Einer der wenigen objektiven Zeugen in diesem Mordfall ist eine Radarfalle. Sie steht an der Vahrenwalder Straße im Norden Hannovers, kurz hinter einer Kreuzung. Jeden Tag wird die Kamera von etwa 60 Geschwindigkeitsverstößen ausgelöst. Am Abend des 13. März 2016 blitzt sie um 22.21 Uhr und vier Sekunden einen dunkelblauen VW Golf. Die Menschen, die sich dieses leicht unscharfe Foto später anschauen, wundern sich: Der Mann, der sechs Minuten zuvor seine Cousine hingerichtet hat, lächelt. Er wirkt gelöst. Später wird er bei Facebook schreiben: "Viele haben mich einen Ehrenlosen genannt (...), aber jeder, der die Wahrheit kennt, nennt mich einen Ehrenmann." Er schreibt, dass er glücklich sei über das, was er getan hat.

Sefin P., 22 Jahre alt, ist seit diesem 13. März 2016 auf der Flucht. Das Opfer ist Shilan Hassen, 21 Jahre alt. Warum musste sie sterben? Und was ist die "Wahrheit", von der Sefin da schreibt?

Shilan ist das vierte der insgesamt elf Kinder von Ghazi und Gaure Hassen. Sie kommt 1994 in Sêmêl zur Welt, einer Kleinstadt im Nordirak, in der Autonomen Region Kurdistan. Die Hassens leben dort seit vielen Generationen, sie gehören zur Glaubensgemeinschaft der Jesiden.

Rund 160 Kilometer südwestlich von Sêmêl erstreckt sich das Sindschar-Gebirge, wo der selbst ernannte "Islamische Staat" (IS) im August 2014 einen Völkermord an den Jesiden beging. Mehr als 5.000 Menschen verloren ihr Leben, rund 4.000 weitere befinden sich noch in Gefangenschaft. Fundamentalistischen Muslimen gelten die Jesiden als Kuffar, als Ungläubige, zum Teil werden sie als Teufelsanbeter verachtet. Doch die Situation für die Jesiden im Irak ist nicht erst seit dem Massaker durch den IS kaum zu ertragen. Saddam Hussein ließ mehr als hundert ihrer Dörfer zerstören.

Ghazi Hassen hatte Angst, dass es eines Tages auch seine Familie erwischt. 1997, da ist er 30 Jahre alt, flieht er wie viele seiner Verwandten nach Deutschland. In Niedersachsen hat sich seit den späten sechziger Jahren die größte jesidische Gemeinschaft außerhalb des Iraks, der Türkei und Syriens gebildet. Dort kommt auch Ghazi unter. Noch im selben Jahr holt er seine Frau, Shilan und ihre inzwischen fünf Geschwister nach. Sie leben zunächst in Brake, dann ziehen sie in die Nähe von Hannover, wo sie bis heute wohnen, in einem deutschen Kleinstadtklischee mit Buchsbaumhecken, akkurat gemähtem Rasen und freundlich grüßenden Nachbarn. Lange sah es so aus, als könne dies die Geschichte einer mustergültigen Integration sein.

Ghazi Hassen arbeitet hart, erst in einer Baumschule, später auf Baustellen. Er will nicht auf staatliche Unterstützung angewiesen sein. Schließlich macht er sich mit einem Großhandel für mediterrane Spezialitäten selbstständig. Schafskäse, Mandeln, Oliven. Er lernt Deutsch, und Jahre später werden fast alle seiner Kinder, die schon mit der Schule fertig sind, mindestens das Fachabitur haben. Einige werden studieren.

Auch Shilan ist gut in der Schule, nur in Mathe hat sie ihre Probleme, aber das gleicht sie durch ihr Engagement außerhalb des Unterrichts aus. "Sie war einfach unglaublich", sagt Wolfgang Pipho, der von der fünften bis zur zehnten Klasse in der Realschule in Langenhagen ihr Klassenlehrer war. Auch später hielt er Kontakt zu ihr. Einmal im Jahr trafen sie sich auf ein Eis, bis zu ihrem Tod.

"In der Schule war Shilan fast meine Sekretärin", sagt Pipho. Sie führte das Klassenbuch und die Inventarliste des Schulcafés. Sie suchte die Zugverbindungen für Ausflüge raus. Jeden Tag ging sie als Letzte. Sie stellte die Stühle hoch, putzte die Tafel, goss die Blumen. Hört man den Lehrer reden, denkt man: Shilan war deutscher als deutsch. "Ordnung, Prinzipien, Sauberkeit, das war ihr ungemein wichtig."

Wolfgang Pipho hat ein Fotoalbum gebastelt, das er Shilans Eltern schenken möchte. Je ein Foto pro Schuljahr. Shilan, wie sie sich bei einem Schulausflug von einem Turm abseilt, Shilan im Bus mit Glitzeraufdruck auf dem T-Shirt: Daddy’s Girl, Shilan mit ihrer besten Freundin Sodaba, um die Wette grinsend.