"Pascha, die Mama ist da!", ruft Ramona Hergeth. Ihr Zweijähriger stürzt zum Eingang der Tagesstätte, begrüßt Hergeth euphorisch und rennt dann zurück ins Spielzimmer zu Rosa, Maja, Paula, Luna, Molly, Willy und Tadeo. "Er fühlt sich so wohl hier. Ich konnte das nicht mehr ertragen, dass er allein zu Hause ist", sagt Ramona Hergeth. "Deswegen kommt er nun drei Tage die Woche her."

16 Uhr, Abholzeit in der HuTa Hundestube, Nähe Berliner Tor. HuTa steht für Hundetagesstätte. Seit sechs Jahren betreibt Gabriele Janßen, 49, die Hundestube, fast täglich bekommt sie inzwischen Anfragen, ob sie nicht noch weitere Hunde aufnehmen könne. Kann sie nicht. Genauso wie viele andere Hundetagesstätten, die lieber gar nicht mehr in der Zeitung genannt werden wollen, weil sie noch mehr Anfragen fürchten.

Hamburg wächst, und noch stärker als die Zahl der Einwohner steigt die Zahl der Hunde. 73.394 sind bei der Stadt registriert, ein Drittel mehr als noch vor fünf Jahren. Vermutlich ist diese Zahl etwas zu hoch, manche Besitzer vergessen, ihren Hund nach dessen Tod abzumelden. Aber einiges deutet darauf hin, dass es noch nie so viele Hunde in der Stadt gab wie heute: Bei der Steuerbehörde sind fast 47.000 Hundehalter registriert, 10.000 mehr als im Jahr 2000. Viele von ihnen haben mittlerweile mehr als einen Hund. Die Einnahmen aus der Hundesteuer gehen deutlich nach oben (jährlich 3,7 Millionen Euro), genauso wie die Zahl der Hundekotbeutel, die von der Stadtreinigung jedes Jahr kostenlos verteilt werden.

Warum ist Hamburg eine Hunde-Stadt geworden? Und was bedeutet es, in der Großstadt einen Hund zu halten?

Die Tür der HuTa ist noch keinen Spalt offen, da schießt Rosi aus dem Nebenraum hervor. Der Labradormischling hat Frauchen Katharina Herbold offenbar schon von Weitem gerochen. "Mein Mann und ich arbeiten am Flughafen, da können wir sie nicht mitnehmen", sagt Herbold, während Rosi sie schwanzwedelnd anspringt.

Ein Problem, mit dem Herbold nicht alleine ist. Gabriele Janßen hat aus dem Problem ein Geschäft gemacht.

Etwa 15 Hunde betreuen sie und ihre drei Mitarbeiterinnen. Ab 7.30 Uhr ist die HuTa geöffnet, viele Hunde wollen so früh am Morgen erst mal eins: weiterschlafen. Mittags geht es dann im Transporter auf eine große, eingezäunte Wiese im Süden der Stadt. Zwei, drei Stunden lang toben. Dann zurück.

Rosi ist täglich hier. "Sie ist total ausgeglichen, wenn wir sie abholen", sagt Katharina Herbold. "So viel, wie sie sich hier mit dem Rudel bewegt, das könnten wir zu Hause gar nicht leisten."

450 Euro kostet die Fünftagebetreuung in der Hundestube im Monat. Dafür gibt es einen glücklichen Hund und ein gutes Gewissen. Etwa zehn Hundetagesstätten sind in den vergangenen zehn Jahren in Hamburg entstanden. Rund um den Hund hat sich eine kleine, aber lukrative Branche entwickelt: 71 Hundesitter, 56 Hundeschulen und 44 Hundesalons gibt es in der Stadt inzwischen – auffällig viele, vermerkt Dogs, das Lifestyle-Magazin für den modernen Hundehalter.

Viele Frauchen und Herrchen in Hamburg schauen nicht aufs Geld, wenn es um ihren Liebling geht. Für viele scheint es sogar einfacher zu sein, Geld für den Hund auszugeben, als Zeit für ihn zu opfern. "Inzwischen kommen immer öfter Anfragen: Können Sie nicht schon um 6.30 Uhr aufmachen? Oder abends bis 22 Uhr?", sagt HuTa-Chefin Gabriele Janßen.

Das führt zur Frage: Warum hält man überhaupt einen Hund, wenn man doch eigentlich gar keine Zeit für ihn hat?

Ein lebendiges Kuscheltier mit Kindchenschema

Im Hunderegister sind in den vergangenen Jahren vor allem die Zahlen der Rassen gestiegen, die als Lifestyle-Hunde gelten. Die Population der Französischen Bulldoggen hat sich in den vergangenen fünf Jahren in Hamburg mehr als verdoppelt. Auch Mops und Chihuahua sind häufiger präsent. "Kleine Hunde mit großem Kopf und großen Augen, die passen perfekt ins Kindchenschema und lösen bei vielen Menschen einen Pflegetrieb aus", sagt Udo Kopernik vom Verband für das Deutsche Hundewesen. Diese Rassen sind in vielen Großstädten beliebt. "Bulldoggen tauchen häufig in der Werbung auf", sagt Kopernik. "Der Chihuahua ist spätestens durch Paris Hilton als Handtaschen-Hund bekannt, der Mops seit seiner Rolle im Film Men in Black."

Der Hund als lebendiges Kuscheltier? Das wäre eine unfaire Unterstellung. Der Hundeboom lässt sich so nicht erklären. Denn auch wenn die Zahlen der Trendhunde stark gestiegen sind, im Vergleich zu den Lieblingsrassen der Hamburger – Labrador, Jack Russell Terrier und Dackel – gibt es wenige davon. Und die meisten Hunde sind ohnehin seit je Mischlinge. Mehr als jeder achte Hund ist keiner Rasse zuzuordnen.

In der HuTa steht Susanne Robisch vor dem Gitter am Eingang. Molly, ein Maltipoo, also eine Mischung aus Malteser und Pudel, springt vor Freude gegen das Tor. "Ich habe mich ein Jahr lang informiert, bis ich meinen Traumhund gefunden habe", sagt Robisch. "Ein Riesendrama, aber es sollte perfekt sein." In einer Woche werde Molly drei Jahre alt. "Der liebste Hund der Welt", sagt Robisch. Sie ist alleinstehend, Molly, das wird im Gespräch klar, ist Familienersatz und Lebensmittelpunkt. "Nächste Woche fahren wir zum ersten Mal zu zweit in den Urlaub."

Der Wunsch nach einem Hund ist häufig der nach einem treuen Begleiter. Manchmal vielleicht sogar der nach einer Aufgabe und einem tieferen Sinn im Leben. "Hunde sind für viele Kindersatz", sagt Gabriele Janßen, eine ausgebildete Tierpsychologin, die selbst oft die Wörter "Hundemama" und "Hundepapa" verwendet. "Leider informieren sich viele Leute nicht so gut, bevor sie einen Hund kaufen." Es gibt viele Fehler, die Neulinge machen können, gerade bei den Modehunden. Oft sind diese überzüchtet und krankheitsanfällig. Und die Tiere haben oft ganz andere Bedürfnisse, als die neuen Besitzer glauben. Die Französische Bulldogge ist zwar leicht zu erziehen und menschenlieb, aber sie ist eben auch anhänglich und verträgt es nicht, den ganzen Tag alleine zu Hause zu sein. Der Australian Shepherd, der in Hamburger Außenbezirken immer beliebter wird, ist zwar der perfekte Familienhund, aber von Natur aus ein Arbeitstier. Er braucht Bewegung und am besten eine Aufgabe.

"Viele Hundebesitzer sind mit der Erziehung total überfordert", sagt Gabriele Janßen. Es sei auffällig, wie viele Hamburger ihre Hunde nicht im Griff haben. Manch einer scheue auch die Arbeit, einem Hund Benehmen beizubringen. "Wir kriegen oft Anfragen, ob wir Welpen erziehen oder stubenrein machen könnten. Das machen wir nicht. Das ist Aufgabe der Herrchen."

Wer sich länger mit Hundebesitzern unterhält, bekommt den Eindruck, die Stadt sei zu einem erheblichen Anteil von Rüpelhunden und überforderten Herrchen bevölkert.

Lässt sich das belegen?

Obwohl mehr Hunde in der Stadt leben, ist die Zahl der Angriffe von Hunden auf andere Hunde oder auf Menschen deutlich zurückgegangen. Gab es Ende der 1990er Jahre jährlich fast 600 Vorfälle, wurden zuletzt nur noch 155 registriert. Und obwohl es in der Stadt mehr Hunde gibt, geben nicht mehr Besitzer ihre Tiere im Tierheim ab. Etwa 300 Hunde sind im vergangenen Jahr ins Tierheim Süderstraße gebracht worden. Mehr als 2014, aber deutlich weniger als noch vor einigen Jahren. Die Zahl schwanke, es sei kein Trend festzustellen, sagt Tierheimchefin Katharina Woytalewicz.

Also alles gut? Nein. Aus Tierschutzsicht gebe es in der Stadt viel zu wenige Flächen, auf denen die Hunde ohne Leine frei toben können, sagt Woytalewicz. Insgesamt hat die Stadt 230 Auslaufflächen ausgewiesen, zusammen so groß wie 335 Fußballfelder, pro Hund eine Fläche von 33 Quadratmetern. Klinge viel, sei es aber nicht, sagt Woytalewicz. "Die Situation ist in den Bezirken sehr unterschiedlich – und in den Innenstadtbereichen wirklich schlecht." Der Park in der Mitte des Klostersterns in Eppendorf etwa, der sei als Auslauffläche ausgewiesen. Aber wer wolle seinen Hund schon in der Mitte eines mehrspurigen Verkehrskreisels frei laufen lassen?

Die Größe der für Hunde ausgewiesenen Flächen hat sich in den vergangenen Jahren trotz der zusätzlichen Hunde nicht erhöht, sie ist sogar etwas kleiner geworden. Das Magazin Dogs hat Hamburg dennoch zur "hundefreundlichsten Stadt Deutschlands 2016" gekürt, zum zweiten Mal nach 2014. Explizit gelobt werden dabei die vielen Auslaufflächen und die tollen Spaziergangs-Areale. Eine Autorin des Magazins bescheinigt der Stadt sogar das deutliche Bemühen, das Zusammenleben von Hundebesitzern und allen anderen "so angenehm und fair wie möglich" zu gestalten. Die Hundesteuer sei mit jährlich 90 Euro im Vergleich zu anderen Großstädten moderat, die kostenlosen Gassibeutel eine genauso tolle Maßnahme wie das kostenlose Mitfahren für Hunde im öffentlichen Nahverkehr. Ihr Fazit: "Wenn schon Stadthund, dann in Hamburg."

18 Uhr, in der HuTa werden die letzten Herrchen und Frauchen sehnsüchtig erwartet. Stella, der Golden Retriever von Gabriele Janßen, schläft. In einer Box liegt Luna, 10, Yorkshire-Malteser-Mischling, und kaut mit ihren zwei verbliebenen Zähnen auf einem Ball herum. Vor dem Gitter am Ausgang sitzt Tadeo, den Blick starr in Richtung Tür gerichtet. Er winselt leise. Mama muss heute länger arbeiten.