Ein Doktor Harold N. Bornstein, 101 East 78th Street, New York, hat ein Gutachten über Donald Trumps Gesundheit verfasst, darin steht, er sei "der gesündeste Mensch, der je in das Präsidentenamt gewählt würde". Fakten: Blutdruck 110/65! Noch mehr Fakten: Er nehme 81 Milligramm Aspirin täglich ein, in zwölf Monaten habe er mindestens 15 Pfund abgenommen. Der Arzt musste zwar einräumen, dass er das Gutachten in nur fünf Minuten geschrieben habe, aber in der Sache blieb sein Urteil über den 70-Jährigen stabil: "Seine Gesundheit ist exzellent, besonders seine geistige Gesundheit."

Es ist an der Zeit, sich über den ausgezeichneten Gesundheitszustand dieses Präsidentschaftsbewerbers ernsthaft Sorgen zu machen. Denn solches Wohlsein ist für amerikanische Präsidenten, die Geschichte schrieben, gänzlich untypisch. Nicht nur für sie. Auch Helmut Schmidt räumte im Alter ein, er sei nie ganz gesund gewesen und im Amt gewiss hundertmal ohnmächtig geworden, für Sekunden, für Minuten. Dem sogenannten gesunden Menschenverstand leuchtet eine solche Bilanz spontan ein: Ohnmacht kommt einem realistisch vor. Wie auch der Schmerz: An wem die Anstrengung eines hohen politischen Amtes oder eines Präsidentschaftswahlkampfs körperlich spurlos vorbeigeht, mit dem stimmt vermutlich irgendetwas nicht.

Hundertmal in Ohnmacht zu fallen, das galt lange als weiblich, jetzt ist es das Stichwort der Stunde, wieder weiblich: Während der Gedenkfeier am vergangenen heißen Sonntag erlitt Hillary Clinton in der New Yorker Anspannung des 11. September vor den Augen einer Amateurkamera einen Schwächeanfall, in der Tat.

Seitdem beschäftigen ihre wackligen Knie und die präsidiale körperliche Verfassung die mediale Welt, so wie einst im Hörsaal der Pariser Salpêtrière die erstaunten Ärzte um die entblößte Hysteriepatientin Blanche Wittman herumstanden: Was hat sie denn bloß? Oder aktuell gefragt: Was stand in dem Bulletin, das Clintons Ärztin Lisa Bardack 2015 aufgesetzt hat, warum umfasst es nur zwei Seiten, was bedeutet doch gleich jene Diagnose hypothyroidism, die dort vermerkt ist? Warum verschwieg Clinton in diesen Tagen die Lungenentzündung, die ihre Ärztin ihr attestiert, ist das ein Fake der Funktionseliten, was wird verschleiert? Warum trug sie kurz nach dem Kollaps diese kreischblauen Sonnenbrillengläser und winkte stählernstarr in die Menge? Ist sie zu krank oder gar zu gesund, soll das etwa normal sein, was ist mit dieser alternden Frau nur los, die nicht punktgenau fühlt, was sie fühlen sollte, wenn sie überhaupt etwas fühlt, da stimmt doch was nicht?

Die Gesundheitshysterie, die sich medial an Hillary Clinton entfesselt und von rechten Verschwörungstheoretikern als Sorge um ihre "Kraft" für das Amt aufgeheizt wird, hat erst eine kurze Geschichte. Zuvor herrschten das Geheimnis, das Arkanum, die Körperbeherrschung und die Simulation. Denn lange Zeit zeichnete es die politische Kultur der Vereinigten Staaten aus, dass das Wahlvolk über die präsidiale Gesundheit im Unklaren blieb, im Sinne des idealen Guten, das der Präsident zu verkörpern hatte, unter Absehung vom sterblichen Körper.

Das Versprechen hielt, solange Kameras dem Siechtum nicht zu nah kamen: Das Wahlvolk sah den tatkräftigen Präsidenten bei dem stellvertretenden pursuit of happiness kaum je aus der Nähe. Dabei litt der herrschaftliche Körper an allen nur denkbaren Schrecknissen: Nach einem Monat im Amt starb im April 1841 William Henry Harrison an einer hartnäckigen Lungenentzündung, von der niemand etwas gewusst hatte. Die Cholera, die Präsident Zachary Taylor 1850 ereilte, ließ sich fast bis zu seinem Tode verheimlichen. Abraham Lincoln litt wohl an einer seltenen Erbkrankheit, der multiplen endokrinen Neoplasie des Typs 2B. Woodrow Wilson, den schon vor seiner Amtszeit mehrere Schlaganfälle erwischt hatten, wurde 1919 als Präsident vom Schlag getroffen, seine Frau übernahm daraufhin stillschweigend die Regie. Calvin Coolidge kämpfte 1924 mit der klinischen Depression, Franklin D. Roosevelt bemühte sich, seine Kinderlähmung zu überdecken, sogar der offenere Dwight D. Eisenhower tat, als sei er nicht herzkrank.

Und der für seine vitale Jugendlichkeit (Monroe! Berliner!) mythisierte JFK-Kennedy stand unter so schweren Medikamenten, dass man seine politische Kunst im Grunde darauf zurückführen müsste, dass JFK nie ganz bei Sinnen war. Procain-Injektionen linderten die Rückenschmerzen, Nembutal half schlafen, Lomotil sollte den Darm befrieden. Um nur drei von circa acht Medikamenten zu nennen, die diese Lichtgestalt nahm. Geheim.

Wann genau die mediale Rundumüberwachung und die dauererregte Aktualisierung des präsidialen Gesundheitszustands begann, ist nicht leicht zu sagen. Als Jimmy Carter zäh durch Washington joggte, kam der schwitzende Präsidentenkörper ins Bild. Seit 1980 fragte die New York Times Kandidaten nach ihrem Befinden. Mit Bill Clinton rückten erstmals privatere Körperfunktionen im politischen Enthüllungskampf ins Interesse der Massen. Jedenfalls hat die Volksaufklärung seit dem Jahr 2000 ihren Chefadvokaten im Netz: "Dr. Zebra", der Kardiologe John Sotos, hat ein Spektrum der Höllenqualen sämtlicher Präsidenten online gestellt, angefangen bei Urvater George Washington. Man darf bilanzierend sagen, es ging Republikanern und Demokraten im Amt gleichermaßen nicht gut.