Am Anfang und am Ende von Ernst-Wilhelm Händlers neuem Roman München fällt der Hauptfigur Thaddea ein Küchenmesser zu Boden; beide Male versucht sie, das Messer im Flug aufzufangen und schneidet sich dabei in den Finger. Beim ersten Mal ist es nicht leicht, die Blutung zu stillen, beim zweiten Mal stoppt diese unmittelbar, nachdem Thaddea den Finger unter kaltes Wasser hält. Ist die Klinge scharf, dann ist der Schnitt durch Haut und Gefäße so sauber, dass sich die Wunde wieder schließt, bevor das Blut heraustritt.

Ernst-Wilhelm Händlers Roman funktioniert wie ein solches Messer: Er durchschneidet die Körper seiner Figuren, ihre Gehirne und ihr Herz, aber es schießt kein Blut auf. Ist der Schnitt so scharf, oder sind die Figuren so blutleer? "Blutleer" ist ja einer der gängigsten Schmähbegriffe der deutschen Literaturkritik, wenn sie sich gerade nicht von Mund zu Mund beatmet fühlt. Im lebensnahen Realismus der deutschen Gegenwartsliteratur ist Ernst-Wilhelm Händler der letzte Avantgardist. Das Ziel seines Schreibens sind nicht lebensechte Figuren aus Fleisch und Blut. Seine Romane folgen vielmehr dem Verdacht, dass das Leben selbst womöglich gar nicht so lebensecht ist.

Thaddea, Anfang 30, hat Medizin studiert und arbeitet als Therapeutin in München. Ihre Eltern besaßen eine Wirtschaftsprüfungskanzlei, starben aber beim Heli-Skiing. Als Erbin muss Thaddea nicht für ihren Lebensunterhalt arbeiten. Manchmal hat man das Gefühl, die wenigen Klienten, die sich in ihre Praxis verirren, dienen mehr ihrer eigenen Therapie. Aber Selbst- und Fremdbeobachtung changieren hier ohnehin. Thaddea hat sich gerade von ihrem Freund Ben-Luca getrennt. Ben-Luca hatte etwas mit Thaddeas bester Freundin Kata angefangen. Kata ist Architektin. Sie hat Thaddea eine Villa in Grünwald gebaut und für ihre Praxis ein Gebäude in Schwabing, das Ben-Luca immer nur "die Struktur" nennt. Im beschriebenen Milieu kann man die Strukturen, in denen man leben und arbeiten muss, immerhin selbst in Auftrag geben, ausgeliefert ist man ihnen deshalb nicht weniger. Die "Struktur" ist fordernd, sie unterwirft die sich in ihr Bewegenden der ständigen Prüfung, ob sie ihr und ihrer Perfektion auch gewachsen sind.

Als Kind hatte Thaddea ihren Fuß unter den Reifen eines einparkenden Lieferwagens gestellt. Sie wollte herausfinden, ob es schmerzt. Ihr mussten drei Zehen amputiert werden, seither strauchelt sie manchmal, wenn ihr die Kontrolle entgleitet. Weil ihre neu eröffnete Praxis für Psychotherapie nicht gut anläuft (das anfängliche "Brausen", heißt es einmal, hatte sie sich anders vorgestellt), beginnt sie, einen Roman zu schreiben. Darin ist die Hauptfigur, ein Junge, davon überzeugt, kein Mensch zu sein, sondern eine Maschine: "Wenn er sich in den Finger schnitt, floss Blut, aber das Gewebe war nur Verkleidung. Sein Kern bestand aus einer hoch komplizierten technischen Konstruktion. Dass Röntgenbilder einen gewöhnlichen menschlichen Körper zeigten, war nur Vorspiegelung. (...) Die anderen taten, was sie wollten. Er tat, was jemand anderes wollte. Das war gar kein Jemand, sondern ein großer schwarzer Kasten, ein Lochbandcomputer. Er, der Junge, war die einzige Maschine in seiner Familie."

Die Angst des Jungen ist ein altes Problem des kybernetischen Zeitalters. Der Informatiker Alan Turing hatte dafür einst den Turing-Test "erfunden": Wenn man ohne Sichtkontakt mit einem Menschen und einer Maschine kommuniziert und nicht mehr zu entscheiden vermag, wer der Antwortenden der Mensch und wer die Maschine ist, dann ist die künstliche Intelligenz dem Menschen ebenbürtig. Konsequenterweise gibt es dann aber auch keinen wesensmäßigen Unterschied mehr zwischen beiden. Der Film Her hat das durchgespielt: Wenn die Computerstimme eines komplexen Betriebssystems mich besser versteht als jeder lebendige Mensch, warum es dann nicht Liebe nennen?

Der Unterschied zwischen einer Maschine und einem Menschen: Die Maschine blutet nicht. Aber was beweist eigentlich das Blut des Menschen? Niklas Luhmann – und Ernst-Wilhelm Händler ist bekanntlich ein begeisterter Luhmannianer – hat immer davor gewarnt, man dürfe sich den Menschen nicht zu anthropozentrisch vorstellen. Auch die Figuren (nicht nur ihr Schöpfer) in Händlers Roman misstrauen der allzu bequemen Vorstellung, sie seien Menschen aus Fleisch und Blut. Sie versuchen, sich eher als kybernetische Zustände zu begreifen.

Einmal heißt es: "Wissen war für Thaddea immer mit einem coup de foudre verbunden. Man wusste nichts, plötzlich wusste man etwas. Da war kein Übergang." Das, was normalerweise den Übergang bildet, nennen wir Geschichte, Entwicklung, Seelenbildung. Wenn man diese Kategorien für Klischees des psychologischen Romans hält, braucht es eine neue Beschreibung des Menschen. Ausgerechnet Thaddea, die Psychologin, kämpft einen verbissenen Kampf gegen das Denken in Ursachen. Thaddea möchte "den Gedanken der Ursache einer Wurzelbehandlung unterziehen". Die Psychoanalyse sucht für alle gegenwärtigen psychischen Zustände immer die Ursache in einer traumatischen Vergangenheit. Thaddea hingegen fragt die Klienten, die auf ihrer Couch Platz nehmen, nie nach Ursachen, nie nach der Vergangenheit. Ursachen sind für sie "das kitschigste Klischee, das sich denken" lässt.

Wenn das so ist, dann ist aber auch das Genre des realistisch-psychologischen Romans Kitsch. Ernst-Wilhelm Händler nennt München im Untertitel einen "Gesellschaftsroman". Ein Gesellschaftsroman ist derart easy zu identifizieren, dass man das normalerweise nicht im Untertitel angibt. In München unterzieht Händler jedoch den Gesellschaftsroman einer Wurzelbehandlung. Der Gesellschaftsroman erklärt klassischerweise die Handlungen der Figuren aus einer Kombination von sozialen Daten (Einkommen, Status, Habitus) plus Psychologie des Innenlebens (Ehrgeiz, Neid, Eitelkeit et cetera). Was wird aus einem Gesellschaftsroman, wenn der Autor und seine Figuren nicht mehr an ein Innenleben als erfüllte Subjektivität glauben?