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In Deutschland gibt es 300 Burka-Trägerinnen – so steht es in vielen Zeitungen, so heißt es oft, wenn im Fernsehen diskutiert wird. Die Zahl ist politisch und wird entsprechend gedeutet. "Nur 300", sagen die Gegner eines Burka-Verbots, das seien doch gar nicht so viele. "Immerhin 300", sagen die Befürworter, das seien 300 zu viel. Nur eines scheint in der Debatte unumstößlich festzustehen: In Deutschland gibt es 300 Burka-Trägerinnen.

Aber woher stammt diese Zahl eigentlich? Wer zählt, wie viele Musliminnen in Deutschland ihr Gesicht verschleiern?

Bei der Suche nach einer Antwort wird schnell deutlich: Der Staat ist es jedenfalls nicht. Im vergangenen Dezember hatte der Grünen-Abgeordnete Özcan Mutlu die Bundesregierung gefragt, wie viele Frauen in Deutschland eine Burka trügen. Die Antwort des Innenministeriums: Der Regierung lägen keine Erkenntnisse über die Anzahl der Burka-Trägerinnen vor. Auch das Statistische Bundesamt hat die Burka-Trägerinnen nie gezählt. Und der Zentralrat der Muslime in Deutschland kann ebenfalls nichts dazu sagen. Der Verband will nicht einmal eine Schätzung abgeben.

Doch woher kommt dann die Zahl 300?

Weiter geht die Suche, diesmal im Internet. Immer wieder wird dort der Politologe und Islamkritiker Hamed Abdel-Samad mit der Aussage zitiert, in Deutschland gebe es ungefähr 300 Burka-Trägerinnen. Abdel-Samad müsste also wissen, woher die Zahl kommt. Ein Anruf bei ihm soll Klarheit bringen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 39 vom 15.9.2016.

"Ich reise viel durch Deutschland und bin halt sehr oft auf den Straßen unterwegs", sagt Abdel-Samad. "Da sehe ich auch Frauen mit Vollverschleierung. Daher schätze ich, dass es ungefähr 200 bis 300 in Deutschland sind. Aber das ist nur meine Schätzung." Eine verlässliche Grundlage für die Zahl, die seit Monaten durch die Medien geistert, hat Abdel-Samad nicht. Er habe auch nicht damit gerechnet, dass sich seine Schätzung derart verselbstständigen würde.

Die Zahl 300 ist also nur eine Vermutung. Ist sie zumindest plausibel?

Hamed Abdel-Samad erwähnt im Telefonat Geschäfte, in denen Burkas verkauft würden. Schließlich würden sie ja keine Burkas und andere Vollverschleierungen verkaufen, gäbe es nicht auch Frauen, die sie trügen, sagt er. Das klingt logisch. Vielleicht können die Händler etwas darüber sagen, wie groß die Nachfrage in Deutschland ist.

Ein Anruf in einem Berliner Geschäft für islamische Mode: "Burkas? Nein, so etwas haben wir nicht", sagt der Verkäufer am anderen Ende der Leitung und wirkt empört. Also eine weitere Stichprobe, dieses Mal in Hamburg.

Der Händler erklärt erst einmal, dass der Begriff Burka in der politischen Debatte vollkommen falsch verwendet werde: "Burkas gibt es in Deutschland gar nicht, denn das ist ein traditionelles afghanisches Gewand. Eine Gesichtsverschleierung nennen wir Nikab." Dann also Nikab. "Nikabs verkaufen wir etwa eine Handvoll im Jahr, häufig an Frauen, die in Länder reisen, in denen Nikab getragen wird", sagt er. Eine genaue Zahl kann er nicht nennen. Es seien aber so wenige, dass sie momentan nicht einmal welche auf Lager hätten.

Konkreter wird ein dritter Händler, nun wieder in Berlin: "Wir verkaufen im Schnitt vier Nikabs im Monat", sagt er. Vier Nikabs im Monat – das ist zumindest mal ein Ansatz. Doch schon im nächsten Satz relativiert der Händler die Zahl: "Aber die meisten, die wir verkaufen, gehen an Theater oder Filmproduktionsfirmen."

Am Ende der Suche steht eine ernüchternde Erkenntnis: Offensichtlich kann niemand die Frage, wie viele Burka- und Nikab-Trägerinnen es wirklich in Deutschland gibt, zuverlässig beantworten. Alles, was es gibt, sind Schätzungen und Mutmaßungen. Es könnten 300 sein, aber auch 30 oder 3.000. Wie viele Frauen eine Vollverschleierung tragen, lässt sich statistisch genauso wenig erfassen wie die Zahl der Jeansträgerinnen.