300.000 – Seite 1

Die Meldung liefert alles, was eine gute Schlagzeile braucht: Sie ist brisant, eingängig und skandalträchtig. "Flüchtlinge arbeiten schwarz für Dumpinglöhne", meldet der Radiosender NDR Info am 30. August. Mitarbeiter oder Besucher von Flüchtlingsunterkünften vermittelten immer wieder Schwarzarbeiterjobs gegen Provision. Verlässliche Zahlen dazu gebe es zwar keine, heißt es in dem Bericht, aber immerhin glaubhafte Schätzungen. Etwa eine Studie, die nahelege, dass rund 300.000 Flüchtlinge hierzulande schwarzarbeiteten. Das entspräche gut einem Viertel der knapp 1,1 Millionen Menschen, die im vergangenen Jahr in Deutschland Schutz suchten.

Binnen Stunden verbreitet sich die Meldung auf allen großen Nachrichtenseiten im Internet, sie läuft in der News-Schleife im Radio, schafft es bis in die Tagesschau. Geschätzte Zahlen kommen bald als gesicherte Fakten daher. Selbst der seriöse Deutschlandfunk leitet einen Beitrag zum Thema mit einer scheinbaren Gewissheit ein: "In Deutschland arbeiten mindestens 100.000 Flüchtlinge, und zwar schwarz."

Die NDR-Meldung schlägt auch deshalb ein, weil sie Befürworter wie Gegner der Willkommenskultur in ihren eigenen Wahrheiten bestätigt. Die einen sehen in der Schwarzarbeit eine Ausbeutung von Flüchtlingen, die anderen einen weiteren Beleg dafür, dass sich die Neuankömmlinge nicht an die hier geltenden Regeln halten. Die Botschaft gräbt sich in die Köpfe von Tausenden Hörern, Zuschauern und Lesern ein. Nur: Stimmt sie auch?

Die ZEIT hat versucht, die Aussage von den möglicherweise Hunderttausenden Flüchtlingen in Schwarzarbeit zu überprüfen. Wir haben mit Flüchtlingshelfern, Heimbetreibern, Gewerkschaftern und Arbeitgebervertretern gesprochen. Nirgendwo fanden sich konkrete Hinweise darauf, dass Schwarzarbeit unter Asylsuchenden massenhaft verbreitet ist.

Für Schwarzarbeit und illegale Beschäftigung ist der deutsche Zoll zuständig. Bundesweit fahnden 6.700 Kontrolleure auf Baustellen, in Restaurantküchen, Fleischfabriken oder Speditionshallen nach derartigen Tatbeständen. Nach eigenen Angaben trifft der Zoll bei seinen Kontrollen lediglich sechs bis elf Flüchtlinge an, die nicht angemeldet sind. Pro Monat. Das sind ungefähr 100 im Jahr. "Wenn es diese hohen Fallzahlen gäbe, über die berichtet wird, dann würden wir die irgendwo sehen. Wir sehen sie aber nicht", sagt Klaus Salzsieder von der Generalzolldirektion.

Beim Deutschen Hotel- und Gaststättenverband, der gleich zwei für Schwarzarbeit anfällige Branchen vertritt, heißt es: "Was wir definitiv nicht haben, sind valide Erkenntnisse zum Thema Flüchtlinge in Kombination mit Schwarzarbeit." Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten sagt zum Aufregerthema: "Wir haben keinerlei Erkenntnisse dazu."

Im Baugewerbe, ebenfalls einer traditionellen Domäne von Schwarzarbeit, sind Flüchtlinge auch noch nicht in großer Zahl aufgefallen. "Wir haben keinerlei Anhaltspunkte, die auf Schwarzarbeit unter Flüchtlingen auf dem Bau hindeuten", sagt Harald Schröer vom Zentralverband Deutsches Baugewerbe. Und fragt man bei der Gewerkschaft IG Bauen-Agrar-Umwelt nach, heißt es: "Das Problem sind eher Wanderarbeiter aus Bulgarien und Rumänien, die unangemeldet auf dem Bau arbeiten. Von Schwarzarbeitern aus Syrien oder Afghanistan, die die Baustellen überschwemmen, haben wir noch nichts gehört."

Ist der Flüchtling ohne Arbeitsvertrag also nur ein Phantom? "Asylsuchende, die hier Arbeit finden, sind häufig prekär beschäftigt, schlecht bezahlt und kaum abgesichert", sagt Norbert Grehl-Schmitt von der Caritas in Osnabrück. "Sicher arbeiten auch einige schwarz. Aber von einem Massenphänomen zu sprechen, dafür fehlt jede Grundlage." Emilija Mitrovic von der Beratungsstelle Migration und Arbeit des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Hamburg fügt hinzu: "Die Schätzungen, die in den Medien kursieren, sind haltlos. Es gibt keine seriösen Zahlen."

"Die Stichprobe ist weder valide noch repräsentativ"

Es ist ein Wesensmerkmal von Schwarzarbeit, dass sie im Verborgenen stattfindet. Gerade bei den vielfach noch gar nicht registrierten Flüchtlingen. Seltsam aber, dass niemand aus der Szene etwas von einer Flüchtlings-Schattenwirtschaft mitbekommen hat. Hunderttausende Asylsuchende ohne Arbeitspapiere bleiben unentdeckt? Schwer zu glauben.

NDR Info nennt in seinem Beitrag nur zwei konkrete Fälle: den ehemaligen Mitarbeiter einer Flüchtlingsunterkunft im niedersächsischen Neu Wulmstorf, der versucht haben soll, den Bewohnern gegen Provision Schwarzarbeit zu vermitteln. Er sei inzwischen entlassen worden, der Heimbetreiber habe Strafantrag gestellt. Der zweite Fall ist ein Mann aus Burkina Faso, den die Reporter am Hamburger Busbahnhof antreffen und der nach eigenen Angaben immer wieder schwarzarbeitet. Zu Wort kommt noch eine anonyme Sozialarbeiterin, die schätzt, dass bis zu 50 Prozent der Asylbewerber irgendwann einmal schwarzarbeiteten. Wie sie zu dieser Annahme kommt, bleibt offen.

Reichen zwei Beispiele und eine anonyme Einschätzung aus, um einen Massentrend zu begründen? Wohl kaum. Deshalb zitiert der NDR als weiteren Beleg die Studie von den angeblich 300.000 Flüchtlingen in Schwarzarbeit. Schaut man sich die Arbeit der Ökonomen Friedrich Schneider von der Universität Linz und Bernhard Boockmann vom Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung in Tübingen genauer an, fällt auf, dass auch die Wissenschaftler keine validen Daten für ihre Schätzung haben.

In der Studie geben sie das auch offen zu: "Wie viele (von den arbeitsfähigen Flüchtlingen in Deutschland, Anm. d. Red.) tatsächlich in der Schattenwirtschaft tätig werden und in welchem Umfang dies geschieht, ist derzeit vollständig unbekannt." Deshalb greifen die Forscher auf einen Kniff zurück: Sie setzen "Szenarien an die Stelle von Wissen".

Im Folgenden entwerfen sie drei Szenarien, in denen sie davon ausgehen, dass einmal 100.000, einmal 200.000 und einmal 300.000 Flüchtlinge schwarzarbeiten. "Das Szenario mit 300 000 Flüchtlingen ist das plausibelste", sagt Schneider, einer der beiden Autoren, am Telefon. Wie er zu dieser Annahme komme? Da bleibt der Forscher vage. Er stütze sich auf "Stichproben" aus Flüchtlingsunterkünften in Konstanz, Passau und Marburg, wo Betreuer, die er persönlich kenne, Flüchtlinge befragt hätten, ob sie schwarzarbeiteten oder sich das vorstellen könnten.

Abgesehen davon, wie ehrlich jemand solche Fragen beantwortet, wurden die Befragten in den Unterkünften nicht systematisch ausgewählt. Wie aussagekräftig ist so eine Umfrage dann überhaupt? "Die Stichprobe ist weder valide noch repräsentativ", gibt Schneider am Telefon selbst zu. Und ergänzt später per Mail: "Es ging mir um ein Stimmungsbild, nicht um eine wissenschaftliche Untersuchung."

Natürlich dürfen Wissenschaftler dort, wo konkrete Zahlen fehlen, Annahmen treffen, auf deren Basis sie dann Schätzungen abgeben. Doch mit den 300.000 Flüchtlingen gelangte eine Zahl ohne valide Datengrundlage in die Welt und verbreitete sich dort als quasistatistische Evidenz. Schneider selbst trägt zu dieser Interpretation bei, indem er seine Schätzung als "durchaus realistisch" bezeichnet. Damit verleiht er einer auf mageren Daten basierenden Annahme eine quasiwissenschaftliche Glaubwürdigkeit. "Es war der Versuch, mit unorthodoxen Methoden etwas in Erfahrung zu bringen, wo bislang nur spekuliert wurde", sagt er. Der Ökonom spekuliert also selbst. Für einen Wissenschaftler ist das gewagt.

Um das Sommermärchen von den schwarzarbeitenden Flüchtlingsmassen in die Welt zu setzen, brauchte es nur zwei Dinge: Journalisten, die eine Schlagzeile suchten. Und Wissenschaftler, die allzu schnell bereit waren, die vermeintlichen Fakten dazu zu liefern.

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