Wenn Andrea Nahles aus dem Fenster ihres Dienstwagens schaut, sieht sie eine Grenze, wo andere Menschen nur Bäume und Häuser erkennen. Sie bewegt sich heute nördlich ihrer Demarkationslinie, die durch Nordrhein-Westfalen verläuft. Es ist ein Donnerstag im September, in Oberhausen hat sie gemeinsam mit Betriebsräten das Elend des deutschen Einzelhandels beklagt, in Dortmund traf sie auf Mitarbeiter eines Start-up-Unternehmens. Zu essen gab es nichts. Im Süden Deutschlands bekommt Andrea Nahles, so ihre Erfahrung, bei jedem Termin etwas angeboten, im Norden nie. Das ist die Häppchenlage der Nation.

Mit Demarkationslinien kennt Nahles sich aus. Nahles ist heute 46 Jahre alt. Seit sie vor 21 Jahren Juso-Vorsitzende wurde, gilt sie als linke Sozialdemokratin. Ihr Großkampfthema: Arbeits- und Sozialpolitik. Politiker wie sie begreifen die Welt als bipolar: Es gibt oben und unten, arm und reich, links und rechts, richtig und falsch, gut und böse. Und eben auch: ein Häppchen- und ein Kein-Häppchen-Deutschland.

Das Mädchen, das nicht aufs Gymnasium durfte, ist heute Bundesministerin

Die wichtigste Demarkationslinie verläuft für Nahles zwischen ungleich und gleich. Der Einsatz für Arbeitnehmerrechte, das Aufstiegsversprechen, der Traum von einer Gesellschaft, in der die Distanz zwischen "denen da oben" und "uns hier unten" schrumpft – das ist das Gründungsversprechen der Sozialdemokratie, 153 Jahre alt und aktueller denn je. Für Nahles haben diese uralten Pole eine persönliche Bedeutung. Sie gehörte zu den wenigen Spitzenkräften der SPD, die Gerhard Schröders Agenda 2010 nicht mittrugen, jene Reformpolitik, die in den Augen vieler Genossen und Wähler das gesellschaftliche Oben noch weiter anhob, das Unten senkte, Ungleichheit verstärkte und die SPD in eine Vertrauenskrise stürzte, aus der sie seit mittlerweile 13 Jahren keinen Ausweg findet. Nahles ist diejenige, die den Trend umkehren soll. Die oberste Gleichheitsbeauftragte der großen Koalition. Sie macht diesen Job gut. Das Problem ist nur: Es nutzt wenig.

In den drei Jahren als Ministerin hat Nahles einiges geleistet. Sie hat den Mindestlohn eingeführt, die Mütterrente und die Rente mit 63 umgesetzt, die Leih- und Zeitarbeit begrenzt, die größte Rentenerhöhung seit der Wiedervereinigung verkündet. Lauter Maßnahmen, die eine Gesellschaft, die auseinanderdriftet, mit sich selbst versöhnen sollen.

Nahles gehört, gemessen an der Zahl umgesetzter Wahlversprechen, zu den erfolgreichsten Kabinettsmitgliedern der Ära Merkel. Ihrer Partei aber bringen all diese Erfolge nichts ein. Obwohl sie wiedererstarkt ist in ihrem Kerngebiet, der Sozialpolitik, krebst die SPD in Umfragen zwischen 22 und 25 Prozent herum. Bei der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern verlor sie fünf Prozent, bei der Wahl in Berlin fast sieben Prozent. Zehntausende Menschen, die einst den Sozialdemokraten ihre Stimme gaben, wählen heute die AfD. Liest man Wahlanalysen, wird klar, warum: in den allermeisten Fällen aus Frust über "die da oben". Andrea Nahles ist eine von denen.

Wähler kennen keine Vergangenheit. Wahlforscher sagen: Du wirst als Politiker nicht belohnt für das, was du in den vergangenen vier Jahren geleistet hast. Du wirst bewertet für das, was dir die Leute in den kommenden vier Jahren noch zutrauen. Eine Wahl ist ein Blankoscheck auf die Zukunft – und keine Leistungsbilanz.

Das muss eine Überzeugungspolitikerin wie Nahles frustrieren, muss sie verzweifeln lassen an Gott und den Wählern. Nichts davon ist zu spüren. Kein Frust, keine Wehleidigkeit. Unverdrossen macht sie weiter und hat dabei auch noch eine so erstaunlich gute Laune, dass die Kombo aus Dynamik und Lebensfreude manchen Genossen gewaltig auf den Zeiger geht. Immer unter Strom, den Schalter stets auf Druckbetankung gestellt, kann halt anstrengend sein. Für einen selbst – und auch für andere .

Um zu verstehen, woher Andrea Nahles diese Ausdauer nimmt, muss man zurück in die Vulkaneifel, wo sie geboren wurde und aufwuchs, zurück ins Jahr 1980, zurück zu Anita.

Anita war die beste Freundin der zehnjährigen Andrea, die beiden wollten gemeinsam nach der Grundschule aufs Gymnasium wechseln. Anita war Einzelkind. Andrea war die Tochter eines Maurermeisters und hatte einen 15 Monate jüngeren Bruder, ebenfalls ein guter Schüler. Wenn schon ein Handwerkerkind das Gymnasium besucht, dann der Junge. Für das Mädchen reiche die Realschule, fanden die Eltern. Und so kam es dann auch. Die Wege von Anita, dem Bürgerkind, und Andrea, dem Arbeiterkind, trennten sich.