Jetzt ist also wieder alles klar. Angela Merkel hat sich am Montag durch eine kluge Demutsgeste machtpolitisch Luft verschafft – ergo will sie wieder antreten. Machterhalt, das ist das A und O der Politik und erst recht von ihr, der Machtpolitikerin par excellence. Das jedenfalls ist die gängige Annahme. Aber so einfach löst sich das Rätsel Merkel nicht.

Vor ziemlich genau drei Jahren sagte sie in einem Fernsehduell den berühmten Satz: "Sie kennen mich." Dieser Satz war falsch. Aus heutiger Sicht darf man annehmen, dass nicht einmal die Kanzlerin selbst vor drei Jahren genau wusste, wer sie in diesen drei Jahren sein würde. Geschweige denn die Öffentlichkeit, die schon immer ihre Schwierigkeiten mit diesem fremden Wesen aus dem seelisch so fernen Osten hatte. Leicht gab man sich zufrieden mit Klischees. Einige Tiefenströme ihrer Biografie blieben dahinter möglicherweise verborgen.

Und so entstand im Laufe der Jahre das verzerrte Bild von der kühlen, haltungslosen, dafür aber vom Ende her denkenden, strunzvernünftigen Machtpolitikerin Merkel. Bis heute wird so gedacht und infolgedessen nun eben angenommen, dass sie wieder antreten will, zum vierten Mal, machtverliebt, kalkulatorisch, abgehoben.

Ob das mal stimmt ...

Anders als etwa Helmut Kohl, der sich gern den Mantel der Geschichte überstreifte, gehört Angela Merkel zum Typus des postheroischen Politikers, sie überhöht sich nicht so sehr, sie ist aber auch nicht bereit, sich ganz und gar aufzuopfern. Leben spielt schon auch eine Rolle bei ihr. Nicht auf die Art wie beim Vizekanzler, der sich zwischen montags SPD, dienstags Ministerium, mittwochs Marie aufreibt. Bei Merkel sind es eher die langen Wellen. Im Grunde hatte sie bislang zwei halbe Leben: gedämpft und unterfordert in der DDR – hochbeschleunigt als Spitzenpolitikerin im wiedervereinigten Deutschland. Normal und unfrei, das kennt Angela Merkel, frei und unnormal auch. Nur ein leidlich normales Leben in Freiheit, das gab es für sie bisher nicht. Kann man wirklich annehmen, dass sie sich das nicht wünscht?

Und zwar dringlich. Schließlich ist sie überdies die mittlerweile am längsten regierende Bundeskanzlerin. Jedenfalls wenn man mit einrechnet, dass sich das Tempo der Politik seit Adenauer vervierfacht und seit Kohl noch einmal verdoppelt hat. Das geht, so darf man annehmen, zuweilen etwas über die Kräfte.

Angela Merkel hätte also allen Grund, zu sagen: Ich will hier raus.

(So wie übrigens in diesen Zeiten des öffentlichen Hasses und der eskalierenden Krisen generell angenommen werden muss, dass bei den führenden deutschen Politikern das Machtstreben weniger stark ist als die Tendenz zur Machtflucht.)

Nun hat Angela Merkel das Pech, als postheroische Politikerin in eine heroische Zeit geraten zu sein. Deutschland, Europa, ja der Westen insgesamt sind in der schwersten Krise seit 1945. Kann sie da weg? Eigentlich nicht. Allerdings: Wenn erst die größten Krisen überwunden sein müssen, bevor sie zurücktreten darf, dann muss sie schon im Amt hundert Jahre alt werden. Keiner glaubt schließlich noch, dass diese Krisen überhaupt Krisen sind. Vielmehr handelt es sich um die neue Normalität.

Dennoch gibt es vier gute Gründe, warum Angela Merkel wieder antreten muss: demokratische Hygiene, den Zusammenhalt der Union, die internationale Lage in den kommenden zwölf Monaten. Und dann doch wieder: sie selbst.

1. Für die Demokratie

Einen tiefen Grundwiderspruch gab es immer in der Merkelschen Politik: den zwischen ihrer eigenen Vorsicht, die sie in einer hoch dotierten Blitzausbildung zur Spitzenpolitikerin gelernt hat, und – auf der anderen Seite – ihrer Grundüberzeugung, dass die (West-)Deutschen ein bisschen verwöhnt sind und öfter mal ordentlich angetrieben und aufgescheucht werden müssen. Einmal hat sie diesen Widerspruch einseitig aufgelöst und alle Vorsicht fahren lassen. Das war 2005, als sie die neoliberale Ruck-Politik des Agenda-Kanzlers noch übertrumpfen wollte – und bei der Wahl dafür bitter bestraft wurde.

Während ihrer Kanzlerschaft fand Merkels Grundwiderspruch eine andere Auflösung. Ihre programmatische Politik blieb schwach konturiert und vorsichtig – doch ergriff sie immer wieder beherzt die Gelegenheit von äußeren Krisen, um radikale Politikwechsel vorzunehmen. So war es bei der Wehrpflicht, bei der Energiewende oder bei der Russlandpolitik. Merkel, die vermeintlich vom Ende her denkt, wurde eine Meisterin des Anfangs. Mal um Mal ging sie Risiken ein, für sich selbst und für die Deutschen, ohne das Ende zu kennen.

Zugespitzt könnte man über Merkels Kanzlerschaft schreiben: Krisen kann sie – keine Krisen kann sie nicht.