DIE ZEIT: Herr Wößmann, Sie haben für das ifo-Bildungsbarometer 700 Lehrer zu Veränderungen in den Schulen befragt – und deren Meinungen mit denen der Gesamtbevölkerung verglichen. Haben Sie noch Hoffnung, dass sich die Schulen reformieren lassen?

Ludger Wößmann: Ich bin grundsätzlich ein optimistischer Mensch.

ZEIT: Ich bin skeptisch. Viele Lehrer haben ganz andere Vorstellungen von den Schulen als die Bevölkerung. Sie wollen Beamte bleiben, mehr verdienen – und sind gegen zentrale Projekte wie Inklusion und Ganztagsschule. Die Bevölkerung sieht alles genau umgekehrt.

Wößmann: Die gute Nachricht ist doch: In der Bevölkerung sehen wir große Reformbereitschaft. Und auch unter Lehrern gibt es Gruppen, die sich Reformen vorstellen können. Wir können nun besser verstehen, warum Bildungspolitik so ist, wie sie ist, und warum manche Ideen an der Schulwirklichkeit scheitern.

ZEIT: Sie meinen: warum Lehrer Ideen ausbremsen?

Wößmann: Der Erfolg einer Reform bemisst sich daran, ob die Lernleistungen der Schüler nachher besser sind als vorher. Wenn Politiker eine Reform durchsetzen wollen gegen die, die sie umsetzen müssen, werden die positiven Ziele einer Reform womöglich konterkariert. Nur ein Beispiel: Die Politik hat ohne gute Vorbereitung entschieden, die Gymnasialzeit zu verkürzen, also von G9 zu G8 zu wechseln. Viele Lehrer traf das überraschend, und sie haben sich dagegen aufgelehnt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 39 vom 15.9.2016.

ZEIT: Dass selbst die beste Reform nicht gegen die Lehrer durchzusetzen ist, ist eine triste Nachricht für Bildungspolitiker.

Wößmann: Strukturreformen können nur dann erfolgreich sein, wenn man die Akteure mitnimmt. Lehrer sind zu wichtig und Lehrerverbände vielleicht zu mächtig.

ZEIT: Vor welchen Reformen würden Sie Bildungspolitiker warnen?

Wößmann: Lehrer und Bevölkerung sehen die Fragen des Beamtenstatus und der Vergütung sehr unterschiedlich. Zwei Drittel der Lehrer sind dafür, dass sie Beamte sind, aber nur ein Drittel der Bevölkerung. Drei Viertel der Lehrer finden, dass ihre Gehälter steigen sollten. Dieser Forderung stimmen 40 Prozent der Bevölkerung zu. Wenn man allerdings sagt, wie viel Lehrer im Schnitt verdienen, nämlich 2750 Euro netto im Monat, sinkt die Zustimmung auf 30 Prozent. Wir haben auch gefragt: Sollen Lehrer Boni bekommen, deren Schüler besondere Fortschritte machen? Und: Sollen die Lehrer besser bezahlt werden, die Fächer unterrichten, in denen es zu wenig Lehrer gibt? Bei beiden Fragen ist die Bevölkerung unentschieden; die Lehrer sind deutlich dagegen. Wenn Politiker hier Reformen versuchen wollten, gäbe es massiven Widerstand.

ZEIT: Größtmögliche Sicherheit, höheres Gehalt – welches Bild haben Lehrer von sich selbst?

Wößmann: Ich sehe hier kein spezielles Selbstbild, nur ein Vertreten der eigenen Interessen. Eine höhere Vergütung zu fordern finde ich völlig in Ordnung. Vermutlich wären Sie auch dafür, dass Journalisten besser bezahlt werden? Wenn Sie mich fragten, ob Professoren ein höheres Gehalt bekommen sollten, würde ich nicht Nein sagen.