Äpfel und Birnen lassen sich bekanntlich nicht vergleichen. Obwohl, hm, sind wir uns da so sicher? Gibt es zwischen beiden nicht viel größere Ähnlichkeiten (süß, Stiel, Kernobstgewächs) als Gegensätze (Form, Vitamin C, Kalorien)? Auch Sasha Waltz und Chris Dercon haben mehr gemein, als ihnen und Berlins Kulturstaatssekretär Tim Renner auf seine letzten Tage im Amt lieb sein dürfte. Am Sonntag ist übrigens Wahl in Berlin. Um Dercon, den belgischen Kurator, der 2017 Frank Castorf als Intendant der Berliner Volksbühne beerbt, tobt seit Wochen eine Art Theaterstreit 2.0: Soll der Quereinsteiger lediglich für frischen Wind unter den angemufften Talaren der Dekonstruktionskunst sorgen, oder wurde er für viel mehr bestallt, für eine gezielte "Schleifung von Identität" nämlich, wie es 180 Mitarbeiter des Hauses Ende Juni in einem offenen Anti-Dercon-Brief formulierten?

Die (fast) gleiche Frage stellt sich nun das Staatsballett, das von 2019 an von der Tanztheaterfrau Sasha Waltz und dem schwedischen Ballettmann Johannes Öhmann geführt werden soll. Die Compagnie reagierte prompt und wuchtete unter dem Motto "Rettet das Staatsballett Berlin!" eine Petition ins Netz. Darin lehnen die Tänzerinnen und Tänzer Sasha Waltz als "völlig ungeeignet" ab. Ihre Ernennung sei rufschädigend und mit der "eines Tennis-Trainers zu einem Fußball-Trainer" zu vergleichen. Das ist insofern nicht ganz falsch, als Ballett und Tanztheater zwei ziemlich verschiedene Paar Schuhe sind. Die einen müssen Spitze tanzen können, die anderen nicht. Die einen tragen seit 100 Jahren Tutu und zehren vom klassischen Repertoire, die anderen haben ihre besten Tage möglicherweise schon gesehen, mit und seit Pina Bausch, der Ikone. Auch das spricht nicht für Sasha Waltz.

Dass die Mäuse in Berlins Kulturszene derzeit so heftig auf den Tischen tanzen, hat nur vordergründig damit zu tun, dass sich spektakuläre Personalien in Wahlkampfzeiten besonders leicht über Bande spielen lassen. Vielmehr geht es darum, die sogenannte Hochkultur in ihren Ansprüchen auszuhöhlen und zu nivellieren. So urteilte das Finanzgericht Berlin-Brandenburg in der vergangenen Woche, der Technoclub Berghain, in dem getanzt und getrunken werde und Drogen konsumiert würden, sei mitnichten Unterhaltung (also mit 19 Prozent Umsatzsteuer zu belegen), sondern Kultur (sieben Prozent). Die Stadt, gegen die der Club geklagt hatte, wird dieses Urteil auf weite Sicht teuer zu stehen kommen. Viel teurer als ein paar Euro Steuereinnahmen weniger oder mehr. Insofern sind Sasha Waltz und Chris Dercon nur Symptome.