Wie aufgepeitschte Wellen schieben sich die Posaunen-Fortissimi heran. Dunkel, bedrohlich nehmen auch die Waldhörner Fahrt auf, steigern sich in ein flackerndes Furioso. Große Orchester-Emotionen – denen ein knappes "Thank you!" abrupt den Stecker zieht. Alles okay, bedeutet der Aufnahmeleiter hinter seinem meterlangen Mischpult und blättert in der Partitur. Wieder ein paar Takte im Kasten. Und weiter geht’s mit der Aufzeichnung der nächsten Sequenz, die schon bald, verwoben zum opulenten Klangteppich für eine Ballettshow, auf Tournee durch China gehen soll.

Den Auftraggebern aus dem Reich der Mitte steht eher nicht der Sinn nach Billig-Sound: Der Mann, der im Regieraum mithilfe von Hunderten Reglern und zweier Toningenieure am perfekten Klang tüftelt, ist Dennis Sands, Hollywood-Tonmeister der ersten Garnitur. Knapp 250 Filme, darunter Forrest Gump und Terminator, tragen den Stempel des US-Amerikaners. Die Musiker, die heute das Blech schmettern lassen, spielen im Hauptberuf für die großen Wiener Ensembles. Philharmoniker, Kammerorchester, ORF-Radiosymphonie.

Nur einen scheint das Gewese im Regieraum, die kurzen Zurufe der Sound-Spezialisten, die gefühlt endlos wiederholten Klangschnipsel, die über die Lautsprecher hereinfluten, nicht zu kümmern: Herbert Tucmandl. Konzentriert, in jede einzelne Note vertieft, sitzt der 50-Jährige, ein ruhiger, geerdeter Typ, etwas abseits und blickt durch ein schaufenstergroßes Glasgeviert hinunter auf die Musiker. Mitten hinein in seinen Traum von der weltweit besten Aufnahmehalle für Filmmusik: die Wiener Synchronhalle.

Knapp zehn Millionen Euro hat der Unternehmer, der mit dem Aufbau und Vertrieb eines mehrere Millionen Töne umfassenden digitalen Archivs groß geworden ist, in die Renovierung der Halle gesteckt und sie zu einem Highend-Studio ausgebaut. Eine gigantische Wette auf die Zukunft.

Vor ein paar Jahren noch war das fahlgelbe Gebäude auf dem Areal der Rosenhügel-Filmateliers in Wien-Liesing ein Abrissobjekt. Heute geben Kunden für einen Produktionstag mit einem mittleren Orchester samt Technik etwa 20.000 Euro aus, reisen Hollywoodgrößen wie Conrad Pope, der Komponist der Hobbit-Trilogie, oder das Team von Oscarpreisträger Hans Zimmer an, um potenzielle Blockbuster mit wuchtigem Orchesterklang aufzuladen. Wenn etwa im Oktober Dan Browns Romanverfilmung Inferno anläuft, ist die Filmmusik "made in Liesing".

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 40 vom 22.9.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Sie alle kommen nicht zuletzt wegen der besonderen Klangcharakteristik, die diesem unscheinbaren Zweckbau eingepflanzt wurde. "Für Filmmusik ist das einfach der ideale Raum", meint Dennis Sands während einer Pause. "Dass die das damals so gut hinbekommen haben, ist unglaublich", sagt Herbert Tucmandl.

Damals, das war im Frühjahr 1942 – und die gerade fertiggestellte Synchronhalle sollte ein "Monumentalbau deutscher Baugesinnung" sein. So tönte Architekt Hans Frieß, der nicht nur ein – was Klang und Aufnahmequalität betraf – einzigartiges Tonstudio errichtet hatte, sondern nicht zuletzt den Auftraggeber, NS-Propagandaminister Joseph Goebbels, zu verzücken wusste.

Schon vor dem Anschluss Österreichs im März 1938 hatte der Oberspielleiter des "Dritten Reichs" eine Tarnfirma beauftragt, Anteile an den Filmgesellschaften im Ständestaat zu erwerben. Besonders eifrig ging man bei der im Besitz der jüdischen Brüder Pilzer befindlichen Tobis-Sascha-Filmindustrie vor, zu der auch die Rosenhügel-Ateliers gehörten. Bereits 1937 wurden die Eigentümer aus dem größten Filmunternehmen des Landes gedrängt.

Einst wurden die Durchhalte-Schmonzetten der Nazis in der Halle mit Musik untermalt

Kurz nach dem Einmarsch der Nazitruppen ging die Tobis-Sascha in der Wien-Film, einem der Reichsfilmkammer unterstellten Produktionskonglomerat, auf und war damit Teil von Goebbels’ Propagandamaschinerie. Und Hitlers Chef-Demagoge hatte Großes vor: Er gedachte, Wien zur Filmmetropole auszubauen. Gemeinsam mit den Ateliers in Sievering und Schönbrunn sollten vor allem die Studios in Liesing den Nachschub an leichter Unterhaltung, vor allem süßlich-seichten Operettenfilmen, sichern. Im Jahr 1939 begann man mit dem Um- und Ausbau sowie der Errichtung der Halle 6, der Synchronhalle. Insgesamt 4,7 Millionen Reichsmark flossen in die Traumfabrik, die – den Plänen zufolge – nicht nur über einen U-Bahn-Anschluss, sondern über eine eigene Flugzeuglandebahn verfügen sollte, um die Ufa-Stars aus jedem Winkel des Reichs einzufliegen.

Doch drohender Lärm und Vibrationen vertrugen sich wenig mit den schwierigen Aufnahmebedingungen in jenen Tagen. Bloß eine einzige Tonspur stand für Musik und akustische Spezialeffekte zur Verfügung, Orchester und Geräuschemacher waren gezwungen, ihre Beiträge live und bildsynchron zu dem auf einer Leinwand vorgeführten Film einzuspielen. Diese Großstudios mussten zudem eine exzellente Akustik aufweisen, war doch der Qualitätsverlust bei den Aufzeichnungen enorm. Absoluter Schallschutz galt also als oberstes Gebot, eine Aufgabe, für die Oberingenieur Hans Frieß eine außergewöhnliche Konstruktion ersann: ein Raum-in-Raum-System, die erste völlig entkoppelte Halle der Welt.