Die Europäische Union verfügt über ein beträchtliches Talent, mögliche Erfolge zu vermasseln und die Menschen gegen sich aufzubringen. Ein gutes Beispiel dafür lieferte die EU-Kommission soeben mit einer kleinen Echternacher Springprozession. Erst verkündete sie zur Freude der Bürger, dass 2017 die Roaming-Gebühren abgeschafft würden: freies Telefonieren in einem gemeinsamen Europa. Dann hieß es, das gelte nur für 90 Tage im Jahr. Und als sich dagegen Protest meldete, gab Kommissionspräsident Juncker bekannt, man werde mit einem neuen Vorschlag aufwarten. So stärkt man einen Verdacht, den Rechtspopulisten mit Freude bewirtschaften: Die EU kann’s nicht.

Ein riesiger Vorteil der EU besteht darin, dass sie eine permanente Rede- und Verhandlungsgemeinschaft ist. Das Gespräch darf nie aufhören. Weil das so ist, wächst bei manchem das Bedürfnis, das Reden auch einmal sein zu lassen und auf den Tisch zu hauen. Das bezeugen etliche Kraftmeiereien hoher EU-Politiker nach der Entscheidung der Briten, die EU zu verlassen. Und das bewies jetzt auf groteske Weise Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn. Das zäunebauende Ungarn solle "vorübergehend oder notfalls für immer aus der EU ausgeschlossen werden". Ja, es gibt in der EU inzwischen eine nicht ungefährliche Ost-West-Spannung. Sie zeigt, dass einige östliche Mitgliedstaaten den Gemeinschaftsgedanken der EU noch längst nicht verinnerlicht haben. Und einige, Ungarn voran, strapazieren mit einem unappetitlichen Nationalismus das Gefüge der EU. Genau dann aber sind, neben Prinzipientreue, die Kunst der Rede und der Diplomatie besonders gefragt. Nach dem Austrittsbegehren der Briten nun einen anderen Staat aus der europäischen Gemeinschaft weisen zu wollen zeugt von einem dramatischen Unvermögen, klug auf die offenkundige Krise der EU zu reagieren. Solche Klugheit braucht es aber dringend, weil die Europäische Union existenziell darauf angewiesen ist, dass normale Bürger ihre Sinnhaftigkeit erkennen können.

Denn auf der Waagschale der Misserfolge lasten inzwischen viele schwere Gewichte. Es sind die bekannten: Der Euro hat die Mitgliedstaaten der EU nicht vereint, sondern gegeneinander aufgebracht, und er ist noch längst nicht über den Berg. Der neue innereuropäische Ost-West-Konflikt hat offenbar gemacht, dass die östlichen EU-Staaten, die sich noch nicht so lange ihrer neu erworbenen Souveränität erfreuen, von Vergemeinschaftung zumeist nicht viel halten. Auf Putins Aufkündigung der europäischen Friedensordnung hat die EU keine gemeinsame und keine geschlossene Antwort gefunden. Und in der Flüchtlingsfrage, jenem ersten Rendezvous mit Globalisierung und mittelmeerischer Weltgeschichte, ist die Europäische Union bis heute nicht weit davon entfernt, sich selbst in ihre Einzelteile zu zerlegen und damit zu dementieren.

Der EU geht es nicht gut, weil sie sehr viele Feinde hat, allen voran die neuen respektive alten Nationalisten. Aber auch, weil sie zu viele falsche Freunde hat. Man könnte sie die Durch-dick-und-dünn-Europäer nennen, Typus Elmar Brok, auch Martin Schulz. Auf diese neuen Krisen wie auf alle bisherigen wussten und wissen sie stets nur eine Antwort: Mehr Europa. Also weitere, zügige Vertiefung der Integration, das Ganze soll – schon Helmut Kohl nannte das so – unumkehrbar werden. Das vereinte Europa, das ihnen noch immer vorschwebt, wäre zu homogen, zu sehr über einen Kamm geschoren, mehr fester Staat als nicht so fest gefügter Staatenbund. Das aber würde weder kulturell noch gesellschaftlich und auch nicht politisch der Vielfalt der conditio europea gerecht, die nur im Plural zu haben ist. Die Lösung lautet anders. Paradox formuliert: Weniger Europa wäre mehr Europa. Ohne den EU-Finalitäts-Fimmel, der sich nicht nur in den endlosen Bemühungen um eine europäische Verfassung austobte, wäre es womöglich gar nicht zur Abstimmung der Briten über den Verbleib in der EU gekommen. Immer das Wort Einheit auf den Lippen, säen nicht wenige der Durchhalte-Europäer Zwietracht in Europa.

Was tun? Die EU sollte flexibler werden, sollte unterschiedliche Geschwindigkeiten, unterschiedliche Bündnisse und unterschiedliche Integrationstiefen zulassen. Sie sollte sich auf das Wichtige und Machbare – etwa eine gemeinsame Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik – konzentrieren. Sie sollte sich von dem Vorhaben, Europas Zukunft im Grunde planwirtschaftlich anzugehen, verabschieden – um liberaler zu werden.

Auch wenn das heute gerne tief beschwiegen wird: Die europäische Einigung ist ein postnationales Vorhaben, sie muss und wird das auch bleiben. Europäische Union bedeutet, die Beziehung einer stattlichen Zahl von Staaten zueinander nicht auf Macht, sondern auf Recht zu gründen. Das ist ein historisch einzigartiges Unterfangen, und ein erfolgreiches. Die EU überragt die Nation(en). Es wird kein Weg daran vorbeiführen, das gerade auch in der Flüchtlingsfrage unter Beweis zu stellen. Wie das gehen soll? Im Geiste einer neuen Flexibilität. EU-Staaten, die vorangehen und bei der Aufnahme von Flüchtlingen gemeinsam handeln wollen, sollen das tun können, und die EU soll die Möglichkeit haben, sie dazu mit Mitteln auszustatten. Wer nicht mitmachen will, lässt es bleiben. Lässt sich aber vielleicht überreden, die Willigen zu unterstützen, wie auch immer. Die Initiative der Willigen könnte am Ende eine gewisse Strahlkraft auf die Unwilligen entfalten. Der Gipfel in Bratislava, der vom sonst üblichen Marathon- und Durchhaltegeist befreit ist, könnte hier ein erstes kleines Signal senden.