Seine Karriere beruhe auf einem großen Missverständnis, meint Stephan Schulmeister. Die einen sehen in dem Ökonomen den intellektuellen Bannerträger im Kampf gegen den Kapitalismus. Die anderen einen unseriösen Phrasendrescher, der mit der Autorität eines bekannten Wissenschaftlers linke Parolen verbreitet. Er selbst fühlt sich unverstanden, von Konservativen wie Liberalen, von Politikern und Kollegen.

Barfuß sitzt Schulmeister in seinem Arbeitszimmer mit Blick auf die Wienzeile, versinkt im Sessel, verknotet die Finger und redet sich in Rage. Der 69-Jährige wirkt emotional, aufbrausend und jünger, als er ist. Fragen stellt er sich gleich selbst, um Gespräche in die gewünschte Richtung zu lenken. Vor allem, wenn er erklärt, wie der Neoliberalismus seiner Ansicht nach zur herrschenden Theorie geworden und für die Malaise der Weltwirtschaft heute verantwortlich sei. "Der Neoliberalismus ist die größte Gegenaufklärung der Geschichte", sagt er.

Wie man zu Stephan Schulmeister stehen mag, er gilt als einflussreich, auch wenn er das selbst nicht so sieht. Im jährlichen Ökonomen-Ranking der Tageszeitungen FAZ, NZZ und Die Presse ist er stets einer der wichtigsten Wirtschaftswissenschaftler aus Österreich. Vor zwei Jahren ging er als Mitarbeiter des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) in Pension und ist doch nach wie vor umtriebig. Parteien und NGOs laden ihn für Vorträge und zu Diskussionen ein, er tritt im Fernsehen auf und schreibt Artikel. Dort donnert er gegen den Neoliberalismus und entfesselte Finanzmärkte. Er ist Gegner der Griechenlandpolitik der EU, jubelte dem linken griechischen Regierungschef Alexis Tsipras bei dessen Wienbesuch am Ballhausplatz zu und warnt vor einer wirtschaftlichen Depression, die er aufziehen sieht.

Seine Erzählung über den Siegeszug des Neoliberalismus geht so: Als nach 1945 Sozialstaat und Keynesianismus dominierten, standen die Freimarkt-Propheten um Milton Friedman und Friedrich August von Hayek im Abseits. Doch sie verfolgten einen Plan. "Sie gründeten Thinktanks, bearbeiteten die führenden Köpfe und standen bereit für den Moment, wenn der Sozialstaat in die Krise kommt", sagt Schulmeister. Ihr erster Erfolg sei 1971 die Abkehr von festen Wechselkursen gewesen, ihr Triumph die Deregulierung der Finanzmärkte. "Und was haben linke Ökonomen in den Jahren zusammengebracht, als sie selbst Außenseiter waren? Wenig, viel zu wenig." Die Finanzkrise sei wie eine Serie von aufgelegten Elfmetern, "aber ins Tor getroffen haben die Neoliberalen", klagt er. Wie ein verzweifelter Sportfan vergräbt Schulmeister das Gesicht in der Hand, so, als sei es eine persönliche Niederlage.

Ökonomen allerdings zucken mit den Schultern, wenn sie den Namen Schulmeister hören. Er ist nicht unumstritten, aber vielen gleichgültig. In der Wissenschaft spielt er keine große Rolle, seine Fachtexte erscheinen nicht in Top-Zeitschriften, im Zitationsranking, der harten Währung der Wissenschaft, liegt er weit abgeschlagen. "Das Publizieren war mir lange Zeit unwichtig", sagt er. Eine akademische Karriere habe ihn nicht interessiert, "ich wusste, dass ich keine Chance gehabt hätte, vielleicht bin ich dafür nicht intelligent genug". Er sei ein langsamer Denker, ein Grübler und gut darin, die akademische Sprache für normale Menschen zu übersetzen.

An diesem heißen Mittwoch humpelt er ein wenig. Dem begeisterten Motorradfahrer ist bei einer Ausfahrt mit seiner Lebensgefährtin am Vortag die Yamaha beim Abstellen auf den Fuß gefallen. Im Arbeitszimmer der Dachgeschosswohnung, wo noch zwei seiner vier Töchter wohnen, steht ein Wandpiano, auf dem Notenständer liegt die Partitur von Mozarts Sonata Facile. Zehn Minuten spielt Schulmeister täglich zur Entspannung. In hohen Regalen reihen sich Klassiker von Goethe bis Brecht aneinander und Neuerscheinungen wie die Ökonomie von Gut und Böse des tschechischen Autors Tomáš Sedláček. Die Buddhabüste auf einer Kommode ist ein Erbstück – das Einzige, was in diesem Zimmer an Otto Schulmeister erinnert.

Der Vater war eine Überfigur, einer der prominentesten Journalisten des Nachkriegsösterreichs und erzkonservativer Chefredakteur der Tageszeitung Die Presse. Privilegiert und großbürgerlich wuchs Stephan Schulmeister mit vier Geschwistern auf, trat dem Cartellverband bei und studierte Jus. Doch der Vietnamkrieg entzweite Vater und Sohn. Während Otto Schulmeister die amerikanischen Bombardements in Leitartikeln bejubelte, las der Sohn die Pentagon Papers. "Plötzlich musste ich mich fragen, ob ich einen Verteidiger von Massenmorden als Vater habe", erinnert sich Stephan Schulmeister.

"Stephan hat ihn zur Rede gestellt", erzählt die jüngere Schwester Terese Schulmeister. "Es gab harte Kontroversen, aber mein Bruder war vorbereitet, sprachlich talentiert und konnte sich mit dem Vater messen – was für andere nicht einfach war." Sie selbst entzog sich auf andere Weise und trat der Kommune von Otto Mühl bei – bis heute ein heikles Kapitel der Familiengeschichte.