Dass der Staat stark sein kann und zugleich liberal, weltoffen, ja zierlich von Gestalt – das hat Jutta Limbach ihr Leben lang unter Beweis gestellt: zuerst als Professorin für Zivilrecht und Rechtssoziologie an der Freien Universität in Berlin, dann als Justizsenatorin der rot-grünen Koalition unter Walter Momper in den Jahren nach dem Mauerfall, schließlich, ab 1994, als erste Frau an der Spitze des Bundesverfassungsgerichts.

Es mag ein wenig antiquiert klingen, wenn man Limbach eine Dame nennt, aber es ist vielleicht eben doch der treffendste Begriff für ihre Mischung aus herzlicher Freundlichkeit, gelassenem Selbstbewusstsein und sicherem Urteil. Wenn man ihr begegnete, war sie stets heiter, neugierig und konzentriert. Aber sie wusste sich auch durchzusetzen, gegen die Grobiane der Berliner Landespolitik ebenso wie in ihrem Senat in Karlsruhe, den sie nicht so sehr führte, sondern eher zielsicher moderierte. Dass sie dabei 1996 in einer ihr zentralen Frage, dem wild umstrittenen Asylkompromiss, ihren Richterkollegen unterlag und nur ein Minderheitenvotum verfassen konnte, war womöglich die ärgste Niederlage ihres Lebens. Aber vielleicht auch die einzige von Gewicht.

Die 1934 in eine Familie engagierter Sozialdemokraten geborene Limbach, selbst Mutter dreier Kinder, erlebte die Wiedervereinigung in Berlin aus unmittelbarer Nähe und half anschließend mit, die Friedliche Revolution in die Formen des Rechts zu überführen, bei den Mauerschützenprozessen ebenso wie in den Verfahren gegen Erich Honecker und die anderen Vertreter des SED-Staates. In ihre Zeit in Karlsruhe fallen aber auch zwei der spektakulärsten und strittigsten Urteile des Verfassungsgerichts: die Entscheidung, das Tucholsky-Wort "Soldaten sind Mörder" unter den Schutz der Meinungsfreiheit zu stellen. Und das sogenannte Kruzifix-Urteil, das das Abhängen von Kreuzen in Klassenzimmern ermöglichte.

Selten hat das Verfassungsgericht so viel Kritik abbekommen wie nach diesen Entscheidungen. Die Zustimmungswerte fielen, in Bayern gab es sogar Demonstrationen gegen das Kruzifix-Urteil. Für das Gericht, das stets darauf bedacht ist, seinen Rückhalt in der Bevölkerung zu pflegen, ein unerhörter Vorgang. Limbach reagierte darauf wie auf fast jede Herausforderung in ihrem Leben: mit beharrlicher Argumentation und mit Offenheit. Sie schuf am Bundesverfassungsgericht, das sich vorher jenseits seiner Urteile ganz in auratisches Schweigen gehüllt hatte, zum ersten Mal eine Pressestelle.

Nach dem Ausscheiden in Karlsruhe wurde Limbach Präsidentin des Goethe-Instituts, wiederum als erste Frau, und zudem Vorsitzende der später nach ihr benannten Kommission zur Schlichtung von verwickelten Raubkunst-Fällen. Ganz zuletzt schrieb sie noch ein Buch – über ihre Urgroßmutter Pauline Staegemann, eine streitbare Gewerkschafterin und frühe Feministin.

Wenn es heute eine Frau wie Jutta Limbach gäbe, eine Frau mit ihrer Erfahrung, mit ihrer leisen Autorität, ihrer Würde und Eleganz – diese Frau wäre die natürliche Nachfolgerin von Bundespräsident Joachim Gauck.

Am vergangenen Wochenende ist Jutta Limbach im Alter von 82 Jahren in ihrer Heimatstadt Berlin gestorben.

Jutta Limbach * 27. 3. 1934 † 10. 9. 2016