Ausgerechnet, ein Dildo. Wer hätte das geahnt? Wohl zum Frühesten, was die menschliche Erfindungsgabe schuf, gehört ein Sexspielzeug. Vor elf Jahren barg man das Stück aus einer schwäbischen Höhle. Es besteht aus grauem, liebevoll poliertem Stein, ist mit fein gravierten anatomischen Details versehen und misst 19 Zentimeter. Ob das Utensil wirklich erotischen Bedürfnissen diente oder doch eher rituelle Zwecke erfüllte, konnte nicht zweifelsfrei rekonstruiert werden. Denkbar ist aber, dass es schon den ersten modernen Frauen in Europa vor fast 30.000 Jahren einsame Nächte versüßte. Da war Homo sapiens gerade erst auf unserem Kontinent angekommen.

Der Entdeckungsort des delikaten Stücks gilt als Schatzkammer der deutschen Vorgeschichtsforscher: der "Hohle Fels". Viele wertvolle Funde stammten aus dieser Höhle auf der Schwäbischen Alb. Seit 20 Jahren gräbt sich das Team des Paläoanthropologen Nicholas Conard systematisch durch den Höhlengrund, und überall stoßen die Tübinger Forscher auf die Zeugnisse früher kultureller Höchstleistungen. Und keineswegs nur Erotika: 2005 etwa kam eine filigrane Flöte zum Vorschein, sie war vor 35.000 Jahren aus dem Flügelknochen eines Geiers geschnitzt worden. Imposante Figurinen beleibter Frauen entdeckten die Ausgräber. Und vor wenigen Wochen präsentierten sie ihre jüngste Entdeckung – einen spektakulären Beweis technischen Einfallsreichtums: ein flaches Stück Elfenbein, versehen mit vier exakt gesetzten Löchern. Es handelt sich um das Werkzeug eines vorzeitlichen Seilers. Durch die Öffnungen fädelte er lange Pflanzenfasern ein und musste sein Werkzeug dann nur drehen, um die Fasern zu einem Tau zu verdrillen. Auch nach 40.000 Jahren im Sediment funktioniert das Gerät. Im Video führt Conards Team vor, wie man mit der Elfenbeinscheibe schwerlasttaugliche Seile anfertigt.

Man weiß heute, dass es Afrikaner waren, hoch gewachsene, dunkelhäutige Gestalten mit braunen Augen und schwarzem Haar, die derartige Zeugnisse der Kreativität im Hohlen Fels hinterließen. Wo immer die ersten Pioniere dieser Spezies sich niederließen, erblühten auf dem europäischen Festland vor etwa 40.000 Jahren die Technik und die schönen Künste. Die Grotte Chauvet, im Süden Frankreichs, gilt Experten als der "Louvre der Steinzeit". Mit präzisem Sinn für Bewegungsabläufe und räumliche Perspektive schufen die Künstler dort vor 39.000 Jahren eindrucksvolle Tierporträts. Die Maltechnik der afrikanischen Migranten war perfekt, ihre Werke halten jedem Vergleich mit der zeitgenössischen Kunst stand.

Vom Moment ihrer Ankunft an lösten die Einwanderer in Europa eine Kulturrevolution aus, den " cultural big bang", wie die Anthropologen das plötzliche Feuerwerk aus Kunst und Technik nennen. Offenbar fand hier der Mensch zu sich selbst: Er schien sich von einem körperlich schon modernen, aber geistig noch etwas einfältigen Wesen zu jener Spezies zu wandeln, die in ferne Galaxien und ins Innere der Atome würde blicken können.

Doch das täuscht: Die Blüte des steinzeitlichen Abendlands mag eine kulturelle Eruption gewesen sein, der eigentliche Urknall menschlicher Schöpferkraft war sie nicht. Die Spezies – so viel gilt als gesichert – war nicht nur physisch ein Geschöpf Afrikas, auch ihr überlegener Geist formte sich schon auf dem Schwarzen Kontinent.

Mit diesem Homo sapiens war der Evolution offenbar ein großer Wurf gelungen. Ein Wesen, dessen technische und künstlerische Kreativität alle vorherigen Vertreter der Gattung Homo in den Schatten stellte. Bloß wie es dazu kam, bleibt ein Mysterium – der evolutionäre Sprung vom Vormenschen zum Homo sapiens ist eine Blackbox. Die Anthropologie muss zugeben: Wir Menschen kennen die Umstände unseres Ursprungs nicht.

Lediglich ein paar spärliche Eckdaten sind bekannt: Schon lange vor dem ersten Feuerwerk der abendländischer Kultur lebten in Afrika Wesen, die wir auch heute als Artgenossen akzeptieren würden. Genanalysen in der heutigen Bevölkerung ergeben: Die Geburtsstunde des Homo sapiens schlug vor mehr als 200.000 Jahren. Eindeutiger noch als Knochenfunde verrät das Erbgut, auf welchem Kontinent wir die Bühne betraten: Die Menschheit ist ein Zweig in der Evolution afrikanischer Affen.

Schon als die ersten Pioniere Afrika verließen und zur Eroberung des Nordens und der ganzen Erdkugel ansetzten, verfügten sie über menschlichen Geist: Sie verarbeiteten Schneckenschalen zu Halsketten, Straußeneier zu Schmuck, fertigten Spitzen für Pfeile und Harpunen aus Knochen und bauten Angelgerät aus Fischgräten. Geschliffene Ockerblöcke versahen sie mit Ritzzeichnungen von rätselhafter Symbolik. Lange bevor er nach Asien und Europa aufbrach, hatte der Homo sapiens sein intellektuelles Rüstzeug, seine Kunstfertigkeit und sein technisches Wissen im Gepäck. Auf Sulawesi im heutigen Indonesien hinterließen die Ur-Migranten bereits vor 40.000 Jahren beeindruckende Höhlengemälde. Doch was befähigte sie zu solchen Meisterleistungen?