Dienstag, 7.31 Uhr. Der Weg in die Bundesrepublik Deutschland führt vorbei an Nigar Yaniks taubengrauem Schreibtisch. Sie weiß noch nicht, wer heute vor ihr sitzen wird, als sie auf dem Parkplatz neben Lidl ihr Namensschild an die Bluse heftet. Meist bekommt sie Syrer. Landeskennziffer 475. Manchmal Balkan, gelegentlich Ghana oder Nigeria, was die Sache komplizierter macht.

Nigar Yanik hängt sich ihre Handtasche mit dem Thermoskaffeebecher und dem Goudabrot in die Armbeuge und gleitet durch die Schlange von Asylbewerbern, die sich vor der Eingangshalle des grauen Betonriegels gebildet hat, flache Schuhe auf stumpfem Marmor. Vorbei an all den Händen, die Zettel mit Bundesadlern halten, Ladungen für den 13. September 2016, 7.30 Uhr. Die Sicherheitsleute gucken kurz auf das Namensschild und nicken sie durch.

Die Außenstelle Dortmund des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge befindet sich derzeit in Teilen am Rande von Bochum. Hier will die Behörde mit der Faustschlag-Abkürzung Bamf, die im Flüchtlingssommer 2015 so komplett überfordert gewesen war, zeigen, was sie doch noch kann: möglichst alle Geflüchteten registrieren. Endlich über Hunderttausende Asylanträge entscheiden. Den Rückstand abbauen.

"Jeder versucht, irgendwo anzupacken", sagt Nigar Yanik.

Der Rückstand wird von ihr in einem ehemaligen Hochhaus der Krupp AG abgebaut, alter deutscher Stahl, runderneuerte deutsche Behörde. Seit Ende Juni ist sie dabei.

Nigar Yanik, die vor 30 Jahren in einem kommunalen Krankenhaus im Kreis Unna geboren wurde, ist eigentlich Wirtschaftsprüferin. Bis vor Kurzem flog sie oft mit einem Rollkoffer zur Arbeit, darin die Kostüme für ihre Woche beim Kunden. Bis vor Kurzem ackerte sie Bilanzposten durch, für die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO. Sie prüfte Zahlen, jetzt prüft sie Menschen.

In der größten Not hatte das Bamf, inzwischen gemanagt von Frank-Jürgen Weise, dem Chef der Bundesagentur für Arbeit, die vier größten deutschen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften um Hilfe gebeten. Auch Juristen hatte man angeworben. Wer gelernt hatte, der Welt mithilfe von Paragrafen Herr zu werden, sollte doch in der Lage sein, mehr als eine Million Flüchtlinge in rational nachvollziehbare Vorgänge zu zwängen.

7.39 Uhr. Nigar Yanik passiert im ersten Stock den blassrosa Post-it-Sticker mit ihrem Nachnamen und der Zimmernummer 118, verstaut ihre Handtasche im abschließbaren Beistellschrank, in dem die Schokolade lagert, falls mal Kinder dabei sind, und setzt sich vor den Bildschirm mit der Bamf-Inventarnummer 16014661. Hinter 15 Türen stehen auf diesem Flur nagelneue Schreibtische und Schreibtischstühle, Bildschirme mit Schutzfolien. Ein Amt erwartet seine Mitarbeiter.

Das Bamf ist die wahrscheinlich am schnellsten wachsende Behörde der Welt. Neueinstellungen im ersten Halbjahr: 50 Prozent.

Es hat, nachdem die Sache mit den Wirtschaftsprüfern publik geworden war, Entrüstung gegeben, klar: Kann man einem Menschen, der sonst die Wertverluste von Anlagevermögen ermittelt, die Prüfung menschlicher Schicksale anvertrauen?

Beim Bamf betont man, dass jeder der etwa 3.000 neuen Kollegen, die wie Nigar Yanik im Projekt EI, Erweitertes Instrumentarium, für ein halbes Jahr eingestellt wurden, das normale Bewerbungsverfahren durchlaufen musste.

Als Nigar Yanik im Frühjahr die Firmenrundmail mit der Anfrage vom Bamf öffnete, freute sie sich. Ein Teil ihrer Familie lebt in der Türkei, nahe der syrischen Grenze. Mit einer Schulfreundin hatte sie 2014 Spenden für die vielen Flüchtlinge dort gesammelt. Da studierte sie noch Wirtschaftswissenschaften in Wuppertal. Pädagogik und Germanistik auf Lehramt hatte sie abgebrochen. Als Wirtschaftsprüferin, das wusste sie, würde sie viele Fernsehabende ihren Kunden opfern, aber sie wollte ja auch Karriere machen. Nun lag etwas Größeres in ihrem Postfach.

"Ein Teil des Ganzen sein", sagt Nigar Yanik, wenn man sie nach ihrer Motivation fragt, zum Bamf zu gehen. Sie wiederholt den Satz, der der Kanzlerin gerade Ärger macht, als habe sie von dem Ärger nie gehört. Er klingt fröhlich, wenn Yanik ihn sagt: "Wir schaffen das."

7.51 Uhr. Mit mehreren Mausklicks öffnet sie das Programm Maris, ignoriert sieben Pop-up-Fenster und landet schließlich in ihrem Arbeitskorb. Aktenzeichen, Nachname, Vorname, Alia, Khalid, Emad, Mohamad, Adel. Aktueller Bearbeiter.

Drei Wochen lang ist Nigar Yanik mit 30 anderen geschult worden, im Konferenzraum eines Jobcenters in Halle (Saale). Die anderen waren meist Juristen. Eine Woche nur Gesetze: Grundgesetz, Asylverfahrensgesetz, Aufenthaltsgesetz. Dann: Rollenspiele. Sie haben sich Geschichten erzählt, manche wahr, manche gelogen, manche nur ein bisschen geflunkert. Wie findet man heraus, ob jemand lügt?

Nigar Yanik flunkerte, wie sie sich bei einem Autounfall die Nase brach. Sie war erschrocken, dass alle ihr glaubten. Den Autounfall gab es ja nie. Nur wie eine gebrochene Nase sich anfühlt, weiß sie, seit ihr als Kind beim Taekwondo mal einer ins Gesicht getreten hat.

Abends haben sie zusammen Paragrafen gepaukt. Sie kamen sich vor wie eine Runde Ehrenamtler. Menschen, die helfen wollen. Einige aus Halle sitzen jetzt auf demselben Flur. Robert, der Rechtsanwalt. Betty, die Familienanwältin. Ihre gemeinsame WhatsApp-Gruppe heißt: Bamf. Sie nennen sich untereinander Eier. Wegen: Projekt EI.

Wenn Nigar Yanik heute noch aus Versehen von Helfen spricht, korrigiert sie sich schnell. "Unbefangenheit ist total wichtig", sagt sie.