Noch nie gab es so viele Hunde in Hamburg. Welche Rassen sind angesagt? Was sind die Probleme? Die neue Ausgabe der ZEIT:Hamburg beschäftigt sich ausführlich mit den Hamburger Stadthunden und ihren Besitzern. Was die Hundespsychologin sagt, lesen Sie gleich hier. 

DIE ZEIT: In der Großstadt gehen die Menschen sehr häufig zum Psychologen. Gilt das auch für Hunde?

Nadja Lichthardt: Ich habe jedenfalls viele Kunden aus der Stadt. Aber eher, weil Menschen in der Stadt viel höhere Erwartungen an ihre Hunde haben.

ZEIT: Und das macht den Hund psychisch fertig?

Lichthardt: Auf dem Land kommen viele Probleme gar nicht erst auf. Dort stört es keinen, wenn der Hund laut ist, es gibt viel weniger Menschen oder andere Hunde, mit denen Konflikte entstehen könnten. Bei einem Stadthund dagegen heißt es, er soll nicht ständig bellen, weil sich sonst die Nachbarn beschweren. Er soll freundlich sein, wenn er anderen Hunden begegnet, und entspannt bleiben, wenn er auf Kleinkinder, Autos, Fahrräder oder Jogger trifft. Klar, dass die Städter einen so großen Bedarf an Hundepsychologen haben.

ZEIT: Mit welchen Problemen kommen Hundehalter zu Ihnen?


Lichthardt:
Pöbeln an der Leine. Viele Hunde ziehen ständig nach vorne, kläffen. Meistens ist das Unsicherheit, der Mensch muss dem Tier Sicherheit geben, dann entspannt es sich. Allein bleiben ist auch ein häufiges Problem, der Hund macht Terror in der Wohnung. Das stört in einer Mietwohnung natürlich mehr als irgendwo auf dem Bauernhof. Es ist für den Hund aber genauso schlimm. Die meisten Konflikte entstehen, wenn Hunde in der Stadt nicht angeleint sind oder ein Hundehalter sein Tier in einen anderen, angeleinten Hund reinpreschen lässt. Da gibt es oft Stress. Eigentlich müssen Hunde in Hamburg immer angeleint sein, es sei denn, man hat einen Hundeführerschein gemacht und kann beweisen, dass der Hund gehorcht.

ZEIT: Viele sagen: Ein Hund gehört einfach nicht in die Stadt.

Lichthardt: Das kommt auf den Hund an. Es gibt sehr sensible Hunde. Ein Hund beispielsweise, der in seiner Welpenphase diese ganze Großstadthektik – öffentliche Verkehrsmittel, Lärm, Mietwohnung, Menschenmengen – nie erlebt hat, der kommt später mit so einer Reizüberflutung schlecht klar. Wer ein empfindliches Tier hat, tut ihm mit dem Stadtleben keinen Gefallen. Aber es gibt auch sehr selbstbewusste Hunde, die damit cool umgehen. Dafür ist es sehr wichtig, dass der Hund eine gute Welpenphase hatte, ein stabiles Verhältnis zur Mutter und zu den Geschwistern. Und möglichst viele Sozialkontakte sind auch wichtig.

ZEIT: Eine glückliche Kindheit beeinflusst also auch die Hundepsyche.

Lichthardt: In der Stadt muss man schon dem Welpen möglichst viel beibringen, damit er sich Schritt für Schritt an verschiedene Geräusche, Untergründe und Situationen gewöhnt. Wenn ein Hund noch nie einen Mann mit Hut gesehen hat, dann flippt er jedes Mal aus, wenn er einen Mann mit Hut sieht. Jede neue Situation ist für das Tier erst mal Stress.

ZEIT: Großstadthunde müssten dann ja ziemlich abgehärtet sein.

Lichthardt: Na ja, jedenfalls besser als Landhunde, die ihr Leben im Zwinger verbracht haben und darüber hinaus nichts Fremdes kennengelernt haben. Andererseits fürchtet sich ein Stadthund dafür vielleicht vor einer Kuh.

ZEIT: Ist es dem Hund denn egal, ob er an richtigen Baumstämmen im Wald oder an Ampelpfosten herumschnüffelt?

Lichthardt: Im Prinzip schon. Entscheidend ist, was da jeweils drauf ist, welcher andere Hund die Stelle gerade markiert hat oder welcher Essensrest dort noch duftet. In der Stadt gibt es unglaublich viele Gerüche. Der Hund muss nicht immer nur in Parks oder im Wald herumlaufen. Man kann ihn auch mal geistig auslasten und in ein Einkaufszentrum gehen. Da ist so viel los, das muss der erst mal verarbeiten. Diese Kopfarbeit tut gut. Letztlich muss man sich einfach mit dem Tier beschäftigen. Wenn ein Hund sich den ganzen Tag draußen im Garten langweilt, ist das auch nicht artgerecht. Dann lieber eine kleine Stadtwohnung und viel unternehmen. Hunde wollen etwas entdecken – egal wo.