Gewöhnlich kommt es aus heiterem Himmel. Ein heiterer Himmel zeigt sich hier in Norddeutschland vorzugsweise bei Ostwind. Und Ostwind, das heißt in Wedel, dass der Wind aus der Richtung des alten Kohlekraftwerks weht. Neuerdings bringt er so manches mit.

Im August hat die ZEIT schon kurz davon berichtet: Anwohner des Kraftwerks klagen über grün- und gelbliche Flocken, deren Rückstände sich von ihren Autos und Glasdächern kaum entfernen lassen. Vattenfall, der Betreiber des Kraftwerks, bezahlte Autowäschen oder schickte Reinigungstrupps vorbei. Damals schien es sich um ein einmaliges Ereignis zu handeln, entstanden "beim Wiederanfahren nach der diesjährigen Revision", wie Vattenfall mitteilte.

Das Kraftwerk in Wedel, dem Elbuferstädtchen am Hamburger Westrand, ist über 50 Jahre alt, ein ineffizientes, umweltschädliches Relikt einer Zeit, die Umweltschutz als Thema der Politik kaum kannte. Lärm, Kohlestaub von der offenen Halde, immer wieder mal weiße Partikel auf Autos und Gartenmöbeln – all das ist für die Nachbarn längst normal. Die neue Sorte Niederschlag allerdings hat in vieler Hinsicht auch eine neue Qualität, und inzwischen scheint es, dass die Bewohner des Wedeler Ostens sich auch daran werden gewöhnen müssen. Vattenfall hat "eine Arbeitsgruppe eingesetzt", um das Phänomen zu erforschen. "Wir bedauern den Partikelausstoß und die damit verbundenen Unannehmlichkeiten", teilt das Unternehmen mit. Für das nächste Jahr seien Umbauten am Schornstein der Anlage geplant, "um einen derartigen Auswurf künftig zu vermeiden".

Ein Jahr im grünen Geriesel? Es mag schlimmere Zumutungen geben, und wer im Schatten der Bitterfelder Chemieindustrie oder einer Kohlenzeche im Ruhrpott groß geworden ist, wird die Sorgen der Wedeler Kraftwerksanwohner möglicherweise übertrieben finden. Wer andererseits als Autobesitzer glaubt, er habe Anspruch darauf, seinen Wagen morgens so vorzufinden, wie er ihn am Abend abgestellt hat, der sollte den Wedeler Osten besser meiden. Die fingernagelgroßen Aschekrümel aus dem Kraftwerk sind ja nur der Anfang des Problems. Regnet es auf ein solchermaßen besprenkeltes Auto, sieht es hinterher aus, als habe sich jemand beim Zähneputzen darübergebeugt. Und wer versucht, diese Spuren zu entfernen, stellt bisweilen fest, dass er mit Lappen und Wasser zwar einiges erreicht, allerdings nicht die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands. Mal bleibt die Oberfläche stellenweise matt, mal zeigen sich in schwarzem Lack dunkelblaue Verfärbungen.

Ähnlich ergeht es Besitzern glasgedeckter Wintergärten. Selbst Profis mit speziellem Reinigungsgerät und entsprechenden Chemikalien können die Niederschläge nicht spurlos entfernen. "Flugasche kann – ähnlich wie Zement – an Glas anhaften", teilt Vattenfall dazu mit, weshalb sich "Glasüberdachungen teilweise nicht reinigen lassen".

Was müssen Anwohner einer Industrieanlage hinnehmen? Und wer prüft, ob sich die Zumutungen im Rahmen des Erlaubten halten?

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 40 vom 22.9. 2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Für das Kraftwerk in Wedel ist das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) zuständig, das dem grün geführten Kieler Umweltministerium unterstellt ist. Unter Anwohnern des Kraftwerks hört man über die Arbeit des LLUR nichts Gutes, was sich nachvollziehen lässt, wenn man dessen Mitteilungen liest. Das fängt an mit der Frage, wer im Einzelfall tatsächlich für welchen Schaden verantwortlich ist – es hat ja noch kein Anwohner den Weg einer einzelnen Ascheflocke aus dem Schornstein des Kraftwerks bis auf das eigene Glasdach lückenlos dokumentieren können. Eine Untersuchung des Niederschlags könnte helfen, dazu sieht man im LLUR aber keinen Anlass. "Eine Probenentnahme ist nicht erforderlich, da das Heizkraftwerk Wedel zweifelsohne Verursacher der Partikelniederschläge ist", teilte das Amt einer Anwohnerin mit. Gebühr für diese Auskunft und eine Reihe weiterer Mitteilungen ähnlicher Qualität gemäß dem schleswig-holsteinischen Informationszugangsgesetz: 224 Euro.

Das bunte Geriesel stammt zweifelsohne aus dem Kraftwerk? Bei Vattenfall hat man in dieser Frage durchaus Zweifel. Zum vorerst jüngsten Partikelregen teilt Vattenfall mit, man habe "keine Indikation dafür, dass es sich hierbei um einen Niederschlag aus dem Kraftwerk Wedel handelt". Es gebe, erfuhren Nachbarn per Mail, "auch eine Vielzahl weiterer Möglichkeiten, wie es zu Verunreinigungen kommen kann, die nicht ihre Ursache im Kraftwerk haben (Grillen der Nachbarn, Bautätigkeiten, Schiffsverkehr)". Ohne schlüssigen Nachweis aber bleibt alles, was Vattenfall bislang zur Regulierung der Schäden unternimmt, in der Sphäre der Kulanz, Ansprüche entstehen nicht. Und was das Unternehmen heute noch bezahlt, kann es morgen schon verweigern.

Kurios sind auch die Auskünfte in der Frage, wie gefährlich es ist, was da auf Anwohner und ihr Eigentum niedergeht. Aus der Aufsichtsbehörde erfuhren die Nachbarn des Kraftwerks schon im Frühjahr, dass der Partikelregen harmlos sei. Umso mehr irritiert es sie, dass das Landesamt erst Monate später eine Untersuchung in Auftrag gab. Ergebnis: harmlos. Vattenfall selbst ergänzt, wenn aus ihrem Schornstein Partikel kämen, dann handle es sich größtenteils um Gips aus der Rauchgasreinigung und um sogenannte Flugasche, beides seien "zugelassene Baustoffe", mithin ungefährlich.

Im Oktober will sich der Umweltausschuss des Kieler Landtags zum ersten Mal mit dem Wedeler Baustoffregen befassen. Dann sind es noch gut zwei Jahre, bis die Verantwortung wechselt: Ab 2019 übernimmt das Land Hamburg das Wärmenetz von Vattenfall und damit auch das alte Kraftwerk. Hamburg sucht seit Jahren nach einer Alternative zu dem Kohlekraftwerk, gerade hat die Landesregierung ihre Pläne für einen Neubau am alten Standort verworfen und beginnt die Suche von Neuem. Was immer die Wedeler erdulden müssen, bis dieser Prozess abgeschlossen ist, vom Jahr 2019 an werden die Hamburger dafür verantwortlich sein.