Der Hund ist ein Glück

Denn er tröstet uns in existenzieller Weise

Von Jens Jessen

Gegen die Liebe zum Hund ist kein Kraut gewachsen. Kein praktisches Argument kommt gegen die Menschheitsgeschichte an. Die Beziehung zum Hund ist mutmaßlich die erste Beziehung, die der Mensch überhaupt zu einem Tier geknüpft hat. Vor allen anderen Haustieren empfahl sich der Hund als Begleiter. Wahrscheinlich musste er nicht einmal gefangen und domestiziert werden wie Pferde und andere Haustiere.

Wahrscheinlich drängte ein verlorener Wolf in dunkler Nacht an die Seite des Menschen. Wahrscheinlich wurde er verjagt, wahrscheinlich kehrte er zurück. Wahrscheinlich suchte er sich nützlich zu machen, das erste Mal gegen den Bären, das zweite Mal bei der Jagd. Noch heute versucht dieses Wolfsjunge, das inzwischen in unzähligen Rassen, Farben und Größen existiert, sich dem Menschen nützlich zu machen. Der Hund, sagt die Verhaltensforschung, kollaboriert. Für seine Mitarbeit (und sei’s beim Kampf gegen die Kälte und Einsamkeit) verlangt er noch nicht einmal vordringlich Futter; das würde er sich notfalls auch selber besorgen, vorwurfsfrei. Vordringlich sucht er Zuwendung, Aufmerksamkeit, Sichtbarkeit.

Der Hund will vom Menschen gesehen werden. Allein dieser Umstand ist so unwahrscheinlich, so rührend, herzerweiternd und herzbeklemmend zugleich wie – ja, wie was? Wie ein unverdientes Geschenk. Im Hund erreicht uns ein Versöhnungsangebot der Natur, die wir überall geschändet und zugrunde gerichtet haben.

Deshalb ist der Liebe, die ein Hund in uns hervorbringt, kein Argument gewachsen. Sie ist, wie der Philosoph sagen würde, selbstevident. Man muss nur das atmende Fellbündel eines Welpen in der Armbeuge spüren oder über den ergrauten Fang eines müden alten Jagdhundes streichen, um den beseligenden Strom zu spüren. Hier gibt sich uns etwas rückhaltlos hin. Es ist ein Vertrauen, das den Atem stocken lässt und mit nichts anderem als Rückvertrauen beantwortet werden kann. Alles andere wäre Verrat.

Kinder sind kein Ersatz für Hunde. Den Trost einer Versöhnung mit der Schöpfung können sie nicht spenden. Vielleicht muss man nicht bis zur Erbsünde zurückgehen. Aber etwas Wahres ist doch daran. Das Kind trägt nun einmal neben allen guten auch alle schlimmen Möglichkeiten des erwachsenen Menschen in sich. Indem man sich um Kinder sorgt, sorgt man sich im Grunde nur um sich selbst.

Wer mit der Anschaffung von Kindern liebäugelt, um der Anschaffung eines Hundes auszuweichen, sollte wissen, dass er sich zwar damit, aufs ganze Leben gerechnet, eine Menge Arbeit erspart (denn Kinder werden schließlich selbstständig), aber auch das metaphysische Glück, die Gattungsgrenze zu überschreiten.

Hunde werden nie selbstständig, sie kommen nach Meinung der Verhaltensforschung über den Stand eines dreijährigen Menschenjungen nie hinaus, das ist schon alles wahr.

Hunde sind ein Klotz am Bein, sie behindern Urlaub, Wohnungssuche, Partnerschaft. Mit einem Hund ist man nie wieder allein, das ist das Problem. Es ist aber auch das große Glück.

Jens Jessen