Hat Deutschland nach der großen Öffnung vor einem Jahr seine Grenzen heute wieder unter Kontrolle? Ja, sagt die Bundesregierung, das hat sie. Stimmt nicht, erwidert die CSU. "Es gibt faktisch keine Grenzkontrollen", behauptete der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer kürzlich auf einer CSU-Tagung. Man könne einen Kleinbus mit getönten Scheiben stundenlang hin und her über die Grenze fahren lassen, ohne dass er von der Bundespolizei kontrolliert werde.

Was stimmt nun? Gibt es Grenzkontrollen – und wenn ja, wie intensiv sind sie?

Die ZEIT hat in Bayern recherchiert, beim Bundesinnenministerium und bei der Bundespolizei, die für die Kontrolle der Außengrenzen zuständig sind. Das Ergebnis: Es wird kontrolliert, aber nur ein bisschen. Jedenfalls verstehen die Sicherheitsbehörden unter Kontrolle etwas anderes, als die meisten Bürger sich darunter vorstellen dürften: Nur drei der 67 Straßen zwischen Deutschland und Österreich werden permanent überwacht. Fest installierte Kontrollstellen gibt es nach Angaben der Bundespolizei derzeit auf der A 8, der A 93 und der A 3. Dort müssen Fahrzeuge ihr Tempo auf bis zu zehn Stundenkilometer drosseln, einzelne Wagen werden überprüft. Allerdings sind auch diese drei Kontrollstellen bisweilen unbesetzt. Zwar nur in Ausnahmefällen, wie ein Sprecher der Bundespolizei in München sagt. Aber wie häufig diese Ausnahmen sind, möchte er nicht sagen. Man wolle Schleusern keine Tipps geben.

Auf allen anderen 64 grenzübergreifenden Straßen setzen die Behörden auf "punktuelle" Kontrollen. "Dies ist aus einsatztaktischen Gründen sinnvoll und geboten, sodass die polizeilichen Kontroll- und Fahndungsmaßnahmen für Schleuser und illegale Migranten unvorhersehbar bleiben", so ein Sprecher des Bundesinnenministeriums. Zum Umfang dieser Kontrollen möchte die Bundespolizei nichts sagen. In vielen Fällen seien die Kontrollen aber gar nicht sichtbar, da die Beamten häufig Zivilfahrzeuge nutzten, um weniger aufzufallen. Zudem setze man auf Schleierfahndungen: Dabei überprüfen Polizisten Fahrer verdachts- und anlassunabhängig in einem Gürtel von bis zu 30 Kilometer Entfernung zur Grenze.

Der bayerischen Staatsregierung geht das nicht weit genug. Ein Sprecher des bayerischen Innenministeriums sagt: "Wir möchten, dass jeder, der ein- oder ausreist, von der Polizei angeschaut und, wenn er auffällig erscheint, überprüft wird." Und zwar auf allen Straßen, die Deutschland und Österreich verbinden. Entlang der grünen Grenze müsse man die Schleierfahndung intensivieren.

Das Bundesinnenministerium sieht dazu keinen Anlass. Im Gegenteil: Seit Februar wurden immer mehr Bundespolizisten von der deutsch-österreichischen Grenze abgezogen, 700 sind es derzeit noch. Grund dafür sei die deutlich zurückgegangene Zahl von Asylsuchenden. Effizient seien die Kontrollen dennoch. Zwischen Januar und Juli 2016 habe es rund 12.000 "Zurückweisungen" an der deutsch-österreichischen Grenze gegeben, so das Bundesinnenministerium. Wie viele Menschen in diesem Zeitraum insgesamt überprüft wurden, will die Bundespolizei nicht sagen.

Die Grenzkontrollen sollen vorerst noch bis November aufrechterhalten werden. Danach muss Bundesinnenminister Thomas de Maizière entscheiden: Verlängert er die Grenzkontrollen nicht, kann er sich auf Protest aus Bayern einstellen. Aus dem dortigen Innenministerium heißt es: "Wir drängen darauf, die Grenzkontrollen auch über November hinaus zu verlängern. Und zwar so lange, bis der Schutz der EU-Außengrenzen wieder gesichert ist."