Bevor Hans-Olaf Henkel und Joachim Starbatty Deutschland auf die Couch legen, treten sie vor die Glastür der Bundespressekonferenz in Berlin und posieren für die Fotografen. Zuerst der eine im Vordergrund und der andere im Hintergrund, dann umgekehrt, schließlich Schulter an Schulter. Als ein Fotograf weitere Wünsche anmeldet, ist Henkel schon auf dem Abmarsch, Starbatty pfeift ihn zurück: "Du, Ute ..." Starbatty stutzt, überlegt kurz und sagt dann: "Du, Olaf, komm doch noch mal zurück." Olaf kommt.

Eine Viertelstunde später sitzen die beiden auf einem Podium, jeder ein Buch vor sich, Deutschland gehört auf die Couch! Warum Angela Merkel die Welt rettet und unser Land ruiniert; zwischen ihnen ein Namensschild mit der Aufschrift "Thilo Sarrazin". Bernd Lucke, ein Alphamännchen wie Henkel und Starbatty, huscht am Griff eines Rollkoffers herbei und verzieht sich nach hinten. Hinter Thilo Sarrazin nimmt Christian Strasser, Chef des Europa Verlages, Platz und sagt: "Herr Sarrazin hat sich elf statt zehn Uhr notiert, er wird in 30 Minuten hier sein, wir fangen schon mal an."

Wäre ich Deutschland, würde mir nun angst und bang. Will ich mich wirklich von zwei promovierten Wirtschaftswissenschaftlern psychotherapeutisch analysieren lassen, die nicht genau wissen, ob sie nun Ute oder Olaf heißen? Und möchte ich, dass die Ergebnisse dieser Analyse von einem dritten Ökonomen öffentlich vorgetragen werden, der eben noch behauptet hat, ich schaffe mich ab? Wie kann ich auf eine Couch gehören, wenn es mich gar nicht gibt?

Henkel und Starbatty beschreiben nun, wie sie vorgegangen sind – streng nach den Gesetzen der ökonomischen Psychoanalyse, einer Wissenschaftsdisziplin, die sie mit ihrem Buch erst begründen: Untersuchung, Diagnose, Therapie – und 19,90 Euro kassieren. Die Psycho-Dr.-oec.s stellen unisono fest, dass Angela Merkel die Griechen retten will – und sie immer ärmer macht. Dass sie das Klima retten will – und den deutschen Mittelstand griechisiert. Dass sie die Flüchtlinge retten will – und damit erst aufs Mittelmeer lockt. Diagnose: Helfersyndrom. Die Kanzlerin packt die historische Schuld den Deutschen bei jedem Problem von Neuem auf die Schultern, sodass diese, ihres Selbstwertgefühls beraubt, immer und überall helfen müssen und in dieser Sucht gar nicht mehr erkennen, dass ihre Hilfe schadet.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 39 vom 15.9.2016.

Die Therapie, die Henkel und Starbatty empfehlen, ist so einfach wie für die Kanzlerin schmerzhaft: täglich eine Dosis Friedrich Merz – mindestens vier Jahre lang. Kehrt der Ex-Fraktionschef der Union, ein "Jurist mit großem ökonomischem Sachverstand", zurück in die Politik und beerbt dort Merkel im CDU-Vorsitz und im Kanzleramt, so wird für Henkel und Starbatty alles so, wie sich ein Merkel-Bashing-Buch in Zeiten der medial ausgerufenen Kanzlerinnendämmerung verkaufen wird: richtig gut. Fragt man nach, weshalb unter Merz alles richtig gut werde, erhält man als Antwort: "Weil er das machen würde, was wir für richtig halten." Und Sarrazin, mittlerweile eingetroffen, nuschelt dazu, er halte auch vieles für richtig, bleibe aber deshalb Sozialdemokrat. Na logisch.

Nach einer 90-Minuten-Sitzung mit Henkel und Starbatty kann man getrost eine Diagnose wagen: zwei Fälle von übersteigertem Selbstwertgefühl. Um das zu erkennen, muss man noch nicht mal ökonomischer Psychoanalytiker sein.