In Dantes Inferno, Version Gegenwart, gibt es zwei Höllenkreise, die reserviert sind für die Sünder der siebziger und der achtziger Jahre. Wer in den Siebzigern den Terrorismus baaderscher Prägung radikal schick fand, muss in Endlosschleife über "Schießen und Ficken" schreiben. Und wer sich in den Achtzigern mit Hedonismus retten wollte, muss bis ans Ende aller Zeiten Kleidermarken aufsagen und sich ostentativ mit Kunst auskennen. Die Hauptfigur in Gerhard Falkners Roman Apollokalypse wandert gewissermaßen zwischen den beiden Höllenkreisen; das "Wir waren wild und gefährlich"-Gefuchtel beider Jahrzehnte will er als Chronist miteinander in Verbindung bringen. Nur steckt er leider selbst ziemlich tief mit drin.

Dieser Ich-Erzähler namens Georg Autenrieth, 1951 in Nürnberg geboren, wäre sicher nicht einverstanden mit der Höllenkreis-Idee, denn er ist ein Nostalgiker, den es zurückzieht in die Jahrzehnte der Doors und Dead Kennedys. Als Erzähler ist er klassisch postmodern, nämlich unzuverlässig: Er leidet an fortgeschrittenem Ich-Zerfall und kämpft gegen einen Doppelgänger, der vampiresk an seinem Leben saugt. Anfangs tritt er als Jetset-Beau auf, umweht vom Sympathisantengeheimnis und flankiert von Freunden, die so cool sind wie er selbst: "Wilde Partys, harte Drinks und lange Nächte lautete die Mischung. Verzaubert von Koks und Artaud." Berlin ist das Zentrum des Romans, denn die Stadt bietet "außerplanmäßiges Existieren", wie der dauerekstatische Beobachter festhält. Nachdem er seinem Künstlerfreund die Geliebte ausgespannt und dieser sich umgebracht hat, taucht Autenrieth ab; zu Beginn der Neunziger erscheint er wieder auf der Bildfläche, um alle Überschreitungsgesten noch mal durchzuexerzieren.

Dabei fallen Sätze von fast schon heinohaftem Connaisseurtum ("ihre Haut war weiß und durchscheinend wie Teeporzellan und ihr Haar tiefschwarz"), weil dieses Ich dazu verdammt ist, permanent seinen Genießerstatus vorzuführen. Und seine Verruchtheit: "Wir suchten mit unseren von Exzessen geschundenen Körpern den morbiden Glanz der großen Epochen und der Blütezeiten." Ein obszönes Werk im batailleschen Sinne will allerdings nicht daraus werden, eher ein Rückblick, der den historischen Enthemmungskanon als frische Ware verkaufen will.

Dabei geht es tatsächlich um einen Kanon, der von den Helden der Antike über Kleist, die Romantik, Proust und Rilke bis zu Pasolini und Malcolm Lowry führt. Gerhard Falkner, geboren 1951 im fränkischen Schwabach und bislang vor allem als Lyriker (Hölderlin Reparatur) und fantasievoller Novellist bekannt (Bruno, eine Novelle über den Problembären), hat seinem Roman eine unendliche Anspielungskette eingebaut. Eine Terroristin heißt wie Kleists Geliebte, das gespaltene Ich bringt sich selbst sowohl in Stammheim als auch beim Ponto-Mord von 1977 unter, und nicht zuletzt verweist der Name des Erzählers auf die Psychiatriegeschichte: Die "Autenriethsche Maske" war ein Disziplinierungsinstrument, eine Art Lederknebel, der den Kranken vom Schreien abhielt; der Tübinger Arzt Autenrieth hatte damit auch Hölderlin behandelt.

Die sprachliche Zwangsjacke der siebziger Jahre beobachtet Falkners Apollokalyptiker schon sehr genau; die Vorstellung, dass "eine Sprache sich grob machen muss", geht dem Protagonisten zeitweise in Fleisch und Blut über. Das Problem: Die Grobheit setzt sich fort im "Westberliner Priapismus", in einer kindlichen Kackschwanzknarren-Begeisterung, die nie wirklich selbstironisch wird (wie in Frank Witzels BRD-Epos Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969). Erzählerisch raffiniert wird der Roman, wenn das Ich von sich selbst ablässt, vor allem in den leuchtenden Landschafts- und Stadtbeschreibungen.

Es sei immer nur so viel Glück möglich, "wie Verbote zu brechen sind", zitiert Autenrieth den Marquis de Sade; seine Libertinage wirkt dementsprechend retro. Der aus der Gegenwart heraus erzählende Held will beim "Obszönen jener Lava" bleiben, "die den Krater verlassen musste, um zu verwüsten und neu zu befruchten". Ganz am Ende liefert sich der Ich-Erzähler ein Deutungsrennen mit einem undurchsichtigen Psychoanalytiker, der die Doppelgängergeschichte möglicherweise in Gang gesetzt hat: Dichter und Arzt wie Hase und Igel. Es wird einiges erklärt auf diesen letzten Seiten, auch der Romantitel: "Apollo, das Prinzip des Schönen, Kalypso, das Prinzip der Verführung, und Apokalypse, das Prinzip der Zerstörung". Wer auch immer "Autenrieth" nun ist, er will das letzte Wort behalten. "Der Teufel ist ein Angeber", sagt er zuletzt, und darin steckt ein aufschlussreiches Missverständnis. Der teuflischste aller Teufel, könnte man einwenden, übt sich doch eher in Understatement und Diskretion. Ganz sicher trägt er eine Maske, aber eben keine Autenriethsche. Der Angeberteufel der Apollokalypse dagegen trägt Jil Sander, Escada, Kookaï, Panzerfaust und Ständer. Er hat einfach zu dick aufgetragen.