Dass Bayern München in dieser Saison schlechter geworden ist, sah man selbst beim hohen 6 : 0-Sieg gegen Werder Bremen am ersten Spieltag: In einem Moment, in dem das Spiel unterbrochen ist, weist Xabi Alonso dem Kollegen Arturo Vidal mit großen Gesten den Weg. Er redete auf ihn ein wie ein Trainer auf seinen Spieler. Es ist nicht das einzige Mal, dass der Spanier dem Chilenen erklären muss, wohin er zuvor hätte laufen sollen. Ähnliches spielte sich beim 2 : 0-Sieg der Bayern am vergangenen Wochenende auf Schalke zwischen Alonso und Renato Sanches ab; der Neue aus Portugal wusste offenbar auch nicht, was er zu tun hat.

Das Trainergenie Pep Guardiola ist weg. Der FC Bayern hat Qualität eingebüßt. Nach zwei Spieltagen macht sich dies zwar nicht an Ergebnissen fest, auch klagen viele Fans bereits wieder über die ewige Langeweile an der Tabellenspitze. Doch auf dem Platz ist zu beobachten, dass der FC Bayern an Ordnung verloren hat, vor allem im Mittelfeld, das ihn so stark gemacht hatte. Die beiden Strategen Alonso und Lahm scheinen das schon zu wissen. Nun muss nur noch die Konkurrenz der Bayern merken, dass die Münchner wieder zu schlagen sind.

Das hat vor allem mit dem Trainerwechsel zu tun. Um das zu verdeutlichen, muss kurz Guardiolas Werk gewürdigt werden. Er ist ein Meister der taktischen Details, etwa beim Passen und Freilaufen. Er führt seine Fußballer auf und neben dem Platz, bietet ihnen auch mal die Stirn. Die Bayern machte er zu einem annähernd perfekten Kombinationsnetz. Er hob sie auf ein anderes Niveau, unter ihm enteilten sie den anderen deutschen Vereinen. Diese Saison wird zeigen: Sein Anteil daran war groß. Er ist der Beste der Welt, da kommt keiner ran, auch Carlo Ancelotti nicht. Das 5 : 0 seiner Jungs gegen den FK Rostow in der Champions League sagt wenig aus, der Gegner ist zweitklassig.

Der Italiener hat internationale Erfahrung, ist eine gute Wahl für die Bayern. Er beherrscht den Umgang mit Mächtigen (er hat den AC Mailand unter Berlusconi trainiert), was in großen Vereinen eine wichtige Fähigkeit ist. Zum Beispiel kann er gut mit Stars. Er sieht, wer was kann. Aber mit seinem Laisser-faire-Stil macht Ancelotti seine Teams nicht besser. Seine Bilanz sagt viel: Er gewann enorme drei Titel in der Champions League. Er gewann aber auch nur drei Titel in der Liga, obwohl er seit zwei Jahrzehnten Spitzenclubs trainiert. Ancelotti ist eher einer für die großen Tage, weniger für den Alltag. Guardiola hingegen wurde sechsmal in sieben Versuchen Meister, mit Manchester City steht er wieder vorne.

Unter Guardiola waren die Spiele der Bayern vorhersehbar einseitig. Dank ihrer hervorragenden Organisation und ihrer individuellen Stärke spielten elf Männer auf einander abgestimmt Fußball. Teams wie Hertha, Hamburg oder Bremen hatten keine Chance, stellten sich zwar hinten rein, kamen trotzdem kaum an den Ball, schon gar nicht in der Bayern-Hälfte. Selbst Dortmund, Gladbach oder Schalke konnten sich manchmal kaum vom Druck der Bayern befreien. Wenn der FCB spielte, verlagerte sich das Geschehen ins Abwehrdrittel des Gegners, als höbe eine unsichtbare Kraft das Feld an der einen Torlinie nach oben, wie einen Billardtisch.

Wie anders die Ancelotti-Bayern sind, konnte man auf Schalke beobachten. Plötzlich klafften Abstände und Löcher im Mittelfeld, manchmal fand der Ballführende keine Anspielstation, die Stafetten sind kürzer geworden. Renato Sanches, der mehr als zehnmal den Ball verlor, schlug einmal einen hohen Querpass durch den eigenen Strafraum, den Lahm selbst im Sprung nicht mehr erreichte. Solche Anflüge von Hilflosigkeit kannte man gar nicht mehr von den Münchnern. Zudem spielt die Elf defensiver, italienischer. Sie stand tiefer, also näher am eigenen Tor, brachte weniger Spieler an und in den Strafraum des Gegners. Sie foulte, sah Gelbe Karten. Schalke hätte einen Elfmeter bekommen müssen, Mats Hummels einen Platzverweis. Die Bayern sind profaner geworden. Das Spiel ging siebzig Minuten hin und her, mal mit Übergewicht für die einen, mal für die anderen. Der Billardtisch steht wieder gerade. Am Ende gewannen die Bayern gegen eine neu formierte Elf dank Routine und zweier Kontertore in den letzten zehn Minuten. Es entschieden Einzelaktionen und Einzelspieler, in diesem Fall Robert Lewandowski und Manuel Neuer, der einen Ball an die Latte lenkte.

Markus Weinzierl hat es begriffen: Gegen die neuen Bayern kann man die Initiative suchen. Der neue Coach ließ "hoch" verteidigen, also weit weg vom eigenen Tor und näher an dem des Gegners. Schalke griff immer wieder gefährlich an. Allerdings öffnete die Abwehr dem Gegner Raum im Rücken, etwa beim Führungstor. Dem ging zwar ein toller Pass von Javi Martínez voraus, aber das Mittelfeld hätten den Passweg versperren können, und die Viererkette hätte das Tor nicht zulassen dürfen. Sie musste bloß gegen einen Stürmer verteidigen, Lewandowski. Doch Naldo stand zu frontal und auch auf dem falschen Fuß. Ohnehin fragt man sich, warum Schalke einem 34-jährigen Neuzugang aus Wolfsburg, der bisher nicht dem allerhöchsten Niveau gewachsen war, den Posten als Abwehrchef anvertraut. Lewandowski schoss vorige Saison fünf Tore in neun Minuten gegen ihn.