Es ist Konsens an den Schauspielhäusern, zumindest an den deutschen, dass Bühnen unwirtlich gestaltet werden müssen: Das ideale Bühnenbild kennt keine Möbel, Türen, Treppen, Fenster, Bücherwände, offenen Kamine mehr – all dieser Einrichtungskrempel kennzeichnete den Naturalismus beziehungsweise den Realismus, also das angeblich überholte bürgerliche Drama.

Die Bühnen tragen nun keinen Ballast außer den Menschen, die auf ihnen herumirren. Und die Spieler haben nichts, was ihnen Halt, Griff und Tritt gibt – nichts, was sie bewohnen könnten. Die zwanghafte Gestaltungsleere dieser Welt bringt immer mehr Theatermacher auf die Idee, Bühnen als Schächte zu zeigen: das Publikum starrt in einen nach hinten sich stark verjüngenden Stollen, eigentlich einen Trichter, dessen schiere Länge vom Zuschauer als Tiefe wahrgenommen wird: Es kommt einem vor, als schaue man hinunter – in einen Abgrund.

So funktioniert auch Königin Lear, eine Shakespeare-Variation, am Frankfurter Schauspielhaus. Die Bühne (gebaut von Daniel Roskamp), ein Schacht aus leuchtenden Längen- und Breitengraden, ist ein Einschüchterungsraum, der wie mit dem Laserstrahl ins Theater geschnitten worden ist. Wir starren hinein, und ein Horror vor der Zentralperspektive erfasst uns. In der gitterartigen Tiefe glühen Hunderte rechteckige Parzellen, man könnte auch sagen, Weltkacheln. Dies ist ein fein vermessener Abgrund, und damit ist der Konflikt des Stücks räumlich einleuchtend gestaltet: Ein Herrscher verteilt seinen Besitz an die Erben, es geht um Raum, der erst taxiert, dann auseinandergerissen wird.

Tom Lanoye, der belgische Theaterautor, ist kurz vor der Jahrtausendwende mit Schlachten, einer rabiaten Eskalationsrevue aus Shakespeares Rosenkriegen, in Deutschland berühmt geworden. Nun hat er Shakespeares King Lear einer "Übermalung" unterzogen, welche das Stück a) in die Finanzwelt von heute versetzt und b) den Titelhelden in eine Heldin verwandelt: Elisabeth Lear, alleinige Besitzerin des internationalen Mischkonzerns Lear incorporated. Grundton seiner Lear- Fassung ist eine aufgekratzte Gehässigkeit aller gegen alle: Das Stück liest sich, als hätte Lanoye eine große Tüte Koks über Shakespeares Text ausgestreut.

Der Regisseur, Dortmunds Schauspieldirektor Kay Voges, ein aufsteigender Held der mittleren deutschen Regisseurs-Generation, versteht nun allerdings nur: aha, Finanzwelt! – woraus er die Lizenz ableitet, alle auftretenden Figuren als gierige, vom Geruch des Geldes verblödete Monster zeichnen zu dürfen: Einmal vom Spielleiter in ihre Idiotenrüstung hineingeschweißt beziehungsweise hineingeschossen, erfahren sie keine Entwicklung mehr. Sie stecken in ihren Businessanzügen fest, und zuletzt setzt man ihnen aufs Gesicht (René Pollesch würde sagen: aufs "Charakterdisplay") noch eine Sonnenbrille, mit der man sie vakuumversiegelt: Hier ist kein Leben mehr.

Aber reichlich Betrieb. Die Aufführung erträgt keinen nicht gefüllten Moment. Der Raum arbeitet, verändert sich, nimmt seinen Insassen die Luft: Schleusentore schließen sich mit einem satten "Bumm", und bisweilen hört man Geräusche, wie man sie von der Intensivstation kennt. Was hier atmet, ist vermutlich das Geld.

Die Darstellerin Josefin Platt muss als Lear – als Learin – mit ihrem Spiel zeigen, warum es sinnvoll ist, dass hier eine Firmenpatriarchin und kein König untergeht. King Lear, das ist die Geschichte des Herrschers, der lebenslang den Wahnsinn der Macht genoss und am Ende der Macht des Wahnsinns zum Opfer fällt. Königin Lear in Frankfurt, das ist die grandiose, in Demenz zerlaufende, im Spiegel ihrer eigenen Urinpfütze kauernde Urmutter, deren Sturz tatsächlich eine Welt mitreißt. Josefin Platt spielt das großartig. Aber um sie her: Leere.

Das Premierenpublikum zeigt sich begeistert. Es ist empfänglich für den Tauschhandel, den der Regisseur hier abwickelt: Voges nimmt den Figuren jede seelische Tiefe, aber am Ende eines Bühnenlebens, das nicht der Rede wert war, spendiert er ihnen eine Tiefe, in die sie dankbar hinabstürzen.