Und das Meer gab die Toten, die darin waren, und der Tod und die Hölle gaben die Toten, die darin waren ..." Dieser Satz steht in der biblischen Offenbarung, und gleich zum Saisonauftakt des Berliner Ensembles hören wir ihn auf der Bühne, in Achim Freyers Stück Abschlussball. Es wird zwar der Schluss des Satzes nicht gesprochen, der da lautet: "Und sie wurden gerichtet, ein jeglicher nach seinen Werken." Aber wir ahnen doch, dass es auch darum geht an diesem Abend: Gerichtstag zu halten. Menschen an Werken zu messen. Ein Urteil zu sprechen.

Doch das geschieht erst am Schluss dieses szenischen "Lamentos in Bildern". Zunächst geht es bei Freyer, dem 82-jährigen Weggefährten des Intendanten Claus Peymann, darum, dem Meer der Gleichgültigkeit oder der Hölle des Vergessens all die Kunstwesen zu entreißen, die er ein Leben lang geschaffen, bewegt, um sich gehabt hat. Das Meer gab Gott die Toten, Freyer gibt uns die Gestalten seines Theaters.

Abschlussball ist ein Mahlstrom von literarischen Motiven und Zitaten. Das Spiel funktioniert wie ein Füllhorn, welches im Schubumkehr-Modus arbeitet: Mit seinem Sog verschlingt es die gesamte Schöpfung.

Im Programmheft steht allerlei Text – beispielsweise von Büchner, Goethe, Jean Paul, Kleist, Kafka, Handke, Homer; und über die Texte sind die Namen der Dichter gedruckt – und zwar so, dass die Texte vom Namen des Verfassers verdeckt werden wie von einem Markenlogo. Hier wird die Methode des Abends schon manifest: Man soll gar nicht verstehen, man soll staunen. Texte und Dichternamen sind schieres Wirkungskonfetti.

Auf der Website des Berliner Ensembles wird dem Besucher angezeigt, wie viele Tage der 79-jährige Claus Peymann noch im Amt sein wird, knapp 300 sind es noch, dies ist seine letzte Saison als Intendant, und man ahnt, dass die gesamte Spielzeit im Zeichen des traurigen, aber auch triumphal-sarkastischen Runterzählens stehen wird: Seht her, all das haben wir geschaffen, all das kommt nicht wieder!

Und Peymanns Weggefährte Freyer lässt sich nicht lumpen: Sein Abschlussball ist mehr als ein Abschied vom Theater, es ist ein Großmummenschanz, ein Abschied von der Welt. Das Spiel beginnt hell, zirkusartig, aber rasch fällt eine Art atomarer hard rain über die Angelegenheit. Eine Katastrophe hat die Figuren überrascht, sie erstarren im Sprung, sie versteinern im Luftholen, und den Rest des Spiels absolvieren sie, als habe man sie aus der Lava des Vesuvs gemeißelt.

"Und sie wurden gerichtet." Es naht die letzte Szene. Alle Spieler gehen zur Rampe, beugen sich freundlich, hocherfreut zum Publikum hinab, offenbar haben sie lauter liebe alte Bekannte entdeckt, sie strecken ihnen die Hände entgegen – und erstarren in der Bewegung. Entsetzen, Traurigkeit erfasst ihre Gesichter, ihre Blicke werden unstet, ihre Hände greifen ins Leere, als hätte sich eine herrliche Luftspiegelung vor ihren Augen aufgelöst.

Diese Luftspiegelung sind wir, das Publikum. Das ist Freyers Botschaft und Abschiedsgeste: Ich scheide nun von euch, denn bald gibt es euch nicht mehr. Ihr, die Zuschauer, seid jenes Gelichter, auf das wir hier oben nicht mehr bauen. Vorbei ist die Zeit des gemeinsamen Glaubens an ein literarisches Universum. Der Grundvertrag zwischen Zuschauern und Spielern, the willing suspension of disbelief, wird aufgelöst: nicht weil wir nicht mehr spielen können, sondern weil ihr nicht mehr verstehend zusehen und -hören könnt.