DIE ZEIT: Herr Trittin, was bedeutet die Wahl in Berlin für die Bundespolitik?

Jürgen Trittin: Der Gedanke, dass es auch Regierungen ohne die CDU geben kann, erwacht plötzlich wieder zu neuem Leben.

ZEIT: Rot-Rot-Grün war jahrelang völlig undenkbar – plötzlich ist es eine Option für den Bund. Was ist da passiert?

Trittin: Derzeit gibt es im Bundestag bloß rechnerisch eine rot-rot-grüne Mehrheit. Aber in der Bevölkerung ist das anders: 2013 stimmten 52 Prozent für Parteien rechts der Mitte. Diese Mehrheit ist bei den Landtagswahlen sichtbar größer geworden. Deutschland rutscht nach rechts.

ZEIT: Sie verblüffen uns: Sie haben doch immer für Rot-Rot-Grün gekämpft. Warum jetzt so defensiv?

Trittin: Politik beginnt mit der Betrachtung der Wirklichkeit. Wir Grüne wollen Marktkräfte sinnvoll nutzen und gleichzeitig den Markt durch Regulierung gestalten. Wenn man Ökologie nicht biologisch definiert, sondern vom Menschen ausgehend, dann ist sie eine Frage von Gerechtigkeit – zwischen den Generationen, zwischen Nord und Süd. Das ist eher links. Deswegen haben wir mehr Überschneidungen mit der SPD als mit der CDU. Aber aus dieser Konstellation ergeben sich im Moment keine Mehrheiten.

ZEIT: Wäre das Hauptproblem für ein rot-rot-grünes Bündnis nicht die Außenpolitik? Die Linken wollen raus aus der Nato, sie wollen sich nicht an Militäreinsätzen beteiligen.

Trittin: Das ist allerdings ein Problem. Wir Grüne sind gegen leichtfertige Militärinterventionen. Aber wir sehen, was von Europa und damit auch von Deutschland erwartet wird. Europa soll vor der Globalisierung schützen. Und Europa soll den Bürgern Sicherheit bieten. Dazu gehört, dass wir mit der Instabilität in unserer Nachbarschaft umgehen – gerade wenn sie durch falsche Interventionen wie in Libyen ausgelöst wurde. Deswegen leisten wir zum Beispiel einen Beitrag zu dem UN-Einsatz in Mali. Ich kann mir keine Bundesregierung vorstellen, die das rückgängig macht.

ZEIT: Undenkbar, dass die Linke ihre Position ändert?

Trittin:Die Linke ist in scharfer Abgrenzung zur SPD gegründet worden. Also braucht sie ein Unterscheidungsmerkmal, um ihre politische Existenz zu rechtfertigen. Das ist die aus Parteiinteresse, weniger aus Pazifismus, hochgehaltene Ablehnung jeglicher Militäreinsätze. Aber wer politisch links ist, wer den Primat der UN hochhält, der muss Verantwortung übernehmen. Die Linke kann also entweder politisch einflusslos bleiben, oder sie korrigiert ihre Positionen. Das aber mindert die Unterscheidbarkeit zur SPD. Das ist ihr Dilemma, und das wissen alle Beteiligten.

ZEIT: Also doch Schwarz-Grün?

Trittin: Die Union steht vor einem ähnlichen Dilemma. Mich muss niemand überzeugen, dass man mit der CDU oder der SPD koalieren kann – beides habe ich in meinem Wahlkreis schon gemacht. Aber im Bund müssen wir von Schwarz-Schwarz-Grün sprechen. So wie man die SPD nicht ohne die Linkspartei bekommt, bekommt man die CDU nicht ohne Horst Seehofer. Die Zeiten der Zweierbündnisse sind vorbei.

ZEIT: Sie meinen, Schwarz-Grün würde an der CSU scheitern?

Trittin: Bei Rot-Rot-Grün ist eine Minderheit der Linken dagegen, bei Schwarz-Schwarz-Grün die Mehrheit der CSU. Sie hat ein Interesse: die Alleinregierung in Bayern. Das ist ihr Alleinstellungsmerkmal. Aus Sicht der CSU: Würde man nächstes Jahr ein Bündnis mit den Grünen eingehen, verlöre die CSU bei der Landtagswahl 2018 auf zwei Seiten Wähler, an die AfD und an die Grünen. Die CSU ist vielleicht die letzte echte Volkspartei, die wir noch haben. Die Kanzlerin wird nicht für Schwarz-Schwarz-Grün die Einheit der Union aufs Spiel setzen. Deshalb frage ich mich, woher manche die Überzeugung nehmen, es laufe alles auf Schwarz-Grün zu.

ZEIT: 2013 soll es an Ihnen gescheitert sein.

Trittin: Eine Union, die Klimaschutz wegen Kohle und BMW verweigert, die weiter daran festhält, den Süden Europas kaputtzusparen, und Investitionen in Bildung blockiert, wollte wohl nicht mit den Grünen koalieren. Da war die SPD bequemer.