Und Shilan musste sterben

Einer der wenigen objektiven Zeugen in diesem Mordfall ist eine Radarfalle. Sie steht an der Vahrenwalder Straße im Norden Hannovers, kurz hinter einer Kreuzung. Jeden Tag wird die Kamera von etwa 60 Geschwindigkeitsverstößen ausgelöst. Am Abend des 13. März 2016 blitzt sie um 22.21 Uhr und vier Sekunden einen dunkelblauen VW Golf. Die Menschen, die sich dieses leicht unscharfe Foto später anschauen, wundern sich: Der Mann, der sechs Minuten zuvor seine Cousine hingerichtet hat, lächelt. Er wirkt gelöst. Später wird er bei Facebook schreiben: "Viele haben mich einen Ehrenlosen genannt (...), aber jeder, der die Wahrheit kennt, nennt mich einen Ehrenmann." Er schreibt, dass er glücklich sei über das, was er getan hat.

Sefin P., 22 Jahre alt, ist seit diesem 13. März 2016 auf der Flucht. Das Opfer ist Shilan Hassen, 21 Jahre alt. Warum musste sie sterben? Und was ist die "Wahrheit", von der Sefin da schreibt?

Shilan ist das vierte der insgesamt elf Kinder von Ghazi und Gaure Hassen. Sie kommt 1994 in Sêmêl zur Welt, einer Kleinstadt im Nordirak, in der Autonomen Region Kurdistan. Die Hassens leben dort seit vielen Generationen, sie gehören zur Glaubensgemeinschaft der Jesiden.

Rund 160 Kilometer südwestlich von Sêmêl erstreckt sich das Sindschar-Gebirge, wo der selbst ernannte "Islamische Staat" (IS) im August 2014 einen Völkermord an den Jesiden beging. Mehr als 5.000 Menschen verloren ihr Leben, rund 4.000 weitere befinden sich noch in Gefangenschaft. Fundamentalistischen Muslimen gelten die Jesiden als Kuffar, als Ungläubige, zum Teil werden sie als Teufelsanbeter verachtet. Doch die Situation für die Jesiden im Irak ist nicht erst seit dem Massaker durch den IS kaum zu ertragen. Saddam Hussein ließ mehr als hundert ihrer Dörfer zerstören.

Ghazi Hassen hatte Angst, dass es eines Tages auch seine Familie erwischt. 1997, da ist er 30 Jahre alt, flieht er wie viele seiner Verwandten nach Deutschland. In Niedersachsen hat sich seit den späten sechziger Jahren die größte jesidische Gemeinschaft außerhalb des Iraks, der Türkei und Syriens gebildet. Dort kommt auch Ghazi unter. Noch im selben Jahr holt er seine Frau, Shilan und ihre inzwischen fünf Geschwister nach. Sie leben zunächst in Brake, dann ziehen sie in die Nähe von Hannover, wo sie bis heute wohnen, in einem deutschen Kleinstadtklischee mit Buchsbaumhecken, akkurat gemähtem Rasen und freundlich grüßenden Nachbarn. Lange sah es so aus, als könne dies die Geschichte einer mustergültigen Integration sein.

Ghazi Hassen arbeitet hart, erst in einer Baumschule, später auf Baustellen. Er will nicht auf staatliche Unterstützung angewiesen sein. Schließlich macht er sich mit einem Großhandel für mediterrane Spezialitäten selbstständig. Schafskäse, Mandeln, Oliven. Er lernt Deutsch, und Jahre später werden fast alle seiner Kinder, die schon mit der Schule fertig sind, mindestens das Fachabitur haben. Einige werden studieren.

Auch Shilan ist gut in der Schule, nur in Mathe hat sie ihre Probleme, aber das gleicht sie durch ihr Engagement außerhalb des Unterrichts aus. "Sie war einfach unglaublich", sagt Wolfgang Pipho, der von der fünften bis zur zehnten Klasse in der Realschule in Langenhagen ihr Klassenlehrer war. Auch später hielt er Kontakt zu ihr. Einmal im Jahr trafen sie sich auf ein Eis, bis zu ihrem Tod.

"In der Schule war Shilan fast meine Sekretärin", sagt Pipho. Sie führte das Klassenbuch und die Inventarliste des Schulcafés. Sie suchte die Zugverbindungen für Ausflüge raus. Jeden Tag ging sie als Letzte. Sie stellte die Stühle hoch, putzte die Tafel, goss die Blumen. Hört man den Lehrer reden, denkt man: Shilan war deutscher als deutsch. "Ordnung, Prinzipien, Sauberkeit, das war ihr ungemein wichtig."

Wolfgang Pipho hat ein Fotoalbum gebastelt, das er Shilans Eltern schenken möchte. Je ein Foto pro Schuljahr. Shilan, wie sie sich bei einem Schulausflug von einem Turm abseilt, Shilan im Bus mit Glitzeraufdruck auf dem T-Shirt: Daddy’s Girl, Shilan mit ihrer besten Freundin Sodaba, um die Wette grinsend.

Die Kultur der Jesiden

Wolfgang Pipho hat in seinen 40 Jahren als Lehrer an einer Schule, in der jedes vierte Kind einen Migrationshintergrund hat, vieles erlebt. Er musste mitansehen, wie Schülerinnen sich auf Geheiß ihrer Väter verhüllten, als sie anfingen, sich für Jungs zu interessieren; wie sie mit 16 verheiratet wurden; wie ihre versprochenen Ehemänner sie nach Unterrichtsschluss mitnahmen wie Privatbesitz. Bei Shilan war das anders. Sie durfte auf jede Klassenfahrt mit. Sie sagte im Unterricht vor allen anderen, dass ihr die Lebensweise vieler Verwandter nicht gefiel. Sie sah nicht ein, weshalb Frauen nicht genauso arbeiten sollten wie Männer. Zum Zeitpunkt ihres Todes studierte sie Immobilienwirtschaft in Holzminden. "Sie war sehr selbstbestimmt, und so wollte sie auch leben", sagt Pipho.

An einem milden Julitag 2016 sitzt Sodaba R. in einer Pizzeria in der Hannoveraner Innenstadt und starrt auf ein Foto auf ihrem Handy. "Wenn ich an sie denke, dann ist es immer dieses Lächeln, das mir einfällt. Sie war so unbeschreiblich viel für mich", sagt Sodaba, die gerade aus dem Urlaub zurückgekehrt ist. Zehn Tage Spanien. Sie dachte, so könne sie ein bisschen Abstand gewinnen, aber es ist ihr nicht gelungen. Sodaba und Shilan waren beste Freundinnen von dem Tag an, als sie gemeinsam in die fünfte Klasse kamen. Wenn sie sich nicht sehen konnten, telefonierten sie, länger als 24 Stunden hielt es die eine nie ohne die andere aus. Zwei Mädchen, die alles teilten, ihre Geheimnisse, ihre Handtaschen, ihre Pullover.

Tausende Fotos gibt es von den beiden, Sodaba hat nach Shilans Tod einen ganzen Berg davon auf Papier abziehen lassen. Sie wollte sie in den Händen halten, so als habe sie Angst, dass eines Tages nicht nur Shilan, sondern auch dieses Lächeln ganz aus der Welt verschwinden könnte.

Die beiden Freundinnen haben früh gemerkt, dass sie etwas bewegen können, wenn sie sich zusammentun. Sodaba war Klassensprecherin, Shilan Stellvertreterin. In der neunten Klasse gründeten sie eine Arbeitsgemeinschaft für die jüngeren Schüler. "Sport, Spiele, Spaß" hieß sie. Zweimal in der Woche arbeiteten sie als Lesementorinnen, neben der Schule ließen sie sich als Gruppenleiterinnen für die ehrenamtliche Jugendarbeit ausbilden.

Sodabas Eltern kommen aus Afghanistan, sie sind Muslime. Aber das spielte keine Rolle. "Sie haben Shilan wie eine eigene Tochter geliebt", sagt Sodaba. Ihre Eltern seien modern. Und Shilans Eltern noch viel moderner. "Sie durfte ja zum Studium sogar in eine eigene Wohnung ziehen. Das würde mein Vater nicht zulassen, solange ich nicht verheiratet bin."

Die jesidische Religion ist mit ihrem 5.000-jährigen Bestehen eine der ältesten der Welt. Sie kennt einen Gott, aber keinen Propheten, keine Tempel, keine heilige Schrift. Die Geschichten, Traditionen und Bräuche werden mündlich von den Älteren an die Jüngeren weitergegeben.

Wer eintaucht in die Kultur der Jesiden, der begreift schnell, dass diese Gemeinschaft um sich herum eine Festungsmauer aus strikten Regeln errichtet hat. Draußen, vor der Mauer, stehen nach jesidischem Verständnis die muslimischen Belagerer. Sie gilt es abzuwehren. Zwei der wichtigsten Regeln lauten deshalb: Jeside kann man nicht werden, als Jeside wird man geboren. Und: Jesiden dürfen nur untereinander heiraten – wer sich nicht daran hält, wird verstoßen.

Die Jesiden sind eine verschlossene Gruppe, über deren Zusammenhalt die Männer wachen. Sie verteidigen der Tradition gemäß die Ehre der Familie. Die Frauen gelten als Eigentum der Männer, Bigamie wird toleriert. Der Vater von Ghazi Hassen hatte zwei Frauen und 17 Kinder.

Fünf Monate nach der Tat sitzen Shilans Eltern, zwei ihrer sieben Brüder und ihre drei Schwestern auf den tiefen Sofas im Wohnzimmer der Familie. Alle tragen Schwarz, auf einer Kommode flackern Kerzen.

Ghazi Hassen, 50 Jahre alt, lässt die Perlen seiner Gebetskette durch die Finger gleiten. Ein bedächtiger Mann mit buschigem Schnauzbart, der langsam auf Fragen antwortet, aber mit einer Stimme, die alle anderen zum Schweigen bringt. "An diesem Tag im März", sagt er, "da ist nicht einfach nur meine Tochter gestorben, sondern ein Teil von uns allen." Neben ihm sitzt sein Sohn Hassen, 28 Jahre alt. Hassen Hassen studiert Jura. Er hatte Zusagen von Universitäten aus ganz Deutschland, aber er blieb in Hannover, nah bei der Familie. "Shilan", sagt er, "war unser Mittelpunkt. Die beste Freundin ihrer Mutter, die mit dem engsten Draht zum Vater, diejenige, zu der alle Geschwister kamen, wenn sie Probleme hatten." Shilans Mutter Gaure sagt kaum etwas. Sie weint, wie oft, in ihr Kopftuch. Später geht sie in Shilans Zimmer, wo alles so aussieht wie früher. Gaure Hassen nimmt sich ein Kleid, das nach Shilan riecht, nach Sì von Giorgio Armani, ihrem Lieblingsparfum. Sie lässt ihr Gesicht in den Stoff fallen, als könne der Geruch die Tochter zurückbringen.

Die gefälschten Nacktbilder

Die Geschichte der Mordtat beginnt vor etwas mehr als einem Jahr. Anfang Juni 2015 erzählt Shilan ihrem Vater, dass ein Mann sie belästigt. Ein Jeside wie sie, ein Freund jenes Cousins Sefin, der sie später töten wird.

Der Mann hat sich in Shilan verliebt. Ein einziges Mal war sie mit ihm essen, es gibt ein Foto von dem Abend: Die beiden stehen vor einem Spiegel, ein unschuldiges Bild, mehr nicht. Danach aber meldet sich der Mann immer wieder bei Shilan, will sie sehen, sie ausführen. Sie weist ihn zurück, er droht ihr mit dem Tod. In einer SMS schreibt er, ihre eigene Familie werde sie umbringen, dafür werde er sorgen.

Am Computer schneidet der Mann Shilans Gesicht aus dem Foto, das sie und ihn vor dem Spiegel zeigt. Er montiert das Gesicht auf nackte Körper und stellt die Bilder ins Internet. Er schickt sie auch an Shilans Cousins und an die Brüder ihres Vaters, von deren strenger Lebensweise Shilan ihrem Lehrer erzählt hatte.

Wenn ich sie schon nicht haben kann, so scheint der zurückgewiesene Verehrer zu denken, dann sollen wenigstens alle glauben, dass Shilan eine Schlampe ist. Eine Unehrenhafte. Obwohl die Bilder gefälscht sind, gerät Shilan in Panik. Sie weiß um die Wucht, die solche Fotos, die schon in einer durchschnittlichen deutschen Familie für Aufregung sorgen würden, entwickeln können. In der Welt der Jesiden mit ihrem strikten Verbot von sexuellen Kontakten vor der Ehe sind solche Bilder wie ein Gesetzesverstoß.

Shilan geht zur Polizei, erstattet Anzeige wegen Stalkings. Den Beamten erzählt sie, sie fürchte einen sogenannten Ehrenmord, jetzt, da ihre Onkel die Bilder kennen. Sie zieht vorübergehend wieder zu Hause ein. Nur dort fühle sie sich sicher, sagt sie ihrem Vater.

Schon länger schwelt in der Familie ein Konflikt zwischen Ghazi Hassen und seinen beiden älteren Brüdern. Es ist ein Kampf zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Sicherheit und Freiheit.

Im Irak lebten die drei Brüder, die sich so ähnlich sehen wie Drillinge, ein fast identisches Leben. Alle drei arbeiteten sie bei Landwirtschaftsbetrieben. Doch als sie nach Deutschland kamen, entfernten sie sich voneinander. Ghazi Hassen löste sich von der Vergangenheit und suchte einen Weg in die deutsche Gesellschaft, während sich seine Brüder an die alten Bräuche klammerten. Die Geschichte der drei Brüder zeigt auch, wie komplex Integration ist. Innerhalb einer einzigen Familie kann sie auf vorbildliche Weise gelingen und auf fatale Art scheitern.

Ghazi Hassen trieb seine Töchter an, sich in der Schule anzustrengen, Abitur zu machen, einen Beruf zu erlernen. Die Töchter seiner Brüder dagegen verließen kaum das Haus. "Sie waren unsichtbar", sagt ein Mann, der die Familien gut kennt. Ihre Väter haben jedes der Mädchen gleich nach der Geburt einem Verwandten als Ehefrau versprochen. Der wird für sie sorgen, wozu brauchen sie einen Beruf?

Asan P.* und Jiro P.*, die Brüder von Ghazi Hassen, haben ihr patriarchalisches Leben aus den Bergen des Nordiraks ins niedersächsische Flachland transferiert.

Bis heute sprechen Ghazi Hassens Brüder kaum Deutsch, sie leben zum Teil vom Geld ihrer Söhne, die Imbisse betreiben, zum Teil von Geld, das Ghazi Hassen ihnen über die Jahre immer wieder zusteckte. Aus ihm ist ein erfolgreicher Geschäftsmann geworden. Nach dem Tod Saddam Husseins Ende 2006 gab es im Irak viel zu verdienen. Ghazi Hassen nutzte die Chance. Er liquidierte seine deutsche Firma und baute eine neue in Bagdad auf. Heute betreibt er in der irakischen Hauptstadt zudem zwei Restaurants, in denen Alkohol ausgeschenkt werden darf. Ghazi Hassen reist oft in den Irak, er beschäftigt mehrere Mitarbeiter.

Zeitweise ist Jiro Teilhaber eines der Restaurants. Jiro und Asan profitierten vom Erfolg ihres Bruders. Ghazi Hassen hat das Gefühl, dass sie trotzdem neidisch auf ihn sind. Während er mit seiner Frau und den Kindern in der Nähe von Hannover im eigenen Haus mit mehr als zehn Zimmern lebt, müssen seine Brüder, Shilans Onkel, sich mit kleinen Mietwohnungen begnügen.

Als der IS im August 2014 im Sindschar-Gebirge einfällt, reist Ghazi Hassen sofort hin. In Dohuk kauft er einen halben Supermarkt leer. Aus einem Helikopter wirft er mit Helfern Tüten voller Wasser, Konservenfleisch, Bananen und Brot ab. Er sammelt Spenden bei jesidischen Geschäftsleuten, in Kanada, in Russland, in Deutschland, fast 300.000 US-Dollar. Mit seinem eigenen Geld kauft er über Mittelsmänner in Bagdad zwei jesidische Frauen aus der Gefangenschaft des IS frei. Spätestens jetzt schauen alle in der weitverzweigten Familie zu Ghazi Hassen auf.

In der jesidischen Kultur ist nicht zwangsläufig der Älteste das Oberhaupt der Familie, es ist derjenige, der sich durch seine Taten, durch seine Menschlichkeit und Güte dazu macht. Doch seine Brüder wollen Ghazi Hassens Status nicht akzeptieren. Jahrelang warten sie auf eine Gelegenheit, dem kleinen Bruder zu zeigen, wer der Stärkere ist. So stellen es verschiedene Mitglieder der jesidischen Gemeinschaft gegenüber der ZEIT dar. Die gefälschten Nacktbilder seien für die Brüder wie ein Geschenk gewesen.

Nach traditioneller jesidischer Logik konnte Asan P., der älteste der Brüder, Gutes für die Familie tun, indem er seinen Sohn Sefin als Ehemann für Shilan zur Verfügung stellte. Durch eine Hochzeit in der engeren Familie, so die Argumentation, lasse sich die durch die Nacktbilder entstandene Schande ausmerzen. Sefin wäre der Held in dieser Geschichte, ein Ehrenmann, der sich einer Ehrlosen annimmt.

Eine Zwangsverlobung in fünf Sekunden

Am 20. Juni 2015 ist Ghazi Hassen im Irak. Die Brüder Asan P. und Jiro P. klingeln an der Haustür von Shilans Familie. Shilan öffnet, eine Schwester steht neben ihr. Die beiden Männer halten eine Goldkette in der Hand. Shilan weiß sofort, was kommen wird, die Kette ist ein unmissverständliches Symbol, wie ein Verlobungsring. Die Onkel werfen sie vor Shilans Füße und sagen: "Du bist markiert, du gehörst jetzt Sefin." Eine Zwangsverlobung in fünf Sekunden. Shilan schreit: "Ich liebe einen anderen, ich will Sefin nicht!", doch die Onkel nehmen sie mit. Sie soll ab jetzt bei ihrer neuen Familie leben, mit ihrem Verlobten.

"Diese Kette hat keine 200 Euro gekostet!" Ghazi Hassen spuckt diesen Satz aus, als wolle er sagen: Sie zwangsverloben meine Tochter und verwenden dafür auch noch diesen billigen Tand. Als wäre Shilan wertlos.

Als Sodaba am selben Abend Shilan besuchen will, stellen sich ihr zwei Brüder Sefins in den Weg. "Sie haben mir verboten, ihr zu schreiben. Sie haben gedroht, Shilan vom Balkon zu werfen, wenn sie sich bei mir meldet. Ich hatte solche Angst, dass sie ihr was antun!", sagt Sodaba. Shilan habe ihr später erzählt, sie habe die ganze Nacht durchgeweint, Shilan habe nicht gegessen, nicht getrunken. Erst als ihr Vater am nächsten Tag aus dem Irak angerufen und seinen Brüdern ins Gewissen geredet habe, hätten sie Shilan gehen lassen. "Sie war völlig verstört", sagt Sodaba. Drei Wochen lang sei sie im Haus geblieben. Immer in der Angst, ihre Onkel könnten sie töten.

Doch noch hat Shilan 267 Tage zu leben.

Zwei Tage nach der Zwangsverlobung kehrt Ghazi Hassen aus dem Irak zurück. Er kündigt nun auch offiziell die Verbindung zwischen Shilan und Sefin auf, gibt die Kette zurück. Er ahnt, dass dies seine Brüder weiter reizen wird. Eine geplatzte Verlobung – das ist in deren Denken nicht vorgesehen.

Schon ein Jahr zuvor hat es in der Familie Streit gegeben. Die Tochter des ältesten Bruders Asan P. wollte einen anderen Mann heiraten als den, den ihr Vater für sie vorgesehen hatte. Der Verschmähte zog sich von dem Arrangement zurück, der zweitälteste Bruder Jiro P. wollte daraufhin einen seiner Söhne als neuen Bräutigam durchsetzen, nur Ghazi Hassen sagte: "Lasst das Mädchen heiraten, wen es will!"

Weil Asan und Jiro sich untereinander nicht einigten, heiratete das Mädchen seinen Geliebten – und wurde von ihrem Vater und ihrem Onkel Jiro verstoßen. Ghazi und die anderen Hassens aber hielten zu ihr. Vielleicht liegt hier der Anfang jener Verwerfung, die später zum Mord an Shilan führte. Ghazis Brüder müssen sich vor der Familie bloßgestellt gefühlt haben.

Professor Jan Ilhan Kizilhan empfängt in seinem Büro im ersten Stock der Hochschule Villingen-Schwenningen. Der Psychologe und Orientalist befasst sich seit mehr als zehn Jahren mit Ehrenmorden, er hat als psychologischer Sachverständiger vor Gericht fast 40 Täter begutachtet. Wenn ein jesidischer Mann einem anderen die Kontrolle über dessen Tochter nehme, dann sei das eine Ehrverletzung. Von außen werde ihm nun ständig signalisiert: Du bist schwach. "So erlebt er einen Respektverlust in der Familie." Religion, sagt Kizilhan, spiele dabei keine so große Rolle, eher die sehr traditionelle patriarchalische Struktur, die antiquierte Vorstellung von Ehre unter den Jesiden.

Das Wort Ehre wird heute in der westlichen Welt fast ausschließlich in Kombination mit dem Islam gedacht, mit Wörtern wie Mord, Verletzung oder Verlust. Ehre, das ist doch der Grund, warum muslimische Väter ihre Töchter töten oder töten lassen, wenn die Mädchen aufbegehren. Ehre als Ausdruck einer reizbaren Religion. Wer so argumentiert, übersieht, dass vor nicht allzu langer Zeit fast überall auf der Welt Ehrkonzepte verbreitet waren, die aus heutiger Sicht archaisch anmuten. In Amerika galt lange Zeit derjenige als ehrenhaft, der sich Sklaven hielt. In China heirateten ehrenwerte Männer nur Frauen, die sich alle Zehen gebrochen und eng zusammengebunden hatten; auf diesen Lotosfüßen waren den Frauen nur Trippelschritte möglich, sie sollten hinter dem Mann verschwinden. Und in Europa galten Duelle, die nicht selten mit dem Tod endeten, bis ins 20. Jahrhundert als ultimative Konfliktlösung unter ehrenhaften Männern. Noch immer gibt es Ehrenmorde nicht nur in muslimischen Ländern, sondern auch in Italien, Ecuador, Brasilien. Und unter den Jesiden.

Ehre als Ordnungssystem

In der jesidischen Kultur ist Ehre bis heute die wichtigste Währung. "Vor einigen Hundert Jahren war Ehre in einer jesidischen Dorfgemeinschaft etwas sehr Positives", sagt Kizilhan. Da war Ehre ein Ordnungssystem, das dafür sorgte, dass das Dorf als Gemeinschaft funktionierte. Wer Ehre besaß, der beschlagnahmte nicht den Besitz des anderen, der berührte nicht dessen Frau, der behandelte seine Nachbarn mit Respekt. Wer Ehre besaß, mit dem tauschte man Waren. Wer Ehre besaß, konnte seine Familie ernähren. Wer sie verlor, wurde samt seiner Familie ausgeschlossen aus der Dorfgemeinschaft.

"Das Problem ist, dass diese vor Jahrhunderten entwickelten Empfindungen nach Europa mitgebracht werden", sagt Kizilhan. Im Schnitt überdauerten sie drei Generationen. Eine reale Gefahr, aus der Gesellschaft ausgegrenzt zu werden, bestehe zwar gar nicht und schon gar nicht die Gefahr zu verhungern. Aber der soziale Druck, wenn jemand unehrenhaft genannt wird, sei so hoch, dass oft nur eine öffentliche Verletzung des anderen die Rechnung begleichen könne.

Auch über die Nacktbilder, den Auslöser von Shilans Zwangsverlobung, kann Kizilhan etwas sagen. Dass sie gefälscht waren, spiele keine Rolle. "Wenn solche Bilder öffentlich sind, dann verlieren sie den Status des Gerüchts und verwandeln sich in Wahrheit. Denn jeder spricht darüber." Es sei bei den Jesiden, wie bei allen patriarchalischen Gesellschaften, sogar typisch, dass Gerüchte ganz bewusst befeuert würden, um bestimmte Prozesse in Gang zu setzen. Demütigung, Diskriminierung, Statusverlust. Für einen Menschen, der seine Ehre verletzt sieht, ist ein Nacktfoto, und sei es noch so stümperhaft gefälscht, ein Instrument, das sich benutzen lässt, um die eigene Ehre zurückzugewinnen, um die Machtverhältnisse zurechtzurücken.

Und wenn das Zurechtrücken nicht funktioniert?

Seit der Auflösung von Shilans Verlobung gehen sich die Familien aus dem Weg. Bei Hochzeiten oder anderen Feierlichkeiten, die schon wegen der Anzahl der Kinder häufig sind, begrüßen sie sich, der Tradition gehorchend, mit Wangenküssen. Manchmal sprechen die Brüder notgedrungen auch miteinander, weil die Geschäfte im Irak es verlangen. Von außen betrachtet wirkt es, als habe man sich arrangiert. Shilan treibt ihr Studium voran, schreibt Klausuren, ihr Leben normalisiert sich. Auch, weil da ja noch der Mann ist, den sie wirklich heiraten will, obwohl ihr die eigene Verliebtheit manchmal selbst seltsam vorkommt. "Sie hatte sich so fest vorgenommen, nie einen aus der Familie zu wählen", sagt Sodaba, ihre beste Freundin. Shilan wollte doch raus aus diesen jahrhundertealten Strukturen, sie, die Studentin, die selbstständige Frau, die durch die Welt reisen wollte. Aber dann passierte es doch.

"Es war der 29. Juni 2013", sagt Soran F.*, ein schlaksiger Mann Anfang 20, dichtes schwarzes Haar, traurige Augen. Auch Soran ist ein Cousin von Shilan, der Sohn von Ghazi Hassens Schwester. Ihre Liebesgeschichte beginnt mit einer kurdischen Hochzeit, auf der sie sich treffen. Soran beschreibt einen innigen Moment, in dem ihre Blicke sich begegneten. Mehr passierte nicht an jenem Abend, und trotzdem mochte Soran F. einige Wochen später, als Shilan und ihre Familie seine Eltern besuchten, nicht zu den Gästen ins Wohnzimmer. "Ich kann doch nicht ihre Eltern und ihre Brüder hintergehen, die nicht wissen, dass ich sie mit anderen Augen anschaue."

Traditionelle jesidische Männer, ob im Irak oder in Deutschland, wissen, dass sie sich einer Frau nur über ihre Eltern nähern dürfen. Der Psychologe Jan Ilhan Kizilhan sagt: "Jede nicht klar definierte Form von Beziehung wird in der jesidischen Kultur sofort mit Sexualität assoziiert."

Deshalb ist es keine Kleinigkeit, dass Soran nun seine Cousine anruft. Wenn der Cousin mit der Cousine telefoniert, dann kann es in den Köpfen vieler Jesiden dafür nur einen Grund geben: Er will sie heiraten. Soran wagt es. Als er Shilan fragt, wie es ihr geht, ist sie peinlich berührt. Das macht man doch nicht, einfach so. Die ansonsten so moderne Shilan hat diese Gepflogenheiten tief verinnerlicht. Es ist, als habe sie eine unsichtbare Leine getragen. Immer dann, wenn der Schritt raus aus den Konventionen zu groß wurde, zog irgendetwas sie zurück.

Wochen später hält Soran es nicht mehr aus. Du, Shilan, ich habe mich in dich verliebt. Sie fühlt sich geschmeichelt, wehrt seine Annäherungen aber ab. Das Studium gehe vor, sie sei noch nicht bereit für die Ehe. Soran akzeptiert das, sagt nur schnell, ruf mich doch mal an, wenn du magst. Und wenn es nur zwei Minuten sind. Irgendwann, nach Monaten, klingelt sein Telefon, eine unterdrückte Nummer. Es ist Shilan. Sie spricht mit ihm, genau zwei Minuten. Dann legt sie wieder auf.

An Silvester, Punkt Mitternacht, ruft er sie an. Du schon wieder! Ja, ich bin es. Wollte dir nur ein frohes neues Jahr wünschen. Diesmal ist er es, der auflegt. Einige Tage danach meldet sie sich und sagt: Wenn sich jemand so bemüht, dann muss da etwas sein.

Shilan und Soran führen eine Beziehung ohne Berührung. Sie sehen sich ab und zu auf Familienfesten, nie aber auch nur eine Sekunde zu zweit. Und doch schlafen sie jeden Abend gemeinsam ein. Am Handy. "Wenn ich morgens aufgewacht bin, hörte ich sie oft durch den Hörer atmen. Ich habe dann aufgelegt und wieder angerufen, um sie zu wecken." Shilan erzählt ihren Eltern von der Beziehung, die sind nicht nur einverstanden, sondern glücklich. Soran F. sagt: "Das war wunderschön. Unsere Väter sind Kindheitsfreunde, ihre Familie ist wie meine eigene. Ich hätte keine bessere Frau finden können." Da Shilan erst noch das Studium zu Ende bringen will, verabreden sie, direkt danach zu heiraten.

Anfang Juni 2015 trifft Soran F. seinen Cousin Sefin in dessen Imbiss. Die beiden sind seit Jahren enge Freunde. Überschwänglich erzählt er ihm, wie glücklich er sei und dass er bald zu Ghazi Hassen gehen wolle, um persönlich um Shilans Hand anzuhalten. Sefin habe sich für ihn gefreut, erinnert sich Soran. Er habe gesagt: "Ich werde auf deiner Hochzeit tanzen." Zwei Wochen später verfügt Sefins Vater die Zwangsverlobung seines Sohnes mit Shilan. Als Soran davon erfährt, rastet er aus. Sefin, was soll der Scheiß? Ich dachte, wir wären Freunde! Es tut mir leid, Soran. Es tut mir leid.

Es klang, als habe Sefin diese Verlobung selbst nicht gewollt, sagt Soran. Als sei er nur ein Spielball seines Vaters.

"Diese Scheißkultur hat sie getötet"

Shilan gräbt sich immer tiefer in ihr Studium. Wertermittlung, Property- und Assetmanagement, Immobilieninvestments. Die abstrakten Begriffe werden ihre Vertrauten. Sie fühlt sich zwischen den Buchseiten wohler als auf den Familienfesten, die sie früher so mochte. Anstatt sich dort blicken zu lassen, lernt sie, schreibt Referate, bereitet sich auf Klausuren vor. Im Januar 2016, die Zwangsverlobung ist inzwischen seit einem halben Jahr aufgelöst, bricht der Familienkonflikt plötzlich wieder auf, wie Ghazi Hassen erzählt.

Es ist ein milder Wintertag Ende Januar in der irakischen Hauptstadt Bagdad, 14 Grad, die Sonne scheint. In seiner Wohnung hat Ghazi Hassen Besuch von seinem zweitältesten Bruder Jiro P., auch einer von Jiros Söhnen ist dabei. Sie trinken, reden übers Geschäft, fast sieht es so aus, als könnten die Brüder wieder zueinanderfinden. "Doch dann ist er plötzlich ausgerastet", sagt Ghazi Hassen.

Jiro habe gerufen: Du nimmst mir meine Rolle weg! Dann habe er seinem Sohn eine Waffe in die Hand gedrückt und ihm befohlen, den Onkel zu töten. Doch der Junge habe sich geweigert. Jiro P. wird das alles später gegenüber der Polizei bestreiten.

Nach jenem Tag in Bagdad, das erzählt ein enger Verwandter der Brüder, sei die Familienfehde eskaliert. Jiro P. habe mit seinem älteren Sohn Hamid gesprochen. Dein Bruder ist ein Schwächling, er hat sich nicht getraut, du bist mein Löwe, du musst etwas machen.

Hamid, sagt Ghazis Sohn Hassen, habe noch am selben Abend bei ihm angerufen und geschrien: "Ich werde mich an deiner Familie rächen, und wenn es das Letzte ist, was ich tue!" Shilan hat da noch 42 Tage zu leben.

Wer versucht, mit den Familien von Ghazis Brüdern zu sprechen, mit den Brüdern des Schützen Sefin, mit den Onkeln, den Cousins, der stößt auf Schweigen. Immer wieder heißt es: Wir reden darüber nicht. Nicht über die Verlobung, nicht über den Streit in Bagdad, nicht über den Mord. Das sei eine Familiensache, das gehe niemanden etwas an. Hamid, der Löwe, öffnet immerhin die Tür in dem achtgeschossigen Hochhaus, in dem er mit seiner Frau und seinen Kindern lebt. Er ist freundlich, verweist aber an seinen Rechtsanwalt. "Ich bin ja irgendwie auch in diese Sache verwickelt", sagt er. Doch der Anwalt will mit der ZEIT ebenfalls nicht über den Fall sprechen.

Nach einigen Wochen meldet sich dann doch ein Mitglied der Familie. Der Mann sagt, auf keinen Fall dürfe sein Name auftauchen, er habe Angst. Er sagt, dass dies alles eine einzige Tragödie sei, dass es nie dazu hätte kommen dürfen, nicht zu der arrangierten Verlobung und schon gar nicht zu dieser fürchterlichen Tat. Es tue ihm so leid, was Shilan widerfahren sei. "Ihrer Familie ist größtes Unrecht geschehen – und alles nur wegen dieses dummen Streits zwischen den Brüdern."

Der 13. März 2016 ist ein kalter, trüber Sonntag. Die jesidische Gemeinde in Hannover freut sich wieder mal auf eine große Hochzeitsfeier. Mehr als 700 Gäste sind geladen, unter ihnen auch die gesamte Familie Hassen, der Bräutigam ist der Sohn von Ghazi Hassens Halbbruder. Eine 2000-Quadratmeter-Halle, roter Teppich für das Brautpaar, auf dem Buffet: Hähnchenbrust in Champignonrahm, Balkangemüse, Reis. Es wird viel getanzt, ein kurdischer Musiker singt Lieder über die Liebe. Auf den Tischen liegen Obst, Oliven, Fladenbrot, die Männer trinken Whiskey, die Frauen Wasser.

Kurz nach 22 Uhr macht der Sänger eine Pause, das Licht geht an, im Saal ist es jetzt taghell. Ein Kellner sperrt die Bühne ab, seine Kollegen schieben Tische zusammen, gleich soll die siebenstöckige Torte hereingebracht werden. Ghazi Hassen ruft seinen Sohn Hassen zu sich. Er habe seine Gebetskette verloren, der Sohn möge sie bitte suchen. Hassen geht durch die Halle, schaut unter Tische und Stühle, fragt verzweifelt herum, scheiße, wo ist das Ding?

Shilan, müde vom Tanzen, die Füße schmerzen in den hohen Schuhen, hat sich mit ihren Schwestern und Cousinen hingesetzt. Sie plaudern, lachen, warten auf die Torte. Plötzlich hören sie ein Klirren. Am anderen Ende der Halle krachen Gläser auf den Boden, Flaschen zerbersten, alle sind abgelenkt von dem Krach, dann steht er vor ihr. Sefin sagt kein Wort.

Mit der linken Hand packt er sie, mit der rechten hält er die Pistole an ihre linke Schläfe, dann drückt er ab. Shilan sackt nach vorn, Sefin reißt den Kopf an den Haaren wieder hoch und feuert zwei weitere Schüsse ab, in den Nacken, in den Hinterkopf. Shilan schlägt mit der rechten Gesichtshälfte auf dem Boden auf. Sefin wirft die Waffe auf den leblosen Körper. Auf seinem T-Shirt steht: Smile. Er lächelt.

Hassen dreht sich um, als er den ersten Knall hört. Schreie fahren durch die Halle, dann knallt es wieder, einmal, zweimal, jemand ruft auf Kurdisch: Sefin Shilo kusht! "Sefin hat Shilan getötet!" Hassen wird später sagen, er habe sich in diesem Moment wie in einem Sarg aus Milchglas gefühlt. Alles ist verschwommen, er versteht nicht, was passiert, kann sich kaum rühren. Als er sich fängt, sieht er, wie Sefin Richtung Ausgang flieht. Hassen rennt hinterher, auch sein jüngerer Bruder nimmt die Verfolgung auf. Sie stellen Sefin, werfen ihn zu Boden, doch plötzlich trifft Hassen eine Faust im Gesicht. Einer der Brüder des Schützen steht in Kampfhaltung vor ihm. Hassen verliert Sefin aus den Augen. Es ist zu spät. Der Mörder seiner Schwester ist weg. Aus der Halle gebracht von Hamid, dem Löwen. Die beiden rasen in einem dunklen VW Golf vom Hof, werden hinter der ersten Kreuzung geblitzt. Auf dem Parkplatz vor der Halle reißt Hassen sich vor Trauer und Wut einen Büschel Haare aus.

Ghazi Hassen nimmt sein Handy und fotografiert seine Tochter in der Blutlache, die sich um ihren Kopf gebildet hat. Am nächsten Tag stellt er das Foto online. Er schreibt dazu: "Sie starb mitten in der Blüte ihres Lebens, als Opfer eines heimtückischen Verrats und Brauches." Und er benennt die aus seiner Sicht Verantwortlichen für diesen Mord: neben Sefin seine älteren Brüder Jiro P. und Asan P.

Als um 22.26 Uhr die erste Polizeistreife eintrifft, etwa zehn Minuten nach den Schüssen, stehen Hunderte Gäste vor der Halle. Sie weinen, schreien, prügeln sich, einige werfen Flaschen zu Boden, es ist ein heilloses Durcheinander. Es dauert mehr als sechs Minuten, bis die Beamten sich bis zum Tatort durchgekämpft haben. Shilan hat keinen Puls mehr, ihre Arme sind blau angelaufen. Die Sanitäter, die fast zeitgleich mit der Polizei eintreffen, tragen sie in den Rettungswagen, nach acht Minuten registrieren sie plötzlich einen Pulsschlag.

Hamid steuert den Fluchtwagen, wie eine Funkzellenabfrage seines Handys später ergeben wird, über Rinteln, Bielefeld und Hamm in Westfalen weiter Richtung Süden. Wann genau Hamid aussteigt und zurück nach Hannover reist, ist nicht bekannt, fest steht nur, dass der Golf letztlich in Mailand gefunden wird. Hier verliert sich Sefins Spur. Bis heute.

Shilan lebt noch, als sie in die Unfallchirurgie der Medizinischen Hochschule Hannover, Station 73, eingeliefert wird. Das CT zeigt ein extrem angeschwollenes Hirn.

Ihr Bruder Hassen wartet vor dem Krankenhaus, das von Polizeikräften gesichert wird. Eine Stunde, zwei, die Nacht ist kalt, minus ein Grad, Hassen läuft auf und ab, raucht drei Schachteln Zigaretten, er hofft noch immer. Sein Vater ruft ihn an, Hassen, komm nach Hause, es hat keinen Sinn mehr. Aber Hassen will seine Schwester nicht gehen lassen. Nach drei Stunden kommt ein Polizist auf ihn zu. "Es tut mir leid."

In der jesidischen Gemeinde in Niedersachsen kursieren Gerüchte, Sefin sei in den Irak geflohen, in das Land seiner Ahnen. Andere sagen gegenüber der ZEIT, er verstecke sich in einem Flüchtlingslager in Griechenland. Monatelang gibt es kein Lebenszeichen von ihm, bis er sich am 30. Juli auf Facebook meldet. Er schreibt dort nicht nur, dass er ein Ehrenmann sei, glücklich über die Tat, er beendet seinen Eintrag mit den Worten: "Ihre ganze Familie wusste Bescheid." Ein Satz wie ein Giftpfeil. Auf Shilans Familie wirkt er, als könne Sefin einfach nicht genug kriegen. Als wolle er auf den Mord noch etwas draufsetzen, indem er sie zu Mitschuldigen erklärt.

Die Kriminalpolizei steht vor einer schier unlösbaren Aufgabe. Sie ermittelt in einem extrem verschlossenen Milieu. Dutzende Zeugen der Tatnacht wurden befragt, viele von ihnen verweigerten nicht nur der ZEIT, sondern auch den Beamten gegenüber die Aussage. Aus Angst, die Nächsten sein zu können, die in diesen Gewaltstrudel gezogen werden.

Die Staatsanwaltschaft Hannover hält sich bedeckt, verweist auf die laufenden Ermittlungen. Was eine Sprecherin aber sagt, ist, dass es keinerlei Anhaltspunkte dafür gibt, dass Shilans Kernfamilie in die Tat verwickelt sein könnte. Die Ermittlungen konzentrierten sich ausschließlich auf Sefin, wegen Mordes. Und auf seinen Cousin Hamid, wegen Strafvereitelung.

Der Sommer in Hannover hat seinen Höhepunkt erreicht, die Sonne brennt erbarmungslos. Rund um die Halle, in der Shilan getötet wurde, gibt es keinen Flecken Schatten. Hassen Hassen ist zum ersten Mal seit dieser Nacht wieder hier, an diesem Ort, der den schönsten Tag seines Lebens und den schlimmsten für immer verbinden wird. Denn genau dort, wo Shilan starb, heiratete er im Jahr zuvor seine Frau.

Hassen lässt sich auf einer Wiese gegenüber der Halle nieder. Er kämpft mit den Tränen, als er erzählt. Die Schüsse, die Schreie, die Verfolgung. Die Hunderten Trauergäste, die sich von ihrem aufgebahrten Leichnam verabschieden. Die verzweifelte Mutter, die nicht mehr aufhören kann zu weinen. Shilan, sagt er, ist als Sündenbock gestorben. Für den ganzen Hass in der Familie. Für den Neid, die Missgunst. All das habe sich in diesen drei Schüssen entladen. Sie sei doch unschuldig an alldem gewesen. "Diese Scheißkultur hat sie getötet."

Hassen hat, als die Familie noch im Irak lebte, seine kleine Schwester gewickelt. Da war er sechs Jahre alt. Er hat das Trinkwasser für ihren Brei abgekocht, hat den Topf bewacht, damit kein Tier hineinfliegt. "Ich wollte sie immer beschützen, aber ich habe es nicht geschafft." Vor neun Tagen, exakt ein halbes Jahr nach der Ermordung seiner Schwester, ist Hassen zum ersten Mal Vater geworden. Auch er will etwas fortführen, etwas Vergangenes in die Zukunft tragen, auf eine gute Art. Seine Tochter heißt Shilan.

*Namen von der Redaktion geändert