Wenn Iwan Michailowitsch Maiski allabendlich die Erlebnisse des Tages in die Schreibmaschine tippte, dann ging es ums Überleben. Der sowjetische Botschafter in London schrieb in seinen Amtsjahren zwischen 1932 und 1943 etwa 1.800 Seiten Tagebuch. Überleben wollte die Sowjetunion, eine rote Insel inmitten einer kapitalistischen Staatenwelt – den Traum von der Weltrevolution hatte man in Moskau bekanntlich rasch ausgeträumt. Ums Überleben ging es diesem Staat, nachdem Hitlers Wehrmacht 1941 den sowjetischen Partner überfallen hatte und bald wenige Kilometer vom Roten Platz stand. Überleben wollte auch Botschafter Maiski höchstselbst; einige seiner Untergebenen waren in Stalins Terrormaschinerie geraten und, zurückbeordert aus London, erschossen worden, so wie 62 Prozent der ranghohen Diplomaten, so wie Hunderttausende andere. Als einstiger Menschewik, der 1917 in Kerenskis provisorischer Regierung arbeitete, dann die Bolschewiki im Bürgerkrieg bekämpfte und erst 1921 zu ihnen überlief, grenzte es an ein Wunder, dass er noch lebte.

Überleben schließlich wollte auch das Land, in dem Maiski arbeitete. Großbritannien trotzte Hitler ganz allein mehr als ein Jahr lang, zwischen der Niederlage Frankreichs 1940 und dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion, während die Wehrmacht Europa überrannte. Man rechnete auf der Insel täglich mit einer deutschen Invasion – und der 1884 als Iwan Lachowiecki geborene Maiski, Sohn eines polnisch-jüdischen Hauslehrers, erlebte hautnah, wie Premier Churchill das Vereinigte Königreich trotz allem auf den Kampf bis zur Kapitulation Hitlers einschwor.

Höchst dramatische Zeiten also, existenziell bedrohlich, potenziell tödlich – und der umtriebige Londoner Botschafter mittendrin. Seine Tagebücher sind ein erstaunliches Dokument: Von keinem sowjetischen Spitzenfunktionär gibt es derart farbige, offenherzige Zeugnisse. Sie bieten ungewöhnliche Einblicke in die außenpolitischen Strategien damals in London und Moskau, in die Vorgeschichte und den Verlauf des Zweiten Weltkriegs. Allerdings ist es kein privates, sondern vor allem ein politisches Tagebuch; der Leser muss schon ein besonderes Interesse aufbringen, sonst kann trotz aller darstellerischen Fähigkeiten Maiskis die endlose Folge von Gesprächen, Konflikten, Einschätzungen und Memoranden doch ermüden.

Man wusste, dass es diese Tagebücher gab; Maiski hat in seinen Memoiren aus ihnen zitiert. Entdeckt hat sie vor Jahren in russischen Archiven der in Oxford lehrende israelische Historiker Gabriel Gorodetsky, einer der besten Kenner der sowjetischen Außenpolitik jener Zeit. Nach einer russischen und seiner englischen Edition in drei Bänden hat Gorodetsky jetzt eine kommentierte und bebilderte deutsche Auswahl vorgelegt, die etwa ein Viertel des Tagebuchs umfasst.

Maiski ist in den dreißiger Jahren überzeugt von einer sowjetischen Annäherung an Großbritannien. Er kennt das Land gut. Während des Ersten Weltkriegs lebte er als Emigrant in London, in den zwanziger Jahren war er bereits an der Botschaft tätig. Offensiv pflegt er jetzt als Botschafter Kontakte zur britischen Presse und in die Gesellschaft, nicht nur zu sowjetfreundlichen Intellektuellen wie George Bernard Shaw und dem Ehepaar Sidney und Beatrice Webb, sondern auch zu Konservativen. "Dieser Trotzki, er ist ein ausgemachter Teufel. Er ist eine destruktive und keine aufbauende Kraft. Ich bin ganz und gar für Stalin", erklärt der noch recht machtlose Churchill 1937 auf dem Bankett des Königs Stalins Botschafter, während in Moskau die Schauprozesse gegen vermeintliche Trotzkisten liefen.

Überhaupt Churchill, der 1918 noch die ausländische Intervention im russischen Bürgerkrieg gegen die Bolschewiki angeleitet hatte: Er hat häufige Auftritte in diesem Tagebuch, zumal er bereits lange vor dem Krieg in Hitler die Hauptgefahr für das Empire sah, nicht mehr im Kommunismus. Es gibt Besuche auf dessen Landsitz und in der Botschaft, und schon 1938 zeigt Churchill Maiski einen alten Wodka: "Wir werden diese Flasche trinken, wenn Großbritannien und Russland Hitlers Deutschland besiegt haben." Da stockt dem Botschafter noch der Atem.

Allerdings dominiert damals gegenüber Hitler die Appeasement-Politik von Premier Chamberlain, gegen die Maiski vergeblich agitiert; nach dem Münchner Abkommen 1938, bei dem die Westmächte die Tschechoslowakei im Stich ließen, schluchzt deren Botschafter Jan Masaryk gegenüber seinem sowjetischen Kollegen: "Die haben mich in die deutsche Sklaverei verkauft, wie sie früher Neger in die amerikanische Sklaverei verkauft haben." Maiski beklagt das "vollständige Unvermögen" Londons, die Psychologie Hitlers und Mussolinis zu begreifen, die mit Al Capone zu vergleichen wären und also nur Gewalt verstünden.

Mittlerweile ist Maiski zunehmend gefährdet, da Moskau die Aktivitäten seines ebenso schlauen wie eitlen Botschafters misstrauisch beobachtet. Während er noch eifrig an einer sowjetisch-britischen Allianz bastelt, orientiert man sich dort im August 1939 um. Maiski "schlägt die Hände vors Gesicht", als er vom Hitler-Stalin-Pakt hört, verstört registriert er eine "scharfe Richtungsänderung, deren Bedeutung und Konsequenzen mir noch nicht ganz klar sind. Ich muss auf weitere Informationen aus Moskau warten." Ähnlich blind wird Maiski im Frühling 1941 sein, als er die britischen Warnungen vor einem deutschen Angriff als "verrückten Volkssport" wegdiskutiert; noch am Vorabend des Überfalls notiert er: "Ich will nicht glauben, dass Hitler uns angreift."

In diesen Tagebüchern kann man lernen, wie konfliktreich dann die Anti-Hitler-Koalition zwischen den USA, Großbritannien und der Sowjetunion wirklich war; im Rückblick vergisst man das allzu leicht. Wenn Maiski Churchill bei Whisky und Soda harsche Botschaften Stalins überbringt, wird es öfter explosiv. Zunächst war da die gegenseitige Angst vor einem Separatfrieden mit Deutschland, was ja angesichts des diplomatischen Hin und Her vor dem Krieg und des enormen Blutzolls nicht unwahrscheinlich war. Gewiss auch ein Grund dafür, weshalb die Westalliierten die von Stalin geforderte zweite Front jahrelang verzögerten. Und hatte nicht die Sowjetunion 1939 gerade Finnland überfallen, war in Ostpolen einmarschiert und hatte die baltischen Staaten annektiert – was sich Stalin sogleich von seinen Alliierten bestätigen lassen wollte? Was sollten die Briten tun, als 1943 im Wald von Katyn die Leichen von 11.000 vom russischen Geheimdienst erschossenen polnischen Offizieren auftauchten, deren Exilregierung in London Bündnispartner der Alliierten war? In diesem Weltenbrand zählten neben Heroismus auch Taktik, Nerven und Skrupellosigkeit, um diese Allianz beisammenzuhalten.

Eine neue Deutung, wie sie zuletzt Christopher Clarkes diplomatiehistorisches Buch Schlafwandler zum Ersten Weltkrieg geliefert hat, findet sich in Maiskis Tagebüchern zum Zweiten Weltkrieg nicht. Aber hier kann man den enormen Druck und die Unsicherheit spüren, die damals auf den Machteliten lasteten.

Natürlich muss man die Tagebücher des Spitzendiplomaten kritisch lesen, sie sind ersichtlich für die Nachwelt geschrieben und von Interessen geleitet wie jene Sätze seiner britischen Gegenüber, die er zitiert und zitieren soll; jeder trickst. Allerdings ist das für Maiski ein echter Drahtseilakt, da er kaum mehr Unterstützer in Moskau hat und seine, die erste sowjetische Diplomatengeneration, fast vollständig verschwunden ist. "Nun gut, ich bin immer auf Abruf", notiert er im April 1941. 1943 ist es dann so weit, er zieht mit einem riesigen Gepäcktransport durch den Nahen Osten gen Heimat, wo man ihn zum unbedeutenden stellvertretenden Außenminister befördert.

Fast hätte es diesen Maiski aber doch erwischt. 1953 wurde er verhaftet und der Spionage für Großbritannien, des Verrats und der "zionistischen Konspiration" beschuldigt; Stalins Tod zwei Wochen später rettete ihn. Allerdings blieb der 70-Jährige noch zwei Jahre in Haft, denn der berüchtigte Geheimdienstchef Beria hätte ihn wohl unter seiner Ägide zum Außenminister machen wollen – was wiederum nach Berias Verhaftung und Hinrichtung im gleichen Jahr in den Augen des übrigen Politbüros ein verdächtiges Licht auf Maiski warf. Doch er entkam dem Mahlstrom, zumal die Zeiten sich unter Chruschtschow geändert hatten. Er schrieb fortan historische Bücher sowie seine tendenziösen Memoiren; ab und an erschien ein Leserbrief von ihm in der Times. Sein bedeutendstes Werk, sein Tagebuch, war seit seiner Haft Eigentum der Sowjetmacht, er durfte es nur zur Arbeit an seinen Memoiren ausleihen. 1975 starb er schließlich 91-jährig – Iwan Maiski, ein Überlebenskünstler des 20. Jahrhunderts.

Gabriel Gorodetsky (Hrsg.): Die Maiski-Tagebücher. Ein Diplomat im Kampf gegen Hitler 1932–1943; C. H. Beck, München 2016; 896 S., 34,95 €