Jeremy Corbyn pflügt durch die Masse der Wartenden wie ein Schwimmer, der durch ein aufgepeitschtes Meer krault. Menschen schütteln ihm die Hand, berühren seine Schulter, drücken ihm rote Rosen und Teddybären in die Arme. Dreihundert Menschen empfangen ihn im Vereinshaus der Bergarbeiter-Gwerkschaft des nordenglischen Städtchens Barnsley. Dreihundert weitere harren vor der Tür aus. Corbyn, Chef der britischen Labour-Partei, lässt sich von der Woge auf das Podium tragen und nimmt dort Platz, wo er sich am wohlsten fühlt: ganz links außen.

Mit ihrer gewölbten Decke, den roten Stoffbannern und den heroischen Darstellungen von Kohlekumpeln wirkt die Halle wie eine Kulisse aus den siebziger Jahren. Doch Corbyn ist für seine Unterstützer ein Versprechen für die Zukunft. Er gibt ihnen den Optimismus zurück, der verloren schien, seit Margaret Thatcher ihnen Mitte der achtziger Jahre ihre Gruben, ihre Arbeit und ihre Würde nahm. Kein anderer Politiker in diesem Land bewegt so viele und so unterschiedliche Menschen wie dieser unauffällige weißhaarige Mann. Seit der ewige Hinterbänkler vor einem Jahr überraschend zum Labour-Vorsitzender gewählt wurde, hat sich die Mitgliederzahl der Partei auf 640.000 verdreifacht.

Während Sigmar Gabriel immer öfter betonen muss, dass seine SPD noch Volkspartei sei, und der französische Sozialist François Hollande mit jeder Woche unbeliebter wird, hat Jeremy Corbyn ein Wunder vollbracht: Er hat Labour zur mitgliederstärksten Partei Europas gemacht. Nun will er auch an ihrer Spitze bleiben: Seine Partei stimmt in einer Urwahl zwischen ihm und einem moderaten Kandidaten ab, am Samstag wird das Ergebnis verkündet.

Wie hat dieser Mann das in diesen wirren Brexit-Zeiten geschafft? Wie reagiert die Partei-Elite auf seinen Linkskurs? Wie hält er es mit Europa? Und wieso begeistert er mit seinen 67 Jahren ausgerechnet junge Menschen so sehr?

In einem Film könnte Corbyn, geboren 1949 im südenglischen Chippenham, wahlweise den netten Onkel oder den zerstreuten Literatur-Professor spielen: immer zu spät, immer in denselben braunen Tretern. Oft wird er mit dem 75-jährigen amerikanischen Sozialisten Bernie Sanders verglichen, doch im Gegensatz zu ihm hat Corbyn eine Partei übernommen. Alte Freunde beschreiben ihn als jemanden, der schon immer Vegetarier war, jede noch so kleine Kampagne unterstützte und abends lieber Flugblätter kopierte statt im Pub zu trinken.

Die Themen, für die er auf die Straße ging, lesen sich wie eine Archivübersicht von Amnesty International: Stoppt den Vietnamkrieg, Schafft die Apartheid ab, Nieder mit Thatcher, Freiheit für Palästina, Gleiche Rechte für Schwule und Lesben, etcetera. Als seine zweite Ehefrau – ein Flüchtling aus Chile – den gemeinsamen Sohn auf eine Privatschule schicken wollte, protestierte er erbittert. Die beiden ließen sich scheiden. Vielleicht ist es dieser Rigorismus, der heute viele Briten an Corbyn fasziniert.

Corbyn, seit 1983 Abgeordneter, hält noch heute an den Positionen fest, für die er seit Jahrzehnten auf die Straße geht: Er glaubt, dass Bahn, Strom– und Wasserversorgung wieder verstaatlicht werden sollten. Er will die Studiengebühren abschaffen und die Steuern für Reiche erhöhen. Er betrachtet die USA als imperialistisch und Israel als Besatzungsmacht. Er will die britischen Atomwaffen abschaffen und fordert eine Welt ohne Krieg. Er ist, kurz gesagt, gegen fast alles, was man heutzutage unter Realpolitik versteht.