wenn wir ein Visum für einen Inder brauchen."

Das Berlin von Heinemann gibt es. Nicht nur in den Werbebroschüren des Stadtmarketings. 30.000 IT-Arbeitsplätze sind in den vergangenen Jahren dazugekommen. Die Stadt gilt als Ort, in dem die Start-up-Szene boomt. Sie zieht junge Leute an, die steigende Mieten hinnehmen, auch weil andere Metropolen längst teurer sind. Die keine großen Wohnungen oder guten Schulen brauchen. Für die Berlin Tag und Nacht keine Fernsehsendung ist, sondern Programm. Die am Kottbusser Tor zwischen Drogenabhängigen feiern, denen Lärm und Kriminalität ziemlich egal sind. 40.000 neue Bürger ziehen jedes Jahr nach Berlin, die Flüchtlinge nicht mitgezählt.

Berlin, das sind also mindestens zwei Städte in einer. Doch beide reden über das, was Lorenz Maroldt schreibt. Maroldt ist einer der Chefredakteure des Tagesspiegels, die Berliner Tageszeitung gehört wie die ZEIT zur Dieter von Holtzbrinck Medien GmbH. Als die Eröffnung des Flughafens verschoben wurde, entschied Maroldt, dass es Zeit sei für den Checkpoint: einen Newsletter, den jeden Morgen 100.000 Berliner per E-Mail bekommen. Maroldt schreibt darin auf, was falsch läuft. "Vielen Politikern geht der Checkpoint enorm auf die Nerven", sagt Maroldt. Es sind diejenigen, die Verantwortung übernehmen müssten, es aber nicht tun. Um sie zu erinnern, hat Maroldt den Count-up eingeführt, in jedem Newsletter zählt er die Tage seit der Nichteröffnung des Flughafens. Am 13. September waren es schon 1.564.

Am Anfang oder Ende der Verantwortungskette steht in einer Stadt der Bürgermeister. In Berlin heißt der Michael Müller (SPD). Der Mann mit der Ausstrahlung eines Sparkassenangestellten inszenierte sich erst aus Not, dann bewusst als Gegenmodell seines Vorgängers, des Arm-aber-sexy-Bürgermeisters Wowereit: Müller, so die Botschaft, ist ein dröger, aber effizienter Verwaltungsexperte, also genau der Mann, den Berlin nach den Party-Jahren braucht. Weil er die Schlamperei abschafft, aber die lässige Stimmung erhält. Wirtschaftsfreundlich ist und sozial.

An einem Morgen im August lädt Müller in einen Seniorentreff nach Tempelhof. Es ist Wahlkampf, am 18. September entscheiden die Berliner, wem sie die Stadt anvertrauen. Eben noch hat Müller voller Genuss in sein Brötchen gebissen, jetzt hört er geduldig den Beschwerden der Besucher zu. Der Auftritt ist ein Heimspiel, doch als ein Mann erzählt, dass sein Sohn beim Bürgeramt wochenlang keinen Termin und damit keinen neuen Pass bekam, verdreht Müller die Augen. Will direkt reagieren, hat sich dann aber doch wieder unter Kontrolle. Und sagt schließlich genervt: "Das ist aber schon länger her."

Berliner Politik ist wie Mikado

Müller ist seit zwei Jahren Regierender Bürgermeister. Das ist wenig, zu wenig Zeit, um eine Stadt zu verändern. Nur: Wenn man ihm zuhört, dann gibt es gar keine großen Probleme. Berlin, die Hauptstadt des Scheiterns? Völlig falsch, findet er. Die Wirtschaft wachse! Es entstünden neue Arbeitsplätze. Es kämen jedes Jahr viele neue Bürger. Die könnten doch nicht alle irren. Da könne doch nicht alles schlecht sein.

Bunt, wachsend, optimistisch – so malen auch die Wahlplakate der SPD die Stadt. Obwohl gerade bekannt wurde, dass in Berlin die Kinderarmut größer ist als sonst wo in Deutschland. Nur einen Fehler gibt Müller jetzt oft zu, aber der wurde praktischerweise vor seiner Zeit als Regierender Bürgermeister gemacht: Als die Stadt wieder anfing zu wachsen, habe man nicht rechtzeitig von Sparen auf Investieren umgeschaltet. Aber auch das habe er geändert.

"Sparen, bis es quietscht", das war die Devise von Klaus Wowereit, die hoch verschuldete Stadt sollte endlich aus den roten Zahlen kommen. "Arm, aber sexy" war der Slogan dazu. Nur: Es wurde nicht intelligent gespart. 200.000 Mitarbeiter hatte die Stadt nach der Wiedervereinigung, auf etwa 100.000 ist die Zahl gesunken. Heute fehlen die Fachleute in den Bürger-, Bau- und Straßenämtern. Also brauchen Baugenehmigungen lange, können Schulen nicht schnell genug saniert und Brücken nicht schnell genug repariert werden. Also schlampt die Verwaltung.

Nur, mehr Geld allein würde die Misere nicht lösen – weil fehlendes Geld allein sie auch nicht erklärt. Auch andere Städte mussten schon sparen, ohne dabei so zu verkommen. Was also ist in Berlin anders?

Zehlendorf ist einer der wohlhabendsten Berliner Bezirke. Er liegt im grünen Südwesten, hier gibt es Badeseen und Alleen mit alten Villen. Und im Rathaus mit seiner bröckelnden Fassade gibt es den scheidenden Bezirksbürgermeister Norbert Kopp, der schimpft – auf den Senat. Die Berliner Regierung spiele die Bezirke gegeneinander aus, werbe gutes Personal ab, streiche immer wieder die nötigen Mittel. "Ich habe nicht mal genug Geld und Leute, um die Schulen zu renovieren. Die Bürger würden mir aufs Dach steigen, wenn ich mich um die Fassade des Rathauses kümmerte", sagt der CDU-Politiker. Am Ende bleibt der Eindruck, dass auch er nur einen Satz wiederholt: Ich bin nicht verantwortlich. Jedenfalls nicht allein.

Das ist das besondere Problem dieser besonderen Stadt: Berliner Politik ist wie Mikado. Alle sind mit allen verbunden, keiner will etwas Grundsätzliches bewegen – aus Angst, zu verlieren: Macht, Posten, Geld. Sucht man nach einem Verantwortlichen im Senat, sind die Bezirke schuld. Spricht man mit den Stadträten der Bezirke, war es der Senat oder ein Kollege in einem anderen Amt. Auf der unteren Ebene funktioniert das System "Ich war es nicht" besonders perfide. Denn die hauptamtlichen Stadtratsposten werden nicht an Fachleute vergeben. Sie sichern den Politikern gut bezahlte Jobs. Und zwar denen aller Parteien. In manchen Bezirken regieren daher SPD, CDU, Grüne und Linke in ganz großen Koalitionen. Ob der Stadtrat etwas von Bauen oder Schulen versteht, spielt kaum eine Rolle. Sicher ist: Es kommen alle Parteien zum Zuge – und so haben alle wenig Interesse an grundsätzlichen Veränderungen.

Also traut sich keiner an eine kluge Reform der Verwaltung, die nötig wäre, um für klarere Verantwortlichkeiten zu sorgen. Oder an eine Reform des Wahlsystems, damit mal eine Partei im Bezirk richtig abgewählt werden kann und den Zugang zu den Jobs verliert. Stattdessen wird nach den Wahlen am Sonntag erstmals auch die AfD von dem System profitieren. Weil sie wohl im Nordosten der Stadt, in Marzahn-Hellersdorf, auf genügend Stimmen kommen wird, steht ihr dort der erste gut dotierte Stadtratsposten zu.

Warum nehmen die Berliner das hin? Warum protestieren sie nicht für eine bessere Politik in einer Stadt, die so politisch ist? In nur drei Wochen kamen hier mehr als hunderttausend Unterschriften zusammen, die eine fahrradfreundlichere Politik verlangen. Tausende Bürger halfen und helfen Flüchtlingen. Unzählige Initiativen kümmern sich um ihren Kiez, bauen in Kreuzberg öffentliche Gärten, organisieren Feste auf dem Tempelhofer Feld, betreiben Tauschbörsen in Neukölln. Doch in der organisierten Politik spürt man wenig von dieser wilden Kreativität.

"Kaum jemand hat Bock auf Verwaltung", sagt Christopher Lauer. Lauer, 32, Ex-Pirat, ist wohl der prominenteste Oppositionspolitiker der Stadt. Immer wieder hat er den Senat vor sich hergetrieben, unvergessen ist, wie er den CDU-Spitzenkandidaten Frank Henkel öffentlich fragte: "Was machen Sie eigentlich beruflich?" Berlin, sagt Lauer, werde so schlecht regiert, weil die Berliner es zuließen. Es gebe diejenigen, die sowieso nicht mehr an "die" Politik glaubten. Die würden am Sonntag nicht wählen oder wenn, dann AfD. Dann gebe es eine große Gruppe, die für konkrete Themen ansprechbar sei, sich aber für die klassische Politik "einen Dreck" interessiere. Und diejenigen, die sich aus dem öffentlichen Leben rauskaufen, die ihre Kinder auf Privatschulen schicken und zu Privatärzten gehen. Für die funktioniere Berlin auch in Zukunft, so wie jede andere Stadt. Harte Worte.

Doch es gibt auch eine optimistische Interpretation, und auf die setzt der einstige CDU-Senator Volker Hassemer. "Das wird schon noch was", sagt der 72-Jährige, der heute der Stiftung Zukunft Berlin vorsteht, die Bürgerengagement fördert. Hassemer sieht die Rettung für die Stadt in ihren Bürgern: Kaum sonst wo gebe es so engagierte Leute wie in Berlin, viele kämen gerade deswegen hierher. Um Geld zu verdienen, aber auch, um anders zu arbeiten, mit anderen zu leben. Man müsse nur all das wilde Wollen besser mit der organisierten Politik verzahnen. Damit es auch dort etwas verändert. Für Hassemer ist Berlin das Labor der neuen Bürgerlichkeit.

Wenn das stimmt, bedeutet es aber auch, dass die Formel, die Berlin so groß gemacht hat, künftig nicht mehr gilt. Dass die Bürger zu echten Bürgern werden und sich kümmern müssen. Nicht nur um ihren Radweg und ihren Kiez, sondern auch um die ganze kleinmütige Politik der großen Stadt. Um die so zu verändern, dass sie wieder passt.

Mitarbeit: Astrid Geisler