"Der Jobwechsel ist eine der emotionalsten Entscheidungen überhaupt", sagt Gerhard Roth, renommierter Neurobiologe und Professor am Institut für Hirnforschung an der Universität Bremen. Sich beruflich zu verändern sei nicht nur eine Frage von Gehalt und Renommee; man verlasse die Kollegen, das gewohnte Umfeld. Emotionale Entscheidungen werden überwiegend nicht im Stammhirn getroffen – dort, wo der Verstand sitzt –, sondern deutlich tiefer im Gehirn, dort, wo Gefühle und Motive entstehen.

Warum wir bei Veränderungen oft einen Rückzieher machen und im Leben gern beim Alten bleiben, erklärt Roth mit einem neurobiologischen Vorgang: Lernen und sich auf etwas Neues einstellen verbrauche sehr viel Energie. "Daher versucht das Gehirn permanent, Dinge zu automatisieren – und belohnt Routine mit der Ausschüttung von Belohnungsstoffen." Die Angst, dass diese Belohnung aussetze, sei groß. "Dafür nimmt man auch Unzufriedenheit in Kauf." Ähnliches belegt die nobelpreisgekrönte wirtschaftswissenschaftliche "Neue Erwartungstheorie" der israelischen Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky von 1979: Der Mensch scheut den Verlust mehr, als er den Gewinn schätzt.

Deshalb fährt Christina Schwarz mit ihrem Golf noch immer fast jeden Morgen den Weg quer durch Hamburg zur Agentur. Obwohl ihr Team immer kleiner und die Arbeit immer mehr wird. "Am schlimmsten sind die Tage, an denen ich bei meinem Chef Probleme anspreche", sagt sie. "Ich schaue in sein Gesicht und weiß: Es wird sich nichts ändern." Dann sucht sie im Internet während der Arbeitszeit nach Stellenangeboten. Auf ein paar hat sie sich sogar beworben, meist halbherzig. "Ich habe hier eben gute Konditionen: Sicherheit, ein gutes Gehalt, ein gutes Standing. Und viele der Kollegen sind auch nett. Wer weiß, ob das woanders noch mal so wird." Sie ist beliebt bei den Kollegen und will auch den Status, den sie sich erarbeitet hat, nicht einfach aufgeben.

Bei ihren Eltern meidet Schwarz das Thema. Mutter und Vater haben in ihrer beruflichen Laufbahn nur von einem Arbeitgeber Gehalt bekommen und verstehen das Problem nicht. Die meisten Freunde reden Christina Schwarz gut zu. "Du bekommst doch überall was." So vergehen die 60-Stunden-Wochen. Und die Jahre.

Martin Sauerland, Wirtschaftspsychologe an der Universität Landau und Autor des Buches Design your mind, hält dieses Verhalten für typisch. "Das Vorhaben, den Job zu wechseln, ist bei vielen ähnlich ernst zu nehmen wie der Neujahrsvorsatz", sagt er. "Eines der Probleme: Für den Wechsel gibt es keinen festen Zeitpunkt. Deshalb wird die Entscheidung immer wieder vertagt." Die Unzufriedenheit sei oft diffus, und teilweise habe das Jammern auch eine Funktion: Man will sich beruhigen lassen.

In einer Studie des Meinungsforschungsinstituts Forsa vom Januar 2016, die im Auftrag des Online-Businessnetzwerks Xing erstellt wurde, geben 35 Prozent der befragten Arbeitnehmer an, noch in diesem Jahr den Job wechseln zu wollen. Laut einer Statistik des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung wechseln hierzulande pro Jahr aber nur 3,4 Prozent der Beschäftigten.

Ob die Entscheidung fällt, ist meist eine einfache Rechnung, sagt Martin Sauerland: Nachteile des aktuellen Jobs plus Vorteile des neuen Jobs versus Vorteile des aktuellen Jobs plus Nachteile des neuen Jobs. Der Hirnforscher Gerhard Roth hält den Blick in die Zukunft ebenfalls für hilfreich. "Man muss sich ganz konkret die Vorteile und Belohnungen der neuen Option vor Augen führen und Veränderungsängste, die in jedem von uns stecken, aktiv bekämpfen." Welcher Vorteil der emotional ansprechendste ist, das ist individuell. Laut der Forsa-Umfrage steht für 98 Prozent der Erwerbstätigen jedoch die positive Arbeitsatmosphäre über allem. Das Gehalt folgt auf Rang drei, nach dem Verhalten der Vorgesetzten.

Mia Richter*, 31, hat ihren Arbeitgeber schon mehrfach gewechselt. "Meine Freunde haben immer über mich gelacht und gesagt: Die hat immer eine Bewerbung offen." Meistens stimmte das auch. Richter, flattriges Sommerkleid, schwarze Ballerinas und Pferdeschwanz, sieht eher nach einer Studentin als nach einer Bankerin aus. Ihr Lachen ist charmant, und sie lacht oft. Sie isst gesund, geht viermal in der Woche laufen, im vergangenen Jahr hat sie bei einem Triathlon mitgemacht. Richter ist perfektionistisch, ohne verbissen zu wirken – auch wenn sie schon mal ein paar Tage braucht, um sich zu entscheiden, was sie bei der Hochzeit einer Bekannten trägt.