Auf den ersten Blick wirkt Donald Trump wie ein Autoritärer, aber nicht wie ein Faschist. Er verfügt nicht über Sturmtruppen, hält keine Massenversammlungen mit Fackelzügen ab, und er benutzt auch keine Symbole aus dem antiken Rom. Die Massen, die er anlockt, laufen kreuz und quer durch die Stadien und tragen knallbunte T-Shirts. Bislang haben Trumps Anhänger auch keine der kalkulierten Gewalttaten verübt, die für den Aufstieg des Faschismus in Europa im vergangenen Jahrhundert typisch waren. Und Trump hat bislang auch kein kohärentes politisches Programm präsentiert, ganz im Gegenteil: Er springt hin und her zwischen Talkshow und Twitter-Feed, umschmeichelt seine Freunde, attackiert seine Gegner, mal wutentbrannt, mal voller Bewunderung (zumeist für sich selbst).

Es ist immer noch verführerisch, Donald Trump einfach als grobschlächtigen Narziss abzutun, als einen Geschäftsmann, den es zufällig in die politische Arena verschlagen hat. Aber während seine Popularität wieder wächst und er sich gefährlich dem Weißen Haus nähert, ist es wichtig, daran zu erinnern, dass Trump tatsächlich ein Faschist ist, und zwar einer, der perfekt in das Zeitalter der sozialen Medien passt.

Es sind gerade Trumps Individualismus und sein Anspruch, eine einzigartige Person zu sein, verbunden mit der Fähigkeit, über individualisierte Medien wie Twitter mit seinen Anhängern zu kommunizieren, die seine Popularität ausmachen. Trump hat die rassistische und fremdenfeindliche Weltsicht des Faschismus und dessen Fixierung auf den charismatischen Führer mit den Idealen und medialen Mechanismen des amerikanischen Individualismus verbunden. So ist eine durch und durch amerikanische Form des Autoritarismus entstanden, die sich noch als ansteckend erweisen könnte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 40 vom 22.9.2016.

Bislang hat erst eine Handvoll amerikanischer Journalisten begonnen, die Wurzeln von Trumps Ideen im Faschismus des 20. Jahrhunderts zu suchen. Wie sehr Trump tatsächlich dieser Zeit verhaftet ist, hat sich noch nicht herumgesprochen in den Vereinigten Staaten. Das mag auch daran liegen, dass die meisten Amerikaner vergessen haben, wie nah die USA schon einmal dem Autoritarismus waren. Ende der 1930er Jahre waren die Faschisten ein unübersehbarer Teil der amerikanischen Politik. Im Jahr 1938 beispielsweise erreichte der katholische Demagoge Father Coughlin mit seiner antisemitischen und profaschistischen Radiopropaganda regelmäßig an die 3,5 Millionen Zuhörer. Und 1939 hielt der Amerikadeutsche Volksbund eine Veranstaltung im New Yorker Madison Square Garden ab, an der 22.000 amerikanische Faschisten teilnahmen. Über ihren Köpfen hing ein Banner: "Schluss mit der jüdischen Dominanz über das christliche Amerika".

Fotoausstellungen der vierziger Jahre, Psychedelik und schließlich Twitter

Als die USA in den Zweiten Weltkrieg eintraten, befürchteten viele, es werde diese totalitären Tendenzen nur verstärken, wenn man die amerikanische Moral mit martialischer Propaganda anzufachen versuche. Führende amerikanische Intellektuelle vertraten die Ansicht, dass Hitler vor allem deshalb an die Macht gekommen sei, weil er die Möglichkeiten der modernen Massenmedien genutzt habe, um die Volksseele zu erreichen. Alle diese Medien – Film, Zeitung, Radio – sind auf einseitig gerichtete Kommunikation angelegt, lassen eine Stimme zu vielen sprechen, und in Deutschland war diese Stimme die von Hitler. Wenn sich Amerikas Führung wirklich den Achsenmächten in den Weg stellen wollte, so die Überlegung, dann musste sie neue Formen der Propaganda erfinden, die nicht auf die Masse zielen, sondern auf die Individuen, sie aber als Amerikaner vereint.

Man begann mit Museen. Im Jahr 1942 riefen amerikanische Propagandisten im New Yorker Museum of Modern Art die Road to Victory ins Leben, eine gewaltige Sammlung proamerikanischer Aufnahmen. Sie hängten die Fotos rund um die Museumsbesucher herum auf in der Hoffnung, der einzelne Besucher würde sich mit den Bildern identifizieren, von denen er am stärksten angesprochen wurde. Die Ausstellung war als System individualisierter Begegnungen konzipiert, zwischen Menschen und Aufnahmen. In den 1960er Jahren sodann wurden die Museumsausstellungen aus dem Zweiten Weltkrieg zum Modell für Multimediaprojekte der Hippiekultur, vor allem im Großraum San Francisco: Projektionen von Bildern, Farben und Klängen sollten die Zuschauer befreien. Derartige psychedelia wiederum brachte Figuren wie den Apple-Gründer Steve Jobs dazu, den Laptop als Werkzeug persönlicher Ermächtigung zu propagieren und das Internet als System, das zu einem demokratischeren Amerika führen werde. Noch heute erheben soziale Netzwerke wie Craigslist, Facebook und Twitter aus dem Großraum San Francisco denselben Anspruch.

Ganz wie Hitler und Mussolini zelebriert Trump den Mythos der Größe

Das ist die historische Ironie der Kandidatur von Donald Trump: Er hat ausgerechnet die Medientechnologien, die entwickelt wurden, um während des Zweiten Weltkriegs den Totalitarismus zu bekämpfen und den Individualismus zu stärken, in Werkzeuge zur Förderung jener faschistischen Ideale verwandelt, gegen die die USA einst gekämpft haben.