Eine der geläufigsten Speise-Unverträglichkeiten ist die gegen Gedöns. Gegen eine Gastronomie, die Esser verunsichert. Warum kann es im Restaurant nicht so unkompliziert sein wie damals bei Mutti? Nur wenige Wirte versuchen das – wohl auch, weil bei der Kundschaft Verklärung eingesetzt hat, was Muttis Mehlschwitzen und Würzhilfen betrifft. Das Opitz am Mundsburger Kanal traut sich. Es verspricht dem Gast explizit "Hamburger Küche ohne Gedöns".

Auf dem Weg in die "Speisenwirtschaft" sind zwei Hindernisse zu überwinden: erst der Mundsburger Damm, der den letzten Zipfel Hohenfelde quasi zur Insel macht. Dann die Bauplane, mit der das Gebäude eingerüstet ist. "Wir sind hier drunter", steht darauf gedruckt. Und das stimmt im doppelten Sinn, denn man muss auch noch hinab ins Souterrain. Dann aber findet man sich staunend in einer anderen Zeit, eher Omi als Mutti. Häkeldecken, Gruselschlossleuchter, Papierblumengestecke.

Was hier steht und hängt, ist allerdings kein Nostalgiegerümpel, es sind liebevoll ausgesuchte Antiquitäten. Komischer Lautsprecher, denkt man beim Blick an Decke. Dann merkt man, dass es die Klimaanlage ist.

Auch die Speisekarte ist konsequent von gestern: von der Erbsensuppe mit Bockwurst bis zum Kasseler mit Spiegelei. Als Vorspeise am besten die Kraftbrühe. Der Geschmack von Petersilie und Liebstöckel holt ein bisschen Kindheit zurück, nur ohne die Tricksereien von damals mit Maggi und gekörnter Brühe.

Was nun? Vielleicht den Heringsteller, weil er gedönsverdächtig ist. "Variation vom Hering an Büsumer Krabben" würde man so etwas in feineren Häusern nennen. Die unfiligrane Präsentation verscheucht diesen Gedanken. Das Öl vom Matjes verläuft mit der Marinade des Bismarckherings zu einer unerwünschten Instant-Vinaigrette. Aber was man daraus angelt, ist Welten besser als die übliche Großmarktware. Dazu gibt es, wie zu jedem anderen Hauptgericht, Bratkartoffeln à volonté. Die sind gut, aber nicht ganz so gut wie in der ähnlich aufgestellten Eilbeker Gaststätte Windfang.

Zum Kein-Gedöns-Gesamterlebnis gehört die spröde Bedienung. Die gibt es hier auch, und sie beherrscht die ironische Etikette ("Hat’s denn gemundet?") so perfekt wie die schnodderige Großzügigkeit ("Ups, da habe ich das Glas zu voll gemacht"). Aber spätestens als sich eine Chinesin hierher verirrt, erkennt man die fürsorgliche Gastgeberin. Sie übersetzt aus dem Stegreif die Saisonkarte ins Englische und rennt, als das nicht hilft, in die Küche, um zu zeigen, was ein Pfifferling ist.

Der Gast genießt derweil eine erstklassige rote Grütze mit den echten Heidelbeeren anstelle der üblichen Ware. Das Opitz ist zeitgemäßer, als sein Ambiente verspricht. Man schaut sich um, schaut auf den Teller und denkt: "Nouvelle Cuisine!"

Speisewirtschaft Opitz, Mundsburger Damm 17, Hohenfelde. Tel. 229 02 22, www.restaurant-opitz.de. Geöffnet täglich von 12 bis 23.30 Uhr. Hauptgerichte um 15 Euro