Hans Ulrich Gumbrecht, ein Stanford-Professor, der auch für die ZEIT schreibt, berichtet in der Neuen Zürcher Kafkaeskes aus Kalifornien. Nein, er wurde nicht vors Femegericht gezerrt. Aber plötzlich wurde er nicht mehr zur Betreuung von Studenten hinzugezogen. Denn: Er hatte zwei junge Frauen als "gorgeous", "umwerfend", gepriesen. Das Kompliment erfüllte den Tatbestand der "Mikro-Aggression". Denn verletzt müssten sich alle Frauen fühlen, die sich selber nicht als "umwerfend" betrachten.

Liebhaber dialektischer Akrobatik werden diesen Schrauben-Salto genießen. Siehe George Orwell: Lob ist Verachtung, Bewunderung ist Beleidigung. Freilich ist das Absurde längst zur neuen Studentenbewegung in Amerika herangewachsen. Anders aber als 1964 ff. kann die Version 2.0 auf ein mächtiges Bündnis mit der Uni-Verwaltung zählen.

Seinerzeit ging es in Berkeley um "free speech" – die freie Rede wider Vietnam und Rassendiskriminierung, und die Veteranen erinnern sich an Tränengas und Wasserwerfer. Heute geht es um die richtige Rede, und die Universität wehrt nicht ab, sondern knickt ein. "Gutdenk" wird Gesetz. "Schlechtdenk" erfordert Entschuldigung, Umerziehung durch "Sensibilitätstraining" oder gar Entlassung.

Viele Universitäten belohnen den neuen Jakobinismus, indem sie ein Vermögen für "Diversität" und "Identitätsstudien" hinlegen – so geschehen an der Yale-Universität, die sich Ruhe für 50 Millionen Dollar erkaufte. Gumbrecht berichtet, wie Stanford Anzeigen wegen "sexueller Belästigung" handhabe. Kein langwieriger Prozess, der in den Gazetten landet. Stattdessen bekommt die Studentin ein Gratis-Jahr im Werte von 60.000 Dollar.

In 1.0 ging es um Politik, heute geht es um Psychotherapie. Im Mai forderten Studenten der Universität Seattle die Abschaffung des Kern-Curriculums, das die Klassiker der westlichen Zivilisation behandelt (Aufklärung und so). Dieses habe die Studenten "traumatisiert und pathologisiert", ihre "geistige und emotionale Gesundheit" attackiert, ihre "Pein" ignoriert und "persönliche wie angestammte Stimmen ausradiert". Prompt versprach die Dekanin "umfassende Überprüfung" sowie die Pflichtunterweisung des Professoriats in "rassischer und kultureller" Empfindsamkeit.

Umso mehr sei die Universität Chicago, eine der besten, zu preisen, die schon in der McCarthy-Ära keinen Schritt vor den Hexenjägern zurückgewichen war. Den neuen Studenten schrieb der Dekan einen Brief: "Willkommen und Glückwunsch! Hier werden Sie erfahren, was uns wichtig ist: die Freiheit von Denken und Meinung." Alle würden "ermutigt, ohne Angst vor der Zensur zu reden, schreiben, hören, lernen und kritisieren".

Dann genauer: "Wir sprechen keine Trauma-Warnungen aus (Achtung: ›Nigger‹ bei Mark Twain!). Wir laden kontroverse Redner nicht aus. Und wir stellen keine Schutzräume her, in die man sich vor unbequemen Ideen und Sichtweisen zurückziehen kann." Also das genaue Gegenteil von jenem Yale-Studenten, der aufschrie: "Ich will nicht debattieren. Ich will über meinen Schmerz reden!" Die Uni nicht als intellektuelle Herausforderung, sondern als Psycho-Klinik.

Warum wir uns mit diesen "absonderlichen" Amerikanern beschäftigen sollen? Weil alles, was dort inszeniert wird, demnächst auch in diesem Theater spielt.