Eigentlich sollte über diesem Artikel "Ein Leben zwischen Vernissage und red cups" stehen. Red cups für die billigen Plastikbecher, in denen auf amerikanischen Volksfesten Alkohol serviert wird. Sie hatte diese Zeile noch hastig hingeschrieben, im Zug, Richtung Berlin.

Ronja Zschoche alias Haiyti.

Eine Hamburgerin auf dem Weg in die Hauptstadt. Eine Rapperin auf dem Sprung in die große, alle Genre-Regeln und Image-Passepartouts überschreitende Karriere.

"Ich verkaufe scharfe Waffen, also mich", noch so ein Satz, den sie auf einen Fetzen Papier kritzelt, irgendwo zwischen Wittenberge und Spandau. "Hier, für deinen Text." So leicht fängt man sich eine Überschrift ein.

Vermutlich hätte sie auch dieses Porträt verfasst, wenn man sie gelassen hätte, aber dann wäre ein Rap daraus geworden. Jede Strophe ein Faustschlag, jedes Wort ein Hieb.

Diese Frau arbeitet schnell und hart, und das muss auch so sein, weil sich der deutsche Hip-Hop nicht einfach ergibt. Man muss ihn austricksen, überwältigen, an den Rändern überholen, damit daraus etwas Neues, von den Gangster- und Bling-Bling-Posen Befreites entsteht. Eine neue, aufregende Form von Pop.

Ronja Zschoche, 23 Jahre alt (mutmaßlich, sie verrät es nicht, und ihre Clique aus Kleinganoven, Rappern und Sprayern hält dicht), Kunststudentin an der Hochschule für Bildende Kunst, hat den Job übernommen: dem deutschen Rap so lange die Fresse zu polieren mit vor Wut, Wehmut und Witz zitternden Versen, bis er anders klingt. Nicht mehr frauenfeindlich und dumpf und eskapistisch derb, nicht mehr wie die marktgängigen Hymnen aufs Prekariat und dessen Aufstiegsträume. Sondern wie eine Form von Literatur.

Expressionismus für die Generation YouTube.

Die sogenannte Szene hat das schon begriffen. Haiytis Videos werden herumgereicht wie Kostbarkeiten aus dem medialen Schrein einer entstehenden Avantgarde. Ihre Songs zirkulieren bei Hipstern und Designern als Klingelton. Sie tritt überall auf, wo es cool ist und künstlerisch wertvoll, auf Kampnagel, beim Dockville, am kommenden Samstag beim Reeperbahn Festival.

Und natürlich hat auch die Industrie Witterung aufgenommen: Zwei große Labels haben Angebote vorgelegt. Es gilt, dabei zu sein beim Siegeszug dieser kleinen, drahtigen Frau mit dem widersprüchlichen Image – macht Hip-Hop, klingt aber nach Nina Hagen, gemischt mit Falco und Haftbefehl. Sieht aus wie ein französischer Filmstar aus den Siebzigern und läuft herum wie ein Lude vom Kiez, mit diesem rollenden Mackergang, als müsse sie mit jedem Schritt beweisen: Die Welt gehört mir.

22.30 Uhr, Ankunft in Berlin. Ihr Konzert im Club Musik und Frieden ist angesetzt für drei Uhr, vorher geht es ins Studio. Sie singt Verse ein für ein Stück ihres besten Freundes, Joey Bargeld. Ein Typ mit "Hass"-Tattoo auf dem Nacken, und wenn er sich dann umdreht, einen anschaut, fragt man sich, wie das gehen kann, so viel Schwermut und Milde in einem Blick. Und so ist auch der Song, eine Coverversion von Freunde sind Friends von Fraktus. Der Beat tröpfelt traurig aus den mannshohen Boxen und dazu der Text: "In meinem Nebel aus Graun / holt die Angst mich ein / plötzlich ein Signal / ich bin nicht allein."

Haiyti schreibt, nach zehn Minuten ist ihr Refrain fertig. Sie steht in der Aufnahmekabine, ein zerknautschtes Papier in Händen. "Hör auf zu träumen / wir sind noch nicht mal Freunde", lautet ihr Part in diesem Liebeslied. "Lass mich in Ruhe!"

Auch diesen Song zerstückelt sie mit dem bereits legendären "Uaargh!". Im Jargon heißt das "ad lib", ein akustisches Kürzel, das einen Sänger oder Rapper auszeichnet. Bei James Brown war es ein hingebelltes "Hit me!", beim Hip-Hop-Superstar Jay-Z ist es nur ein knapper, schnarrender Lacher. Und hier eben "Uaargh", eine Art Würgegeräusch, Welt- und Erkenntnisekel, zusammengeschnurrt in einer einzigen Silbe.