Im bewegten "Summer of Love" startete Cohen in New York eine zweite Karriere als Singer-Songwriter – zunächst in der Absicht, mit dem schnellen Geld wieder Muße zum Gedichteschreiben zu haben. Doch die Musik blieb, auch über seine düsterste depressive Phase Anfang der Siebzigerjahre hinaus.

Mit der Kalifornierin Suzanne Elrod zeugte er den Sohn Adam Cohen (*1972) und die Tochter Lorca (*1974). Und auch wenn sich Leonard 1979 von ihr trennte, sagte Suzanne später: "Ich habe mich immer verheiratet gefühlt. Leonard ist der verantwortungsvollste Mensch, den man sich vorstellen kann. Er ist immer für die Kinder da gewesen." 1990 etwa harrte er nach einem schweren Verkehrsunfall seines Sohnes an dessen Krankenbett aus.

Wer Cohens Gedichte und Lieder auf deren religiösen Inhalt hin untersucht, wird mindestens so fündig wie bei den Kollegen Johnny Cash und Bob Dylan, die aber durchaus auch das Neue Testament in ihre Lieder einfließen ließen. Auch Cohens Texte sind übervoll von religiösen Anleihen, Zitaten, Brechungen und Variationen. Der Song Who by Fire etwa greift auf die Liturgie zum Jom-Kippur-Fest und zum jüdischen Neujahr zurück. Förmlich greifbar ist die religiöse Dimension auf dem Album Various Positions (1984), das unter anderem sein rätselhaft kabbalistisches Hallelujah enthält und auch den Song – oder ist es ein Gebet? – If It Be Your Will.

Der Staat Israel konnte nicht unbedingt auf Cohens Sympathie bauen– das Volk Israel aber sehr. Er trat dort stets als eine Art Priester-Poet auf, der das Publikum segnete. In Berlin lag die Sache anders. Bei einem Auftritt 1972 im Sportpalast war Cohen sauer auf die undisziplinierten Zuhörer. "Da dachte ich an Goebbels’ Rede in diesem Haus anno 1943", erklärte er später – und er blökte die Fans auf Deutsch an: "Wollt ihr den totalen Krieg?" 1979, im damals neu eröffneten Kongresszentrum ICC, forderte Cohen die Berliner auf, sich "gegen die totalitäre Architektur hier zur Wehr zu setzen" und sie "auseinanderzunehmen".

Der Fall der Mauer hätte den häufig depressiven Pessimisten versöhnlich stimmen können. Doch im Gegenteil: Mit dem Album The Future (1992) schleuderte er der Postwende-Euphorie seinen Geschichtspessimismus entgegen: "Ich habe die Zukunft gesehen; sie ist mörderisch", grantelte er. Das lyrische Ich, der "little Jew who wrote the Bible", kennt die Abläufe – und bleibt skeptisch, wo alle anderen jubeln.

Ein ausgebrannter Leonard Cohen suchte schließlich die Stille in einem buddhistischen Kloster in den Bergen nahe Los Angeles. Er übte sich dort in Selbstdisziplin und in japanischer Zen-Meditation und wurde 1996 unter dem Namen "Jikan" (deutsch: der Raum zwischen zwei Stillen) zum Mönch ordiniert – der berühmteste Schüler von Kyozan Joshu Sasaki (1907–2014). Der Zen-Meister gründete weltweit zahllose Klöster; schon seit 1969 übte er einen starken Einfluss auf den Sucher Cohen aus.

Dessen jüdischem Glauben tat das dennoch keinen Abbruch, wie er erläutert. Ihm ging es beim Zen nicht um Anbetung oder ein Gottesbild, sondern um Meditation. "Ich habe eine Religion, und ich suche keine andere. Ich bin ein Jude." Vielleicht wäre er in dieser neu gewonnenen Innerlichkeit aufgegangen und die Öffentlichkeit hätte von diesem Künstler nichts mehr gehört. Doch seine Managerin veruntreute in den fünf Jahren, die er im Kloster verbrachte, fast sein gesamtes Vermögen. So also musste es weitere Alben und Tourneen geben.

Je mehr sich der Lebenskreis des Mystikers und am Leben Leidenden schließt, desto mehr Anspielungen auf einen baldigen Tod enthalten Cohens Texte. Schon im Titelsong von Old Ideas (2012) spricht er über das "Heimgehen ohne die Kleider, die ich trug". Und am Ende von Show Me the Place heißt es: "Zeig mir den Ort, wo das Wort Mensch geworden ist. Zeig mir den Ort, wo das Leiden begann."

Diese Tendenz dürfte sich mit der neuen Platte You Want It Darker noch einmal verstärken. Im August starb die Norwegerin Marianne Ihlen, Leonards Muse und einstige Geliebte auf Hydra, mit 81 Jahren an Leukämie. In einem Brief an die Sterbende schrieb Cohen: "Ich glaube, ich werde dir sehr bald folgen. Ich bin nah bei dir, dicht genug, dich zu berühren." Ein Freund, Jan Christian Mollestad, berichtet, Marianne habe beim Hören der Worte ihre Hand ausgestreckt. "Du willst es dunkler haben", so lautet der Refrain von Cohens neuem Titelsong; "dann löschen wir doch die Flamme aus. Hineni, hineni – ich bin bereit, o Herr."