Neun Tage bevor er sterben soll, schreibt Robert Roberson einen Brief voller Smileys. Erstmals erwähnt er die Kinder und seine Mutter, erzählt von ihrem Besuch im Todestrakt. Im Übrigen gleicht der Brief den anderen an seine beiden Freunde in Deutschland: weite Passagen über die Liebe und Güte Gottes. Über acht Seiten taumelt die Handschrift von links nach rechts. Worte des Abschieds finden sich nicht. "Die Anwälte haben mein 'Gnadengesuch' eingereicht, auch eine Klage, um für meine 'Unschuld' zu kämpfen, O. K.! Nun warte ich geduldig auf ein positives Ergebnis ..."

Seit Anfang 2016 weiß Roberson, wann er hingerichtet werden soll: An einem Dienstag im Juni um 18 Uhr wird man ihn im Gefängnis von Huntsville, Texas, in einen Raum mit grün gestrichenen Ziegelwänden führen, seinen Körper mit sieben Lederriemen auf einer Liege mit weißem Laken fixieren, Kanülen in beide Arme einführen und die tödliche Chemikalie Pentobarbital in seine Venen strömen lassen. Der Brief endet wie immer: "P.S.S.S.: Gebete verändern die Dinge!"

Mehr als zwei Wochen vergehen, bis die Briefe aus der Todeszelle in der fränkischen Kleinstadt Hammelburg im Briefkasten von Henry und Monika Toedt landen. Die Eheleute, beide 64 Jahre alt, schreiben seit vier Jahren täglich jenen Menschen, die alle anderen am liebsten vergäßen: verurteilten Drogendealern, Sexualstraftätern, Mördern. Eine "Brücke zum Leben" nennt Henry diesen Postverkehr. Das sei ihre Lebensaufgabe, fügt Monika hinzu. Mit fünfzehn Gefangenen in Deutschland, Thailand und den USA halten die Toedts derzeit Kontakt.

Die Briefe füllen mehrere Leitz-Ordner. Fotos vom Fußballturnier im Massengefängnis von Bangkok sind dabei und das Foto einer deutschen Familie vor Fototapete: zwei Jungs, strohblond, beim Vater, die Mutter hält ein Neugeborenes in die Kamera. Die zwei Jungs und das Baby sind heute Halbwaisen, der Vater im Knast, er hat die Mutter im Suff erstochen. Die Briefe sind mit Hand geschrieben. Sie triefen von Liebesschwüren und Dankbarkeit. Henry sagt: "Ich war noch nie so glücklich."

Die Toedts notieren auf jedem Brief, wann sie geantwortet haben und was sie dem Schreiben beilegten: blauer Engel mit Gedicht, eine Karte. "Du bist wertvoll!" Immer um halb eins setzt sich Henry Toedt an den Wohnzimmertisch, fährt mit dem Briefmesser durch einen Briefumschlag und liest Monika aus der Gedankenwelt des Gefangenen vor. An einem Mittwoch im April ereilt die beiden so die Nachricht von Robersons Hinrichtungstermin: "Nun, ich wünsche mir, dass ihr für mich betet, betet, ohne Unterlass ... denn der Staat versucht mich umzubringen."

Seither hadern die Toedts mit den Wegen Gottes. Seit jenem Mittwoch kämpfen sie auch dagegen, dass in den USA ein weiteres Todesurteil vollstreckt wird. Roberson wäre Nummer 1.437 seit Wiedereinführung der Todesstrafe im Jahr 1976.

Der Erste, der Henry Toedt einfiel, war Uli Hoeneß. Heute muss Toedt über diese Idee lachen. Aber Hoeneß habe ein Herz für die Schwachen und wisse: Jeder macht mal Fehler. Henry adressiert ein Schreiben an die Münchner Säbener Straße, mit der Bitte an den "Uli", ein Gnadengesuch an den Gouverneur von Texas zu schreiben. Die Toedts glauben, die Toedts hoffen, dass sich der Countdown bis zu Robersons Tod stoppen lässt.

Für ihren Brieffreund aus Übersee haben die Toedts einen blauen Schnellhefter angelegt. In einem Zeitungsausschnitt ist die Zelle zu sehen, in der Roberson sterben soll. Der Artikel berichtet vom Boykott der Pharmaunternehmen, die den US-Bundesstaaten tödliche Substanzen verweigern (Texas hat aber einen Weg gefunden, trotzdem an das Gift zu kommen), und enthält den Abzug eines Apostolischen Schreibens von Papst Franziskus: Das Leben eines Menschen dürfe niemals Gegenstand der Herrschaft eines anderen sein. Rot unterstrichen: Die Kirche lehnt nachdrücklich die Todesstrafe ab.

In einer Klarsichtfolie ein Foto von Roberson selbst: kräftiger weißer Mann, kurz geschorene Haare, Fragen in den Augen. Eingerahmt wird er von einem weiß vergitterten Fenster. Wenn man die Toedts fragt, wer dieser Robert sei, sagt Monika: "Ein sehr gläubiger Mensch." Er sei wie ein großes Kind, ergänzt Henry, "ein einfaches Gemüt".

Roberson schrieb: "Nun, da bin ich. Ich bin 48 Jahre alt. Inzwischen sitze ich seit 12 Jahren in der Todeszelle in Texas, und das Leben war nicht einfach, um es milde auszudrücken ... Ich bin lustig und fröhlich und habe einen guten Sinn für Humor ... Gott liebt euch, so wie ich es tue ... Bitte schreibt mir bald zurück."

Die Toedts fragen nie danach, was ihre Brieffreunde getan haben. Und Roberson hat in anderthalb Jahren ebenfalls nie eine Zeile darüber verloren. Aber nachdem der Todeskandidat sie angeschrieben hatte, tippten die Toedts seinen Namen in ihren Laptop.