Aus der zehnjährigen Andrea, die nicht aufs Gymnasium durfte, ist eine Bundesministerin geworden. Doch die Ur-Erfahrung, dass die Chancen nicht für alle gleich sind, ist haften geblieben. Dass es darauf ankommt, wo man herkommt, ob man ein Junge oder ein Mädchen ist, wie viel die Eltern verdienen. Den persönlichen Drang, sich aus den Begrenzungen der eigenen Herkunft zu befreien, hat Nahles in einen politischen Auftrag an sich selbst verwandelt. Sie will die Gesellschaft so verändern, dass Abstammung und Herkunft nicht bestimmen, wer man im Leben sein wird. Und je schwieriger der Aufstieg von unten nach oben wird, je mehr sich der soziale Status vererbt, je heftiger sie die "Verkastung der Gesellschaft" beklagt, desto leidenschaftlicher rennt sie dagegen an. Das katholische Mädchen vom Lande, das sie selbst einst war, erkennt sie heute in anderen wieder: in dem männlichen muslimischen Flüchtling zum Beispiel, der in der großen Stadt nach Job und Wohnung sucht. Zur Seite geschoben, mit den geringsten Chancen aufzusteigen.

Dieser Blick auf die Welt erklärt die Energie und die Lust, mit der Nahles bis heute Sozialpolitik betreibt. Diese Energie braucht keine Umfragen, keinen Zuspruch von Wählern, keine Partei, die wieder beliebter wird, um nicht zu versiegen. Sie speist sich aus der Sache selbst. Womöglich ist das auch der Grund, warum Nahles selbst im Gewohnten ihres Amtes das Neue entdeckt. Der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, der demnächst erscheinen soll, wird erstmals eine soziale Gruppe beleuchten, über die weder die Öffentlichkeit noch die Ministerin selbst viel weiß: die Reichen.

Nahles hat nicht nur ein persönliches Verhältnis zu ihrem Thema, sondern auch zu ihrer Partei. Wenn sie über die SPD spricht, hört sich das an, als rede sie von einem guten Freund. Zweimal hat Nahles dazu beigetragen, einen SPD-Chef zu stürzen. Einmal, bei Rudolf Scharping, ganz gezielt, das andere Mal, bei Franz Müntefering, eher fahrlässig. Nahles kandidierte damals gegen den Münte-Mann Kajo Wasserhövel als Generalsekretärin, gewann die Abstimmung, Müntefering trat zurück. Nahles war die Buhfrau der Republik. Beim nächsten Parteitag wählten die Genossen sie trotzdem erneut ins Präsidium. "Die SPD hat mich gerettet und weitergetragen", sagt sie dazu. Sie, die wohl am besten vernetzte Genossin überhaupt, mag ihre Partei sehr – das gilt längst nicht für alle Spitzen-Sozialdemokraten.

In diesen Tagen, zum ersten Mal seit Jahren, hellt sich die düstere Lage der SPD auf. Angela Merkel ist nicht mehr die unschlagbare Kanzlerin, als die sie gestern noch erschien. Der Union, soeben noch die zu allen Seiten hin anschlussfähige Partei des Hyperpragmatismus, kommen, rechnerisch wie inhaltlich, die Koalitionspartner abhanden. Und Rot-Rot-Grün taugt nach der Berlin-Wahl plötzlich als Modell für den Bund. Eine längst verloren geglaubte Bundestagswahl wird für die SPD wieder spannend. "Die politischen Instinkte schalten gerade vom Ruhemodus auf Alert", sagt Nahles und hibbelt auf ihrem Sitz herum. Warum auch sollte sie darüber verzweifeln, dass ihr Kampf gegen die Ungleichheit bisher so wenig für die SPD brachte, wenn sich gerade die Grundkoordinaten der Politik verschieben? So viel Bewegung war in elf Jahren Merkel noch nie.

Die Flüchtlingspolitik schürt gerade bei jenen Wählern Ängste, die Nahles überzeugen will

Nahles weiß, dass ein Mindestlohn noch keinen Umfrageboom auslöst, dass eine Partei über Nacht Vertrauen verlieren kann, dass es Jahre braucht, um dieses Vertrauen wieder aufzubauen. Und sie weiß, dass es schon bessere Zeiten gab, um mit den Themen Leiharbeit und Rente öffentlich durchzudringen. Die Flüchtlingspolitik der Koalition ist das alles bestimmende Thema, nichts anderes wird derzeit wahrgenommen. Und sie schürt vor allem in jenem Milieu Ängste, in dem Nahles eigentlich Wähler überzeugen will: bei jenen weiter unten, die mit den Flüchtlingen um Wohnungen und Jobs konkurrieren.

Hinzu kommt: In dem Moment, in dem die Union zu schwächeln beginnt, ist die SPD nicht stark genug, um davon zu profitieren. Das Vertrauen, das die Wähler der CDU-Kanzlerin zunehmend entziehen, findet keinen Fluchtpunkt im SPD-Vorsitzenden, ihrem naturgegebenen Opponenten. Als zu sprunghaft, zu wenig glaubwürdig empfinden die Menschen den SPD-Chef Sigmar Gabriel. Den Misserfolg der Union kann er nicht umwandeln in einen Erfolg für die SPD.

Drei Jahre Ministerin Nahles haben aber dazu beigetragen, dass die SPD wenigstens wieder als politische Kraft wahrgenommen wird, der die Leute etwas zutrauen – und Nahles selbst sich auch. "Wir sind heute nicht mehr im Minus, wenn es um die Glaubwürdigkeit geht", sagt sie. "Bis zur Bundestagswahl im nächsten Herbst können wir noch deutlich ins Plus kommen."

Warum sich diese Frau nicht frustrieren lässt von ewig stagnierenden Umfragewerten, von undankbaren Themen und undankbaren Wählern, wird auch klar, wenn man gemeinsam mit ihr die imaginären Demarkationslinien der Republik überquert. In eineinhalb Stunden Autofahrt kommt man kaum zu Wort, so sehr begeistert sie sich, so leidenschaftlich regt sie sich auf, so detailliert analysiert sie, so krachend lacht sie los. Und wenn man dann aussteigt, hat sich ein Verdacht zur Gewissheit verdichtet: Larmoyanz kann sie nicht.