Bemerkenswert an dem momentan viel diskutierten Buch Die neuen Deutschen von Herfried und Marina Münkler ist ja, dass die Münklers eine kritische, aber doch aufmunternde Position in der Flüchtlingsfrage einnehmen. Identitäten, sagen sie zum Beispiel, sind nichts Starres, in dem man sich einmauert. Identitäten zeichnen sich dadurch aus, "dass sie permanent erweitert werden, dass sie sich transformieren".

Wer wissen möchte, wie ein wichtiger Teil der erprobten europäischen Intelligenz die Lage sieht, der lese auch Zygmunt Baumans Essay Die Angst vor den anderen. Eine Argumentationslinie Baumans schließt an Überlegungen des Historikers Eric Hobsbawm an, der lange vor unserer Flüchtlingsfrage den Nationalismus für nicht zukunftsfähig erklärte. "Ethnische Gemeinschaften und Gruppen in modernen Gesellschaften sind vom Schicksal zur Koexistenz verurteilt, mögen viele auch immer noch von einer Rückkehr zu einer unvermischten Nation träumen." Der Nationalstaat, so liest man bei Bauman, sei perfekt für die Freiheit und Unabhängigkeit autonomer Völker und Nationen gewesen, für "Interdependenz" hingegen sei er ungeeignet. Es fehle aber ein "kosmopolitisches Bewusstsein", das unserer Lage entspräche. Diesen Mangel nützten in Politik und Medien diejenigen aus, die vom Schüren einer moralischen Panik ("moral panic") leben: Die Migrationskrise überwältige Europa, das Leben, wie wir es kennen, sei vom Untergang bedroht.

Wie Fritz Stern einst den Kulturpessimismus als politische Gefahr charakterisierte (der schließlich den Nationalsozialismus mit herbeiführte), so gibt sich auch Bauman keinerlei Ängsten hin. Fremdenhass und Rassismus, hatte schon Hobsbawm gesagt, seien "Symptome, keine Heilmittel". Ängste versucht Bauman zu erklären. Unter anderem komme die Angst aus der "Individualisierung": Machthaber heute seien entschlossen, die existenzielle Unsicherheit, die zum Beispiel aus den prekären Arbeitsverhältnissen herrühre, den Einzelnen anzulasten. So stünden die Individuen "vor der gänzlich unerfüllbaren Aufgabe, individuelle Lösungen für gesellschaftlich produzierte Probleme zu finden".

Das Schicksal der Menschen in der "Leistungsgesellschaft" habe kein Gesicht, sie fühlten sich als Opfer, und um etwas von ihrer Würde und Selbstachtung zu retten, müssten diese Opfer diejenigen benennen, die sie dazu gemacht haben. Dafür brauche man einen Namen und ein Gesicht, damit man die Schuldigen lokalisieren könne. "Migranten", so Bauman, "und vor allem die Neuankömmlinge unter ihnen erfüllen alle diese Voraussetzungen bestens."