Russland wählt sein Parlament, doch was nützt die Stimmabgabe in einer Demokratie, die keine ist? Für ein Parlament, das pausenlos Gesetze verabschiedet, aber in Wahrheit nichts zu sagen hat? Mit einer Opposition, die nicht opponiert? Die Kommunisten, das Kreml-Projekt "Gerechtes Russland" und Wladimir Schirinowskis "Liberaldemokraten", deren Wahlprogramm ein Russland in den Grenzen der Sowjetunion verlangt, haben jedes noch so repressive Gesetz unterstützt und NGOs zu ausländischen Agenten oder unerwünschten Organisationen erklärt. Es gibt nur einen authentischen Oppositionellen: Dmitrij Gudkow, der aus dem Projekt Gerechtes Russland rausgeworfen wurde und nun einsam im Parlament, der Duma, ausharrt.

Doch bei diesen Wahlen soll manches anders werden. Als nach der Wahl im Dezember 2011 öffentlich wurde, wie schamlos die Ergebnisse manipuliert worden waren, da entlud sich der über Jahre angestaute Frust der Bürger. Dass ausgefüllte Wahlzettel in die Urnen dazugeschüttet wurden, Wähler busweise zum Wahllokal gekarrt wurden, dass sie ausgefüllte Stimmzettel in die Hand gedrückt bekamen und ihre leeren abgeben mussten, die wiederum ausgefüllt und weitergegeben wurden (eine Praxis, die Karussell genannt wird) – das alles war nicht überraschend, aber es war eben zu viel. Zigtausende Russen gingen auf die Straße und forderten eine Annullierung sowie ein neues Wahlgesetz. Die Proteste dauerten noch an, als im Mai 2012 Wladimir Putin als Präsident vereidigt wurde. Dann wurden sie niedergeknüppelt, und manche Demonstranten sitzen bis heute ein.

Ein autoritäres System braucht wenigstens den Anschein von Legitimität, das war die Lehre aus den Protesten. Die jetzige Parlamentswahl soll daher möglichst ohne Skandale ablaufen, aber nicht das nötige Ergebnis gefährden. Um den Wahlkampf zu verkürzen, wurde der Wahltermin vom Dezember auf den September vorgezogen, wenn die meisten Russen aus dem Sommerurlaub zurückkehren.

Sitzung Nummer 48 der staatlichen zentralen Wahlkommission in Moskau, knapp zwei Wochen vor den Wahlen: Fast nur Männer sind zugegen, dazwischen Ella Pamfilowa, eine Frau des Systems, die gleichwohl mit Kritik nicht spart. Sie blickt auf die Parteivorsitzenden und Listenkandidaten vor sich, deren Klagen wird sie sich später noch anhören. Jetzt trägt sie erst mal vor: 14 Parteien sind zugelassen, doppelt so viele wie 2011, und 6.510 Kandidaten wollen es wissen. Bereits 4.000 Menschen haben die Kommission angerufen, um Verstöße zu melden, 1.000 haben sich schriftlich beschwert. Es seien 691 internationale Wahlbeobachter eingetroffen, darüber hinaus können, theoretisch jedenfalls, in jedem Wahllokal Bürger darauf bestehen, den Wahlvorgang zu beobachten. Pamfilowa mahnt: "Man darf sie nicht wegschicken!"

Die resolute Frau, Anfang 60, ist das Gesicht der Veränderungen bei diesen Wahlen. Sie war Vorsitzende des Menschenrechtsrats, ihr Ruf ist tadellos. Deshalb entließ Wladimir Putin vor einigen Monaten ihren Vorgänger, der den Spitznamen "der Zauberer" trug, und machte Pamfilowa zur Chefin der zentralen Wahlkommission.

Für Wahlbetrug gibt es bis zu fünf Jahre Haft. Das steht jedenfalls im Gesetz

Diese Wahlen sollen zugleich ein Testlauf für die Präsidentschaftswahl 2018 sein, die reibungslos ablaufen muss – ein Desaster wie 2011 darf nicht nochmals passieren. Und so appelliert Pamfilowa an "unsere Kollegen in den Regionen", von ihnen hänge die Stimmenauszählung ab. Schmeichelt ihnen, sie entschieden "über die Zukunft unserer Kinder, wir schützen Sie vor dem Druck der Administration". Droht ihnen, bei Wahlbetrug werde sie die Ergebnisse für nichtig erklären, Wahlmanipulationen würden mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft. "Fünf Jahre!", wiederholt sie. Doch was kann diese Frau in einem Land ausrichten, das gut 110 Millionen Wahlberechtigte zählt und in dem etwa 7.000 Kilometer das östlichste vom westlichsten Wahllokal trennen?

In der sibirischen Stadt Barnaul hat soeben der Oppositionskandidat Wladimir Ryschkow erfahren, dass die örtlichen Unternehmer ihn lieber doch nicht treffen wollen. Ryschkow wundert es nicht, er ist Absagen gewohnt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gehörte Ryschkow unterschiedlichen liberalen Parteien an, zuletzt gründete er mit anderen Parnas, doch dann verließ er diese Partei im Streit. Das ist ein weiteres Merkmal dieser Wahlen: Die Opposition hat es nicht nur schwer, sie macht es sich auch schwer. Übergroße Männer-Egos, die nicht zum Machtverzicht bereit sind, verspielen jede Chance, die oppositionellen Kräfte zu einen. Man verunglimpft einander und dümpelt weiter in der Bedeutungslosigkeit vor sich hin.