Im September 2000 verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen feierlich die sogenannten Millennium Development Goals – einen Katalog mit acht Entwicklungszielen, die die Welt ein bisschen besser machen sollten. Wichtigster Punkt: die Halbierung des Anteils der Armen an der Weltbevölkerung bis zum Jahr 2015. Das Ziel wurde schon 2010 erreicht – fünf Jahre früher als vorgesehen.

Zahlen wie diese offenbaren den blinden Fleck der Ungleichheitsdebatte. Die Erzählung vom Niedergang der Mittelschicht und dem Anstieg der Armut ist in ihrem Kern von einer westlichen Sicht der Dinge geprägt. Für einen großen Teil der Menschheit hingegen gilt: Die Welt ist heute materiell betrachtet in einem besseren Zustand als in der vermeintlich guten alten Zeit.

Beispiel China: Noch im Jahr 1980 lebten dort so viele absolut Arme wie in keinem anderen Land der Erde. Nach offizieller Definition sind das Menschen, die – um die Schwankungen der Kaufkraft bereinigt – mit weniger als 1,90 US-Dollar am Tag auskommen müssen. Seither ist die Armutsquote von damals 84 auf heute nur noch rund zehn Prozent der Bevölkerung gesunken. Fast 700 Millionen Chinesen haben die Armut überwunden. Das sind mehr Menschen, als in den Mitgliedsländern der Europäischen Union leben.

China ist wegen seiner hohen Wachstumsraten ein Sonderfall, aber andere Länder ziehen nach. In Indien, in Vietnam und sogar in afrikanischen Ländern wie Ghana oder dem Senegal sind die Armutsraten ebenfalls gesunken, während sich die allgemeinen Lebensverhältnisse verbessert haben. Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Senegalesen betrug im Jahr 1980 48,9 Jahre, inzwischen sind es 66,4 Jahre. Ein Inder, der heute auf die Welt kommt, wird im Schnitt zehn Jahre älter als ein vor dreißig Jahren geborener.

Einmal jährlich veröffentlicht die Poverty and Human Development Initiative der Universität Oxford einen Bericht zur Lage der Weltbevölkerung. Die Forscher untersuchen auch weichere Faktoren des Wohlstands wie den Zugang zu Schulen, die Qualität der medizinischen Leistungen oder die Versorgung mit Strom und Trinkwasser. Die neueste Auswertung der Daten ergibt: In Afrika sind nach dieser umfassenderen Definition 56 Prozent der Bevölkerung oder 544 Millionen Menschen arm. Aber: In 30 von 35 beobachteten afrikanischen Ländern sei die Armut "signifikant reduziert" worden.

Absolut betrachtet, sind die weltweiten Wohlstandsunterschiede zwar immer noch enorm. Das Pro-Kopf-Einkommen in Indien beläuft sich auf 1.500 US-Dollar jährlich, in den Vereinigten Staaten sind es 55.000 US-Dollar. Untersuchungen der Weltbank zeigen: Ein durchschnittlicher Niedriglöhner in Dänemark ist reicher als ein durchschnittlicher Spitzenverdiener in Uganda. Und der ökologische Kollateralschaden des rasanten Wirtschaftswachstums in den Schwellenländern nimmt ständig zu: In vielen chinesischen Städten ist saubere Luft zum knappen Gut geworden. Dennoch könnte es der Menschheit erstmals in ihrer Geschichte gelingen, die Armut zu besiegen. In China wird Schätzungen zufolge schon Ende dieses Jahrzehnts kein Mensch mehr mit weniger als 1,90 Dollar am Tag auskommen müssen.

Es geht voran

*Mit einem Einkommen von weniger als 1,90 Dollar (kaufkraftbereinigt) pro Tag nach Definition der Weltbank

Quelle: Weltbank © ZEIT-Grafik

Die historische Bedeutung dieses Befunds macht erst der Blick zurück deutlich. Die Menschheit war die meiste Zeit ihrer Geschichte bitterarm. Der Lebensstandard der breiten Massen hatte sich bis in die Neuzeit hinein kaum verändert. Der britische Bevölkerungswissenschaftler Thomas Malthus war noch im späten 18. Jahrhundert davon überzeugt, dass die unteren Schichten "allzeit zu Mangel und Elend" verurteilt seien, weil die Nahrungsmittelproduktion nicht mit dem Bevölkerungswachstum Schritt halten könne.

Das änderte sich mit der industriellen Revolution, die die Welt ökonomisch betrachtet in zwei Hälften teilte: In den westlichen Industrienationen explodierte der Wohlstand der einfachen Arbeitnehmer, was es unter anderem ermöglichte, großzügige Sozialtransfers zu finanzieren. Dagegen blieben die meisten Menschen in den Entwicklungsländern, was sie vorher waren: arm.