"Warum", so fragte EU-Parlamentspräsident Martin Schulz unlängst bei seiner Laudatio auf Kardinal Lehmann, "haben wir unseren Glauben an uns selbst verloren? Warum sind wir so verzagt geworden, wo wir doch so Großartiges erreicht haben? Warum hadern so viele mit dem politischen und gesellschaftlichen System, obschon es uns doch Frieden und Wohlstand gebracht hat?"

Schulz sprach von den Staaten Europas und von der Europäischen Union. Für die gilt, spätestens seit dem Brexit, der Gemeinplatz: Europa brauche ein neues Narrativ! Früher hätten die Menschen und Völker Europas noch verstanden, dass das Zusammenwachsen ihres Kontinents die richtige Konsequenz aus zwei verheerenden Weltkriegen sei. Das Narrativ war die Erzählung vom Lernen der Völker und dem Sieg des Friedens über rücksichtslose Konkurrenz und blutige Barbarei. Glaubt man den weitverbreiteten Narrativen über dieses Narrativ, so ist es inzwischen verblichen, und der erzählerische Motor Europas stottert nur noch vor sich hin. Ein neues Narrativ müsse her, um den europäischen Einigungsprozess fortzusetzen und den Sinn des Ganzen wieder offensichtlich zu machen.

Vermutlich wird die EU bald eine Werbe- oder eine PR-Agentur damit beauftragen; nicht anders machen es ja auch die politischen Parteien, wenn sie mit immer neuen Plastikslogans in den Wahlkampf ziehen und "Deutschland", "Mitte", "Verantwortung" und "Gerechtigkeit" mit naturidentischen Aromastoffen füllen. Und selbst wenn das Produkt am Ende rein synthetisch ist – waren es die Narrative von früher denn nicht auch? Ist die Europäische Union tatsächlich gemeinschaftlicher Ausdruck eines unbändigen Friedenswillens? Oder herrscht zwischen den EU-Staaten nicht aus drei ganz profanen Gründen kein Krieg mehr: weil es erstens in Europa keine Bodenschätze mehr gibt, um derentwillen sich ein Krieg lohnt und die Kriege deswegen im Nahen und Mittleren Osten oder in Schwarzafrika stattfinden? Weil sich zweitens Kriege in West-, Süd- und Nordeuropa militärisch nicht mehr gewinnen lassen und deswegen auch die Zustimmung der Bevölkerung nicht. Und weil wir drittens auf unserem Kontinent so wenige Kinder haben, dass ihr Wert für ihre Eltern den eines Heldentods fürs Vaterland weit übersteigt?

Zugegeben: Ein Narrativ ist niemals ein Abbild der Wahrheit. Und "Narrativ" und "naiv" trennen nur vier Buchstaben. Und doch scheint, wenn allerorten der Verlust des Narrativs beklagt wird, tatsächlich etwas zu fehlen oder zu schwinden. Etwas, was der EU eine andere Farbe geben könnte als das Sternengold der Händler vor einem blauen Himmel, in den kaum jemandes Träume mehr wachsen. Doch warum gedeiht dieses "andere des Kommerzes" nicht mehr? Was ist falsch am europäischen Nährboden, so falsch, dass er sich mit Sonntagsreden nicht mehr düngen lässt?

Die plausibelste Antwort darauf ist 180 Jahre alt, sie findet sich im ersten der beiden Bände, die Alexis de Tocqueville über die Demokratie in Amerika schrieb. Was der kluge junge Adelige in den USA, der Vorzeigedemokratie des frühen 19. Jahrhunderts, im Jahr 1835 diagnostizierte, unterscheidet sich wenig von Martin Schulz’ heutiger Diagnose: uninteressierte Bürger, ein Volk von Händlern, nicht mit dem Gemeinwohl beschäftigt, sondern mit sich selbst. Je stärker der Wohlstand steigt, umso unpolitischer die Menschen. Und je unbegrenzter der Liberalismus schaltet und waltet, umso blasser das politische Bewusstsein der Bürger. Am Ende, so prophezeite Tocqueville, werde die Demokratie ausgehöhlt sein. Die Bürger verzichteten auf ihre Beteiligung, und der Staat wandelt sich zu einer alles erfassenden Wohlfühldiktatur, ästhetisch egalitär, politisch totalitär und bestechend smart.

Diese Wohlfühldiktatur der Zukunft ist nicht die EU, wie manch verirrter Brite oder Deutschnationalist zu glauben scheint. Es ist die Diktatur der Daten-Cloud, die Herrschaft digitaler Imperien, die uns in atemberaubendem Tempo unsere Freiheit abkauft und uns in einer Matrix einlullt. Doch dies ist nicht das Thema. Das Thema ist, warum es wohl so kommen wird. Warum lassen wir diese Entwicklung überhaupt zu?

Vielleicht ganz einfach deswegen, weil wir selber von ihr erfasst sind. Liberales Wirtschaften und funktionierende Demokratie sind heute in Europa untrennbar miteinander verbunden, so untrennbar, dass wir uns das eine ohne das andere kaum vorstellen können. Doch bilden sie mitnichten jene viel beschworene harmonische Einheit. Der grenzenlose Kapitalismus, durch nichts gebremst, hat nicht nur Markennamen auf unsere Wäsche gestanzt: Bis in die feine Unterwäsche unseres Bewusstseins hat er unsere Staatsbürgerschaft gelöscht und uns zu Kunden, Konsumenten und Usern gemacht.