Ausgerechnet, ein Dildo. Wer hätte das geahnt? Wohl zum Frühesten, was die menschliche Erfindungsgabe schuf, gehört ein Sexspielzeug. Vor elf Jahren barg man das Stück aus einer schwäbischen Höhle. Es besteht aus grauem, liebevoll poliertem Stein, ist mit fein gravierten anatomischen Details versehen und misst 19 Zentimeter. Ob das Utensil wirklich erotischen Bedürfnissen diente oder doch eher rituelle Zwecke erfüllte, konnte nicht zweifelsfrei rekonstruiert werden. Denkbar ist aber, dass es schon den ersten modernen Frauen in Europa vor fast 30.000 Jahren einsame Nächte versüßte. Da war Homo sapiens gerade erst auf unserem Kontinent angekommen.

Der Entdeckungsort des delikaten Stücks gilt als Schatzkammer der deutschen Vorgeschichtsforscher: der "Hohle Fels". Viele wertvolle Funde stammten aus dieser Höhle auf der Schwäbischen Alb. Seit 20 Jahren gräbt sich das Team des Paläoanthropologen Nicholas Conard systematisch durch den Höhlengrund, und überall stoßen die Tübinger Forscher auf die Zeugnisse früher kultureller Höchstleistungen. Und keineswegs nur Erotika: 2005 etwa kam eine filigrane Flöte zum Vorschein, sie war vor 35.000 Jahren aus dem Flügelknochen eines Geiers geschnitzt worden. Imposante Figurinen beleibter Frauen entdeckten die Ausgräber. Und vor wenigen Wochen präsentierten sie ihre jüngste Entdeckung – einen spektakulären Beweis technischen Einfallsreichtums: ein flaches Stück Elfenbein, versehen mit vier exakt gesetzten Löchern. Es handelt sich um das Werkzeug eines vorzeitlichen Seilers. Durch die Öffnungen fädelte er lange Pflanzenfasern ein und musste sein Werkzeug dann nur drehen, um die Fasern zu einem Tau zu verdrillen. Auch nach 40.000 Jahren im Sediment funktioniert das Gerät. Im Video führt Conards Team vor, wie man mit der Elfenbeinscheibe schwerlasttaugliche Seile anfertigt.

Man weiß heute, dass es Afrikaner waren, hoch gewachsene, dunkelhäutige Gestalten mit braunen Augen und schwarzem Haar, die derartige Zeugnisse der Kreativität im Hohlen Fels hinterließen. Wo immer die ersten Pioniere dieser Spezies sich niederließen, erblühten auf dem europäischen Festland vor etwa 40.000 Jahren die Technik und die schönen Künste. Die Grotte Chauvet, im Süden Frankreichs, gilt Experten als der "Louvre der Steinzeit". Mit präzisem Sinn für Bewegungsabläufe und räumliche Perspektive schufen die Künstler dort vor 39.000 Jahren eindrucksvolle Tierporträts. Die Maltechnik der afrikanischen Migranten war perfekt, ihre Werke halten jedem Vergleich mit der zeitgenössischen Kunst stand.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 39 vom 15.9.2016.

Vom Moment ihrer Ankunft an lösten die Einwanderer in Europa eine Kulturrevolution aus, den " cultural big bang", wie die Anthropologen das plötzliche Feuerwerk aus Kunst und Technik nennen. Offenbar fand hier der Mensch zu sich selbst: Er schien sich von einem körperlich schon modernen, aber geistig noch etwas einfältigen Wesen zu jener Spezies zu wandeln, die in ferne Galaxien und ins Innere der Atome würde blicken können.

Doch das täuscht: Die Blüte des steinzeitlichen Abendlands mag eine kulturelle Eruption gewesen sein, der eigentliche Urknall menschlicher Schöpferkraft war sie nicht. Die Spezies – so viel gilt als gesichert – war nicht nur physisch ein Geschöpf Afrikas, auch ihr überlegener Geist formte sich schon auf dem Schwarzen Kontinent.

Mit diesem Homo sapiens war der Evolution offenbar ein großer Wurf gelungen. Ein Wesen, dessen technische und künstlerische Kreativität alle vorherigen Vertreter der Gattung Homo in den Schatten stellte. Bloß wie es dazu kam, bleibt ein Mysterium – der evolutionäre Sprung vom Vormenschen zum Homo sapiens ist eine Blackbox. Die Anthropologie muss zugeben: Wir Menschen kennen die Umstände unseres Ursprungs nicht.

Lediglich ein paar spärliche Eckdaten sind bekannt: Schon lange vor dem ersten Feuerwerk der abendländischer Kultur lebten in Afrika Wesen, die wir auch heute als Artgenossen akzeptieren würden. Genanalysen in der heutigen Bevölkerung ergeben: Die Geburtsstunde des Homo sapiens schlug vor mehr als 200.000 Jahren. Eindeutiger noch als Knochenfunde verrät das Erbgut, auf welchem Kontinent wir die Bühne betraten: Die Menschheit ist ein Zweig in der Evolution afrikanischer Affen.

Schon als die ersten Pioniere Afrika verließen und zur Eroberung des Nordens und der ganzen Erdkugel ansetzten, verfügten sie über menschlichen Geist: Sie verarbeiteten Schneckenschalen zu Halsketten, Straußeneier zu Schmuck, fertigten Spitzen für Pfeile und Harpunen aus Knochen und bauten Angelgerät aus Fischgräten. Geschliffene Ockerblöcke versahen sie mit Ritzzeichnungen von rätselhafter Symbolik. Lange bevor er nach Asien und Europa aufbrach, hatte der Homo sapiens sein intellektuelles Rüstzeug, seine Kunstfertigkeit und sein technisches Wissen im Gepäck. Auf Sulawesi im heutigen Indonesien hinterließen die Ur-Migranten bereits vor 40.000 Jahren beeindruckende Höhlengemälde. Doch was befähigte sie zu solchen Meisterleistungen?

Das gefährlichste Raubtier des Planeten

An der amerikanischen Westküste, mehr als 8.000 Kilometer entfernt vom Hohlen Fels, sitzt Evan Eichler in seinem Büro und denkt über dieselben Fragen nach wie Nicholas Conard in Europa. Dabei ist der Deutschstämmige kein Anthropologe, Eichler zählt zu den führenden Experten für Erbgutanalysen. Der amerikanische Wissenschaftler erforscht menschliche Fehlentwicklungen. Er will wissen: Was ist schiefgelaufen im genetischen Bauplan, wenn Kinder intellektuell zurückbleiben? Sein Team an der University of Washington in Seattle arbeitet also nicht mit Hacke und Spaten, Pinsel und Lupe, sondern mit extrem schnellen Decodiermaschinen für das menschliche Erbgut und mit mächtigen Computern. Und doch schlägt das, was Eichlers Truppe gerade herausgefunden hat, eine gewaltige Brücke über die Äonen, ganz zurück in die Anfänge der Menschheit: Die Gen-Experten in Seattle sind überzeugt davon, dass heute viele der geistig Behinderten den Preis bezahlen, den die Evolution vor einer Viertelmillion Jahren für die überlegenen Fähigkeiten unserer Spezies forderte: "There is no free lunch", sagt Eichler – es gibt nichts umsonst.

Das Honorar der Natur besteht nämlich darin, dass ihr neu erfundenes Geschöpf mit einem Erbgut auskommen muss, das in kritischen Bereichen instabil ist. Das bedeutet: Pflanzen Menschen sich fort, besteht immer die Gefahr, dass ihre Nachkommen im Entstehungsprozess Erbinformation verlieren und deshalb mit Fehlentwicklungen zur Welt kommen. Drei von hundert Kindern werden mit einem körperlichen oder geistigen Defekt geboren. Auch wenn nicht alle Behinderungen genetisch bedingt sind, gilt das als hohe Quote.

In der Evolution des Homo sapiens hat die Natur aber genau jene prekären Stellen in den Erbmolekülen zu den entscheidenden Schauplätzen der Menschwerdung gemacht. Gerade weil sie anfällig sind für Mutationen, konnte die Evolution dort zusätzliche Gene installieren, um den Homo sapiens zu konstruieren. Das brachte die Spezies voran – alle heute lebenden Menschen tragen diese neuen Erbanlagen in sich. Doch einzelne Individuen erleiden durch unglückliche Zufälle Verluste an jenen instabilen Stellen – sie zahlen sozusagen die Rechnung der Evolution.

Bis vor wenigen Wochen noch war Evan Eichlers Szenario bloß eine sehr plausible Hypothese, dann aber rekonstruierten er und seine Mitarbeiter ein genetisches Schlüsselereignis: Eichler kann jetzt beweisen, wie die Evolution vormenschlichen Wesen ein grundüberholtes Erbgut verlieh und sie als neue Zufallsvariante zur Erprobung auf den Planeten schickte. Dem Wissenschaftler aus Seattle ist so der erste Blick in die innersten Vorgänge der Menschwerdung gelungen.

In welcher geografischen Region Afrikas sich jener Akt des komplizierten Dramas abspielte, ist kaum zu ermitteln. Die genetische Bühne aber ist eine instabile Region im Erbgut, angesiedelt auf dem Chromosom 16. Darin findet sich ein Gen mit dem Namen BolA2. Zu dieser Erbanlage gab es bislang wenig zu sagen. Sie dient als Code für ein wichtiges Eiweiß im Eisenstoffwechsel: Der Körper benötigt den Stoff, um Eisen aus der Nahrung zu extrahieren und zu speichern. Alle Tiere kommen mit zwei Ausgaben dieses Gens zur Welt – eine vom Vater, eine von der Mutter. Auch Menschenaffen besitzen diese zwei Kopien in ihren Zellen, ebenso die ausgestorbenen Neandertaler.

Für die Genetiker in Seattle, die sich menschlichen Fehlentwicklungen widmen, war das Chromosom 16 zunächst aus einem ganz anderen Grund interessant: Erleiden Embryos an dieser Stelle große Verluste, dann reißt diese Panne viele weitere Gene mit sich. Die Folge ist eine Behinderung. Die Forscher beschlossen daher, die ganze Region dieser Erbanlagen bei einer Vielzahl gesunder Probanden zu durchsuchen. Schon die ersten Befunde zeigten, dass es mit dem BolA2-Gen Merkwürdiges auf sich hat: In manchen Menschen fanden sich sechs Kopien des Gens, in anderen zwölf. Beim nächsten waren es elf, dann wieder vier. Mitunter stießen die Wissenschaftler bei einzelnen Probanden sogar auf 16 Kopien des Gens. Es war unverkennbar – an dieser Stelle des Menschengenoms hatte die Evolution eine ihrer Zufallswerkstätten betrieben. Man entschied sich, das Geschehen aufzurollen, bis weit zurück in die Zeit vor unserer Entstehung. Volle drei Jahre mussten die Forscher arbeiten.

Ihr Bericht wurde kürzlich im britischen Fachblatt Nature publiziert und ist selbst für Experten eine anstrengende Lektüre. Doch das entscheidende Resultat ist unmissverständlich: Die Verstärkung der BolA2-Gene geschah vor genau 282.000 Jahren und verbreitete sich rasant in den folgenden Generationen der gerade entstehenden Menschheit. Eichlers Rückschau endet mit einer Punktlandung exakt beim Beginn der Genesis des Homo sapiens.

Doch was hatte es für das Werden des Menschen zu bedeuten, wenn aus einer ganz normalen Erbanlage plötzlich eine Genfamilie wird? Das Ereignis verwandelte ihn in das gefährlichste Raubtier des Planeten. Der Homo sapiens wurde zum unermüdlichen Jäger. Mit der Mutation im Chromosom 16 wurden die Menschen geborene Marathonläufer. Sie liefen nicht so schnell wie die meisten Tiere, dafür aber viel länger. Und sie gaben nie auf. So konnte der Homo sapiens eine besondere Jagdstrategie anwenden: Er verfolgte die Beute bis zu deren totaler Erschöpfung, die geschwächten Tiere waren dann ein leichtes Opfer.

Das Gehirn kann nicht hungern

Um solche Anstrengungen zu meistern, braucht der menschliche Körper aber eine ergiebige Versorgung mit Eisen. Das Metall ist nicht nur ein wichtiger Faktor in den Enzymen unseres Stoffwechsels, sondern vor allem Bestandteil des roten Blutfarbstoffs, also unerlässlich für die Versorgung des Körpers mit Sauerstoff. Die BolA2-Aufrüstung bewirkte in der Menschwerdung eine Art Eigenblutdoping. Es machte den Homo sapiens zum Langstreckenspezialisten und befähigte ihn zu ausdauernden Hetzjagden. Das Wild hatte kaum eine Chance; die frühe Menschheit konnte sich nun mit reichlich Fleisch und Fett eindecken.

Üppige Fleischkost war vonnöten: Der Homo sapiens erwies sich zwar als Erfolgsmodell, hatte seinen Energieumsatz jedoch kräftig erhöht. Als Veganer wäre er jämmerlich verhungert. Die Versorgung mit Kalorien wurde jetzt zum kritischen Faktor, denn Homo sapiens wuchs. Männer mit einer Körpergröße von 1,80 Metern waren keine Ausnahme mehr. Gerade die Wachstumsphase in der Kindheit verlangte nach kalorienreicher Nahrung.

Dramatisch angestiegen war der Energiebedarf des Gehirns. Es hatte das dreifache Volumen des Hirns seiner affenähnlichen Vorfahren erreicht. Damit geriet der frühe Mensch unter Zugzwang: Das Gehirn kann nicht hungern. Wird es nicht ausreichend versorgt, stellt es den Betrieb ein. Sein Energiedurchsatz aber ist zehnmal höher als der anderer Organe. Bei Erwachsenen verbraucht es etwa ein Fünftel der Kalorienzufuhr, bei kleinen Kindern sind es fast 80 Prozent. Vor allem das mächtige Denkorgan erzwang die Jagd nach Fett und Fleisch. Erst die stabile Versorgung mit Eisen, bedingt durch das Anwachsen der BolA2-Gene, hat wohl den letzten Wachstumssprung des Menschenhirns auf die heutige Größe ermöglicht.

Das sollte auch Zehntausende Jahre später die Machtfrage unter den diversen Menschengattungen Europas entscheiden. Die neuen Menschen waren einfach die besseren Jäger. Auf der Schwäbischen Alb, im heutigen Frankreich und dem Balkan war die Lage der Invasoren aber zunächst noch prekär. Sie befanden sich auf fremdem Terrain, auf Neandertaler-Land, dem Kerngebiet bereits existierender europäischer Ureinwohner. Die Eindringlinge aus Afrika begannen damit, den neuen Kontinent an sich zu reißen. Auch in Asien waren sie auf dem Vormarsch. Als die Künstler von Chauvet ihre atemberaubenden Wandmalereien schufen, hatte der Homo sapiens längst auch Südostasien und Australien erreicht. Der Fünfte Kontinent war noch menschenleer, doch in Asien traf man – wie in Europa – auf angestammte Kohorten. Diese ausgestorbenen Vormenschen nennt man heute Denisovaner, nach dem einzigen bislang bekannten Fundort, der Denisova-Höhle in Sibirien.

Die Neuankömmlinge ahnten nicht, dass sie es bei den Urvölkern in Europa und Asien mit den eigenen Vettern zu tun hatten. Das Familientreffen währte auch bloß einige Tausend Jahre. Es dürfte nicht immer friedlich verlaufen sein, brachte aber auch einige Nachkommen hervor – Mischlinge, deren Nachfahren allerhand Gene der ausgestorbenen Verwandten bis heute weitertragen. Noch heute stammen knapp drei Prozent der Erbmoleküle aller Europäer von den Neandertalern, bei den Südostasiaten kommen auch noch weitere vier Prozent aus dem Denisova-Erbe hinzu. Bloß bei den Afrikanern haben die Genetiker keinerlei Spuren dieser Vermischung entdeckt, ihre Vorfahren sind den Vettern in Europa und Asien ja auch nie begegnet. Und doch tragen auch die Afrikaner archaisches Erbmaterial mit sich herum, Zeugen einer Vermischung mit einer frühen afrikanischen Menschenform. Die Genanalysen beantworten nun erste Fragen: Wer waren die Wesen, aus denen der Homo sapiens hervorging?

Über Millionen Jahre dürften unsere ganz frühen Vorfahren aus der Gattung Homo – etwa Homo habilis oder Homo erectus – eher Beute als Jäger gewesen sein. Sie waren langsamer als die Raubtiere, hatten keine furchterregenden Gebisse. An Fleisch kamen sie wohl nur, wenn sie zufällig auf Aas stießen. Tatsächlich waren ihre Gehirne im Verhältnis zur Körpergröße kaum stärker entwickelt als das der Schimpansen oder der Australopithecinen, jenen frühen Vormenschen, zu denen die berühmte Lucy gehörte . Unsere Urahnen hätten ein mächtiges menschliches Denkorgan gar nicht ernähren können. Evolutionstechnisch gesehen saßen sie in einer Falle.

Man weiß nicht genau, wie sie entkamen. Aber es gibt starke Indizien, und die weisen alle in Richtung des BolA2-Gens. Dass aus einem einzigen Gen plötzlich eine ganze Familie von gleichartigen Erbanlagen entsteht, ist natürlich Zufall. Derartige Ereignisse kommen in der Evolution nicht selten vor. So vollzog sich bereits vor fünf Millionen Jahren, lange bevor es die Gattung Homo überhaupt gab, in unseren affenartigen Vorfahren eine Mutation, die das Wachstum des Gehirns erst möglich machte. Nach und nach bildete sich eine Serie ähnlicher Genfamilien, sie erwuchsen aus Erbanlagen, die die Zahl und Verschaltung von fötalen Hirnzellen im Mutterleib steuern. Vor 800.000 Jahren schließlich war eine kritische Menge solcher Codes im Erbgut erreicht, und sie traten schlagartig in Aktion: Größe und Intellekt des Vormenschenhirns wuchsen unvermittelt an und erreichten beinahe die Dimension des heutigen Menschen (siehe auch  "Zufällig schlau", ZEIT Nr. 13/15). Damit betrat ein Vormensch neuen Typs die afrikanische Steppe.

Und der Homo sapiens?

Unter Experten ist strittig, welchen Namen man diesem Wesen geben soll. Die meisten nennen es Homo rhodesiensis – nach dem ersten Fund seines Fossils 1921 im damals zu Rhodesien gehörenden Bergwerk von Broken Hill. Die Vermessung und Datierung weiterer Knochenreste lassen nur einen Schluss zu: Der alte Homo rhodesiensis muss der Stammvater des Homo sapiens gewesen sein – aber auch der seiner Vettern, des Neandertalers und des Denisova-Menschen.

Als Homo rhodesiensis seinen Lebensraum von Afrika bis nach Europa und Asien ausdehnte, war das bereits die zweite Welle afrikanischer Emigranten. Zuvor hatte der Homo erectus seinen Heimatkontinent verlassen und die Wanderung bis ins heutige China angetreten.

Isoliert von ihren afrikanischen Artgenossen, begannen sich die Rhodesier-Menschen allmählich zu verändern, in Europa wuchs ihr Gehirn nochmals an. Vor 400.000 Jahren machten sie sich zu den neuen Herrschern über Europa und Westasien – und entwickelten sich zu den Neandertalern. In Nordspanien, wo heute Tausende Menschen den Jakobsweg entlangpilgern, sind Reste von Hominiden erhalten geblieben, die sich genau am Übergang vom Homo rhodesiensis zum Neandertaler befanden. In der Sierra de Atapuerca wurden eine Vielzahl von Individuen aus einem Gesteinsschacht, der sogenannten Sima de los Huesos, der "Knochengrube", geborgen. Ihre Gebeine zeigen Spuren von Kannibalismus – und enthalten noch immer Reste ihres Erbguts.

Im Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie arbeitet das Team des Paläogenetikers Svante Pääbo an der Rekonstruktion der 420.000 Jahre alten Erbmoleküle. Vor wenigen Jahren wäre das eine utopische Idee gewesen, jetzt zeigen die ersten Gendaten aus der Knochengrube: Hier lebten Wesen, die sehr frühe Neandertaler gewesen sein müssen. Pääbos Team hatte schon vor Jahren die Genome mehrerer Neandertaler aus Fossilmaterial ausgelesen. Nun zeigen erste Vergleiche: Die uralten Genome aus Spanien unterscheiden sich wenig vom zehnmal jüngeren Erbmaterial der Neandertaler.

Auch in Asien entwickelten sich die afrikanischen Frühmenschen weiter: Wir wissen nicht, wie die Denisova-Menschen aussahen, und auch nicht, ob ihr Hirn ein menschliches Volumen erreichte, wie das der Neandertaler. Bislang konnten außer ein paar Zähnen und dem winzigen Bruchstück eines Fingerknochens keine physischen Zeugnisse ihres Daseins geborgen werden. Wie sie lebten? Ein Rätsel. Doch ihr Erbgut kennen wir minutiös. Ein Stück vom Zahn reichte, um alle Daten der archaischen Menschen präzise auszulesen. Der Vergleich ergab: Sie sind eng verwandt mit den Neandertalern – Geschwister wahrscheinlich, mindestens Vettern. Und beide sind direkte Nachkommen des ausgewanderten afrikanischen Frühmenschen, des Homo rhodesiensis.

Und der Homo sapiens? Noch gab es im damaligen Afrika von ihm keine Spur. Es sind die Sequenziermaschinen, die Bioinformatik-Algorithmen in Evan Eichlers Labor in Seattle, die uns ein erstes Lebenszeichen des Homo sapiens übermitteln. Vor 282.000 Jahren, mit der Aufrüstung des Eisenstoffwechsels, begann in Afrika die Zeit seines Aufbruchs. Der Urmensch Homo rhodesiensis brachte nun einen dritten Nachkommen hervor, der den Globus in einer dritten Wanderungswelle überrennen sollte – unsere Spezies.

Doch wie muss man sich diesen vorerst letzten Akt der menschlichen Evolution vorstellen? Die Fachleute haben erst seit Kurzem eine Idee von den Geschehnissen: Damals müssen sich in verschiedenen Völkern unserer Vorgänger, die den afrikanischen Kontinent durchstreiften, erste genetische Anpassungen vollzogen haben. Die verbesserte Eisenrekrutierung mithilfe der BolA2-Genfamilie könnte sich in einem der Stämme vollzogen haben. In anderen Kohorten dürften sich zeitgleich durch Gendoppelungen kognitive Fähigkeiten erweitert haben: das Talent zum abstrakten Denken etwa, das präzise räumliche Vorstellungsvermögen und – wahrscheinlich der entscheidende Faktor – die soziale Intelligenz, also die Fähigkeit, in großen Gruppen mit komplexen Beziehungen zu leben. Letzteres war wohl der höchste Trumpf des modernen Menschen. Aber wie verdichteten sich all diese Talente schließlich zum Homo sapiens?

"Afrika war ein Schmelztiegel", glaubt der britische Paläoanthropologe Chris Stringer vom Natural History Museum in London. Viele der sich allmählich fortentwickelnden Stämme des Homo rhodesiensis hätten wohl miteinander in Kontakt gestanden. Man begegnete sich, tauschte vielleicht Steinwerkzeuge und Nahrung. Vor allem aber tauschte man Erbmerkmale: "Kreuz und quer über den Kontinent flossen genetische Innovationen hin und her", vermutet Stringer. Bis sich zuletzt dieser neue Mensch herauskristallisierte: Homo sapiens. Geburtsdatum: vor etwas mehr als 200.000 Jahren.

"Afrika ist unser größtes Rätsel"

Diese frische Erklärung für die humane Genese sorgt dafür, dass einflussreiche Paläoanthropologen wie Stringer oder Jean-Jacques Hublin vom Leipziger Max-Planck-Institut die Frage nach dem Geburtsort der Menschheit vom Tisch wischen: "Unsere Überzeugung, es gäbe eine 'Wiege der Menschheit' entweder in Süd- oder in Ostafrika, war ein Hirngespinst", sagt Hublin. Es sei ausgeschlossen, auf dem Kontinent einen "Garten Eden" geografisch zu lokalisieren. Es hat ihn nie gegeben.

Das ist ein kompletter Umbruch im Denkgebäude der Paläoanthropologie. Lange hatte die Zunft nämlich an einer Art Schöpfungsmythos festgehalten: Ihm zufolge kam es bei den frühmenschlichen Gruppen vor mehr als 200.000 Jahren zu einer Katastrophe. Trockenheit oder Nahrungsverknappung dezimierten die Populationen. Es überlebten nur wenige Individuen, die bereits durch Mutationen jene geistigen Fähigkeiten erlangt hatten, die den modernen Menschen ausmachen. Anstelle seiner ausgestorbenen Vorgänger soll dann der Homo sapiens erst den Heimatkontinent in Besitz genommen haben und schließlich die Welt.

Klingt plausibel – kann aber nicht stimmen. Fossilfunde zeigen, dass Gruppen des alten Homo rhodesiensis noch bis vor 35.000 Jahren in Afrika lebten. Aus dem Genom heutiger Afrikaner lässt sich herauslesen, dass der Homo sapiens sich in Afrika noch mit diesen archaischen Hominiden paarte – ebenso wie mit den Neandertalern in Europa und den Denisova-Menschen in Asien. Die Theorie, dass die Stämme des Homo rhodesiensis in Afrika in einem evolutionären Flaschenhals stecken blieben und dabei den modernen Menschen in die Zukunft entließen, ist obsolet.

Doch auch für die neue Hypothese – Homo sapiens entstand aus einer Art Melange verschiedener bereits genetisch avancierter Vorgänger – gibt es wenige harte Belege. Die ersten Vertreter der neuen Menschheit könnten Geschöpfe gewesen sein, deren fossile Überreste in Äthiopien gefunden wurden. Gebeine aus den Fundstätten bei Omo und Heto gehörten einst frühen Vertretern des Homo sapiens vor 150.000 bis fast 200.000 Jahren. Es sei schon fast Ironie, findet der Max-Planck-Forscher Hublin: "Über Europa und Asien wissen wir viel mehr als über den Ursprungskontinent der Menschheit. Ausgerechnet Afrika ist unser größtes Rätsel."

Nun ist Afrika ein gewaltiger Kontinent. Viele Gebiete, die von den ersten Menschen und ihren Vorfahren bewohnt wurden, sind heute für die Knochenjäger unzugänglich. Was unter der Sahara oder im Boden des tropischen Regenwalds (beides gab es früher nicht) verborgen liegt, ist wohl für immer verloren.

Jean-Jacques Hublin will sich damit nicht abfinden. Er spürt in Marokko dem Homo sapiens nach und hofft, dort einen "Ur-Adam" zu bergen. Es wäre ein spektakulärer Fund. Gelänge Hublin sein Vorhaben, hätte man endlich ein Bild jener Künstler, die den dritten Exodus der Gattung Homo aus Afrika bewältigten. Die Flöten und Dildos schnitzten und diese im Hohlen Fels hinterließen. Aus Afrika in die Schwäbische Alb – das war ein Weg voller unglaublicher Zufälle. Ein Wunder, dass es uns gibt.