Lieber Pfarrer Jung,

Sie trugen immer eine lange schwarze Soutane mit rot umrandeten Knöpfen. Sie sind mir als gutmütiger alter Mann in bleibender Erinnerung. Ich hatte großen Respekt vor Ihnen.

Sie hatten viel Zeit, wenn Sie uns im Religionsunterricht die Bibel erklärten. Sie konnten die Geschichten vorwärts und dann rückwärts erzählen, und wenn es sein musste, immer wieder. Bis heute habe ich Ihre Stimme im Ohr, wenn ich an die Bibel denke.

Wenn Sie Ihre Erzählungen beendet hatten, stellten Sie bisweilen gescheite Fragen. Auch wer sie nicht beantworten konnte, bekam ein gutmütiges Lächeln. Bei Ihnen hatte ich nie Angst, etwas Falsches zu sagen.

Sie hinterließen viele Lebensweisheiten in meinem Gedächtnis. Die mögen heute altertümlich klingen, enthalten aber Wahrheiten, die über Generationen gesammelt worden sind.

"Sich regen bringt Segen" ist so ein Sprichwort. Es richtet sich gegen die Faulheit, die nicht nur Kinder auf dumme Gedanken kommen lässt.

"Tue recht und scheue niemand" war schon eine Empfehlung für Fortgeschrittene. Sie bekräftigt den Wert von Gradlinigkeit.

Das geflügelte Bibelwort "An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen" half mir im späteren Leben oft, nicht auf schöne Worte hereinzufallen.

Eine bleibende Ermahnung verbindet sich mit Ihrer schwarzen Soutane.

Sie knöpften vor uns Ihre Soutane zur Hälfte auf. Dann knöpften Sie den ersten Knopf wieder ins Knopfloch, allerdings in das falsche, ins zweite. Unter atemloser Stille der staunenden Kinder setzten Sie das falsche Einknöpfen fort. Nach dem ersten Fehler landeten alle folgenden Knöpfe konsequent im falschen Knopfloch.

Dann die Preisfrage: Wie stelle ich die richtige Reihenfolge wieder her?

Die Antwort: indem ich alle Knöpfe wieder aufknöpfe, um vom Anfang her die Knöpfe ins richtige Loch zu bringen. Immer der Reihe nach.

Der langen Rede kurzer Sinn: Einen grundlegenden Fehler kannst du nicht bei seinen folgenden korrigieren. Du musst zurück zum richtigen Anfang, und wenn der noch so weit zurückliegt.

Viele gescheite Leute versuchten mir später gescheite Sachen beizubringen. Keiner war so gescheit wie Sie, Pfarrer Jung.

Ihr Norbert Blüm